Pommes

Ich mache mir grade Pommes, schnöde Tiefkühl-Pommes. In meinen Augen muss man nicht immer ein Diorama aus Nahrungsmitteln für eine einzige Mahlzeit ausbreiten. Ich werde gleich einfach nur Pommes essen. Manchmal esse ich eine Schale Pilze – genug um davon satt zu werden. Manchmal einfach nur ein-zwei Scheiben Brot – „trockenes“ Brot, frisch vom Laib geschnitten. Manchmal eine Packung Bratwürste – roh, so wie sie aus der Packung kommen. Manchmal Fischstäbchen – so viele eben bequem in meine Pfanne passen.

Viele meiner Mahlzeiten sind keine Bausätze aus Vorspeise, Hauptgang, bestehend aus eigentlichem Essen, Beilage, Garnierung, Soße und pfiffiger Beigabe, danach Nachtisch.

Wenn ich das Pech habe, auf eine meiner Mahlzeiten angesprochen zu werden und dann wahrheitsgemäß antworte, dass ich diese oder jene eine Sache esse, werde ich immer gefragt „Und nichts dazu?“

Ich weiß, dass diese Frage nur ein Reflex ist, aber mich stört die Unterstellung mir und meiner Antwort gegenüber. Im Grunde wird doch angezweifelt, dass ich alles, was als Antwort zu nennen gewesen wäre, wirklich genannt habe. Und demnach muss ich angestoßen werden, wirklich alles preiszugeben und nicht nur einen Teil. So als würde ich mitten in einer Vorstellungsrunde nur meinen Vornamen sagen und dann schweigen – entweder aus Berechnung oder mentalem Defizit. So als würde ich das Alphabet aufsagen und bei K narkoleptisch werden, sodass man mir einen Klaps verpassen muss, wie bei einem alten Fernseher.

Wenn meine Antwort „Pommes“ lautet, ist das die Antwort. Die ganze Antwort.

TV

Vor genau einem Monat bin ich aus meinem kleinen 34qm-Appartement in eine vollwertige Wohnung mit 65qm Wohnfläche, einer richtigen Küche und Trennung zwischen Wohn- und Schlafzimmer gezogen. Die Sache, auf die ich rund um meinen Umzug am häufigsten angesprochen wurde, ist ein Fernseher: ob ich mir einen anschaffen werde, jetzt wo ich in meiner richtigen Wohnung auch Platz dafür habe, wohin ich meinen Fernseher stellen werde oder ob ich mir auch einen ins Schlafzimmer hängen will.

Ich hätte nicht gedacht, dass Fernseher noch diesen Stellenwert im Konzept des heimischen Wohnens haben. Für mich ist das Internet viel wichtiger, denn es gibt mir die unüberschaubare Zahl von Möglichkeiten, mich thematisch zu beschäftigen und frei meinen Interessen nachzugehen – auch wenn ich 99% der Zeit nur in 1% meiner Lesezeichen unterwegs bin. Dass mir das Fernsehprogramm, ebenso wie das Radio einfach eine endliche Anzahl nicht verhandelbarer Inhaltsfolgen nach der Logik „Friss oder stirb“ ausspuckt, ist für mich zu einem archaischen Konzept geworden.

Fast alle, die mich auf ein Fernsehgerät angesprochen haben, wohnen mit einem anderen Menschen zusammen. Ist es also die Institution des gemeinsamen Fernsehabends (gern auch als DVD- oder Stream-Abend), der einen Fernseher so selbstverständlich macht? Würde ohne Fernseher jeder nur in Ein-Personen-Aktivitäten (Lesen, Spielen, Surfen) verkriechen?

Aktuell wäre ein Fernseher für mich nur eine visuelle Verlängerung von entweder einem Stream, den ich schaue oder meiner PS4. Da tut es auch ein Monitor.

Musikdienstleister

Erst wenige Nächte liegt es zurück, dass mich mein Weg in ein hiesiges Musiklokal namens „The Cave“ führte und ich schwanger von Bier nach lauter Musik und gleichgesinnter Gesellschaft strebte. Einige Lieder und ein weiteres Bier später entspann sich eine sehr oberflächliche Interaktion mit einer Dame, deren Anwesenheit gleichsam motiviert war wie meine. Nur schien sie nicht bedingungslos begeistert von der Musikauswahl der DJane und auch ein paar meiner spontan abgesetzten Musikwünsche schienen da nichts zu helfen. Zu meinem Glück ließ sich mit einem Wort eine mögliche Lösung explizieren: „Rammstein!“

Das war dann also der Dame sehnlicher Musikwunsch, den ich flugs zur Meisterin an den Plattentellern trug, freudig gleich der Problemlöser zu sein und dieser noch nicht wirklichen Bekanntschaft vom Start weg eine positive Richtung zu geben. Ich bat also um Rammstein und erhielt prompt die sehr resolute Antwort, dass die DJane Rammstein hasse und auf keinen Fall auflegen werde. In diesem Moment, den ich vorletzte Nacht zum Glück zu betrunken und zu sehr auf etwas anderes fokussiert war, um ihn ausführlich zu durchdenken, wurde in meiner Wahrnehmung eine  meiner Grundannahme über DJs verneint. Brutal überspitzt gesagt kann man einen DJ als den zuständigen Dienstleister für die allgemeine musikalische Bespaßung sehen. Aus diesem Grund gehen Gäste ans Pult und setzen Wünsche ab, so wie ein Restaurant-Besucher dem Kellner seine kulinarischen Wünsche mitteilt. Ein Kunde-Dienstleister-Verhältnis.

Ist nun aber ein DJ wirklich der Kellner im Club? Auch Restaurants überlassen die Wahl des Gastes keiner absoluten Willkür. In einem italienischen Restaurant kann man nicht einfach Sushi bestellen und eine reibungslose Erfüllung verlangen. Serviert wird nur, was auf der Karte steht (oder mit ausreichend Vorlauf vereinbart wurde). Ist der DJ der Küchenchef, der die Karte zusammenstellt und Gerichte aufnimmt oder streicht?

Das Produkt, das ein DJ anbietet, ist Unterhaltung, also eine Form der Stimulanz in den Rezipienten. Gleichsam tun dies Komponisten, Maler, Regisseure etc. – also Künstler. Der künstlerische Schaffensakt gilt für viele als intimer Vorgang und regelrecht heilig. Kein freier Künstler lässt sich diktieren, wie sein Werk zu sein hat. Kein Musiker lässt sich vom Endverbraucher sagen, welche Reime er zu texten hat, welche Instrumente am lautesten sein sollen oder welche Tonart zu spielen ist. Ist ein DJ also ein Künstler, dessen Freiheiten zu achten und zu respektieren sind, auch wenn es bedeutet, dass ein bestimmter Interpret als Tabu gilt?

Ich beziehe mich hierbei nur auf die lieben Leute, die in kleinen bis mittelgroßen Lokalitäten die Themenabende beschallen und nicht etwa auf große Namen, die auf Festivals ganze Hallen versorgen und v.a. für einen eigene Sound und Stil bekannt sind. Mir geht es um die Discotheken, Clubs und Musiklokale mit ihren wiederkehrenden Themen-Abenden und stadtbekannter Konfiguration an Publikum und Stilrichtungen. Sind diese DJs dazu berechtigt, eine persönliche Präferenz oder Abneigung bedingungslos in ihre Tätigkeit einfließen zu lassen? Zur Erinnerung: Ich habe mir in einem Rockmusik-Keller die Band Rammstein gewünscht, also keine bizarre, völlig gegen das Ambiente gehende Musik. Hätte die Antwort gelautet, dass die DJane Rammstein nicht dabei hat, wäre dieser Text niemals entstanden, aber ich glaube, dass „nicht dabei“ auch eine aussterbende Ausrede ist aus der Zeit, in der man Plattenkoffer mit sich schleppte, wenn man aufzulegen hatte.

Was ist nun meine Meinung zu dem Thema? Ich finde es legitim, dass DJs Grundsätze haben und auch persönliche Geschmäcker in ihr Wirken einfließen lassen. Immerhin ist das auch ein Grund, weshalb ein wirklicher Mensch am Pult steht und ich mag es, wenn ich im Laufe des Abends merke, was der DJ im Moment oder einer bestimmten Phase des Abends vorhat. Öffnet man sich aber für Wünsche und lässt sie generell zu, dann muss man auch damit rechnen, dass nicht jede Anfrage den eigenen Vorstellungen entspricht. Was hätte die DJane getan, wenn sich nach mir noch zwanzig andere ebenfalls Rammstein gewünscht hätten? Sind unsere Gesuche an den DJ überhaupt berechtigte Forderungen an jemanden, der sich daran zu orientieren hat oder sind sie schon immer nur Bitten gewesen, die ein jeder Musikverwalter frei nach eigener Willkür annehmen oder abschmettern darf?

Ich verlange von keinem DJ, dass er jeden Wunsch bringt, aber er sollte sie in Betracht ziehen und mit seinem Plan für den Moment oder den Abend abgleichen. Etwas rigoros abzuschmettern wirkt unprofessionell, wenn man es mit einer rein subjektiven Abneigung begründet. DJs sind keine Marionetten, aber sie sind immer trotzdem auch situative Dienstleister und sollten daher immer ansprechbar bleiben und eine Aura der Aufgeschlossenheit ausstrahlen. Zur Jukebox werden sie dadurch noch lange nicht.

Ganz kurz was über die AfD und unser Wahlensystem

Die AfD hat bei den vergangenen Wahlen Achtungserfolge eingefahren und wie immer wird sich hinterher über soetwas echauffiert. Natürlich hat ihnen die Flüchtlingskrise eine Steilvorlage geliefert. Reaktionäre Parteien wie die AfD werden immer wieder mal von einer Welle der Wogen des Weltgeschehens nach oben getragen. Was die Aufreger in meinen Augen aber nie stark genug in den Fokus ihrer Aufregerei stellen, ist der Mechanismus der Wahl dieser Parteien. Zu verurteilen waren die Inhalte der AfD schon vor der ersten Stimmabgabe. Dass es eine Vielzahl an Mitbürgern gibt, die ihr Recht auf politische Mitbestimmung nicht gegen die AfD gebraucht haben, ist das Problem.

Der demokratische Mechanismus gibt (auf dem Papier) allen Ideen die gleiche Chance. Demokratie bedeutet, dass von unten entschieden wird, wer oben an den Hebeln sitzt. Ich würde daher tendenziell nicht auf jene feuern, die gewählt werden wollen sondern auf deren Wähler und die Nicht-Wähler. Auf dem Papier erscheint das Konzept nämlich idiotensicher:

Ich vertrete einen radikalen Silentismus. Stille ist das höchste Gebot. Kein Mensch und keine Maschine darf eine feste Dezibel-Grenze übersteigen. Alles muss auf die physikalisch leiseste Variante umgebaut und umgeformt werden. Meine Nation soll absolut Zen sein. Eine 81-Millionen-Einwohner-Bibliothek.

Dass diese Haltung Wahnwitz darstellt, sollte außer Frage stehen, dennoch erlaubt mir die Demokratie, für mich und meine Ideen zu werben und andere Menschen dazu aufzurufen, mich zu wählen. Ich darf mich aufstellen lassen und aus meiner Ein-Mann-Kampagne eine Partei schaffen, Mitglieder rekrutieren und in den politischen Betrieb einsteigen. Ich darf gewählt werden und nun kommt der mathematische Kniff, den keiner wirklich ernst nehmen will: Die halbe Nation hat keine Lust aufs Wählen und somit verschiebt sich das relative Verhältnis der absoluten Stimmabgaben drastisch zu meinen Gunsten. Ich mit meiner radikalen Irrsinns-Idee habe gleichsam radikal denkende – oder zumindest empfindende – Wähler angelockt, die berauscht von der Chance auf einen extremen Umbruch zugunsten ihrer sonst belächelten, beschimpften, belachten Meinung auf jeden Fall wählen gehen. Hinzu kommen einige, die wählen wollen, aber unzufrieden mit dem typischen Angebot sind und keinen Nerv für eine ausführliche Sichtung von Parteiprogrammen haben. Ihnen reicht entweder der Überdruss als Push-Faktor oder eine ganz schnaffte klingende Parole aus meinem Lager als Pull-Faktor und der Käse ist geschnitten.

Während dieses gesamten Prozesses, von meiner ersten Eingebung für den radikalen Silentismus bis hin zum Wahlerfolg, ist eigentlich allen klar, dass man sowas nicht als Grundlage für eine Gesetzgebung heranziehen sollte. Dennoch setze ich mich durch und werde neuer Gottkaiser der Stille, denn das Volk hat es nicht verhindert. Ganz recht, „nicht verhindert“ statt „so gewollt“. Mehr als offensichtlich gab es viel mehr Bürger, die mich nicht gewählt haben (sondern andere Parteien oder eben gar nicht) als jene, die mich wirklich gewählt haben. Das System hat mich dennoch gewinnen lassen. Es waren nicht genug Wähler aktiv gegen mich und gezählt werden nur abgegebene Stimmen. Wie stark man gegen mein Gedankengut schon viel eher, viel stärker oder viel besser hätte vorgehen müssen, ist eine andere, viel schwerwiegendere Frage der moralischen Kulturlandschaft. Aktiv vermeiden, dass mich überhaupt jemand hätte wählen wollen? Das klingt nicht nur anstrengend, das ist es auch. Während einer langwierigen Kultivierung einer entsprechend aufgeklärten Sicht- und Denkweise muss dann eben einfach von Wahlgang zu Wahlgang sichergestellt werden, dass meine Stimmen kein Gewicht haben. Man muss nichtmal Interesse an oder Lust auf Politik haben. Es reicht völlig aus, nicht zu wollen, dass einer wie ich dem Land den Mund verbietet. Zu spät.

Und jetzt Ruhe im Staat! Der Gottkaiser hat gesprochen.

Lesen

Ein seit Ewigkeiten anhaltender Trend, an den sich anscheinend jeder früher oder später hängt, ist Buch-Propaganda. Lesen ist toll, lesen ist ruhig, harmonisch, kultiviert, magisch usw. Bilder von Bibliotheken, Buchhandlungen, persönlichen Lese-Nestern – das alle gern auch garniert mit sinnhaft gemeinten Sprüchen, dass Lesen eine unendliche Welt phantastischer Geschichten und wertvollster Nahrung für Herz und Hirn sei, den Horizont erweitere und so weiter.

So. Ein. Scheiß.

Bücher sind ein Medium. Medien transportieren (in diesem Fall) Inhalte. Inhalte können schlecht sein, gradeweg beschissen oder sogar gefährlich, was charakterliche, psychologische, soziale oder humanistische Bildung angeht. „Mein Kampf“ ist auch ein Buch. Es sollte klar sein, worauf ich hinaus will. Die Buch-Propagandisten ignorieren, dass es Bücher gibt, die man meiden sollte. Wahrscheinlich gehen sie davon aus, dass Faschisten keine gemütlichen Menschen sind, die sich auch gern mal mit einem arischen Tee in ihre Kuschelhakenkreuzdecke eingewickelt einer rassistischen Lektüre widmen.

Ich will mich aber nicht rein auf dieses übermäßig polemische Beispiel versteifen. Ganz unabhängig davon gibt es eine Masse an Büchern, die nicht gelesen werden sollte, aus verschiedenen Gründen. Ein Buch einfach als „schlecht“ zu bezeichnen, funktioniert nicht als Argument, denn ein solches Urteil ist rein subjektiv und ich will auf keinem Fall irgendwem verbieten, einer für sie/ihn erquicklichen Lektüre nachzugehen. Ich würde eher von schädlichen Büchern reden, von Büchern, die ungesunde Weltbilder oder Konzepte, vielleicht sogar Ideologien, vermitteln. Das können ganz kleine Verfehlungen sein, z.B. falsche Vorstellungen von Liebe, Freundschaft, Romantik usw. (also abstrakten Ideen) oder gesellschaftlichen Konstrukten wie der Rolle der Frau, dem Zusammenleben verschiedener Kulturen oder der Haltung Staatsorganen gegenüber.

Die Palette ließe sich durch reine Aufzählung schier ewiglich erweitern. Wichtiger als eine imposante Liste ist mir folgender Grundgedanke: Ich meine hierbei keine offen an den Leser adressierte Propaganda, sondern jede Form von Literatur. Auch eine zu Tränen rührende Romanreihe über eine junge Dame und ihren Vampirliebhaber kann ungutes Gedankengut pflanzen, wenn sie ein übermäßig devot-passives Frauenbild zeichnet. Hier wird indirekt geschildert, wie etwas zu sein hat, erst recht, wenn dadurch ein „Happy End“ herbeigeführt (also herbeigeschrieben) wird. Nicht jeder reflektiert kritisch über die präsentierten Konzepte der aktuellen Lektüre, aus Mangel an Reflektionsvemögen oder einfach aus Mangel an Lust. Unterhaltung soll ja schließlich unterhalten.

Ich weiß, dass mein Grundgedanke eigentlich eine längere Diskussion darüber nach sich ziehen muss, was unter „gut“, „schlecht“, „schädlich“, „nützlich“ etc. zu verstehen ist, denn so richtig gelandet ist der Adler andernfalls nicht wirklich, aber noch weiter will ich mich nicht vom Ursprung der Sache entfernen.

Wir fassen daher zusammen: Die Glorifizierung vom Lesen an sich ist in meinen Augen zu pauschal gedacht und gesprochen, denn ein Medium ist nicht mit seinen Inhalten gleichzusetzen. Verkehrt man die pauschale Glorifizierung in eine pauschale Verteufelung landet man übrigens bei Computerspielen. Hier würden wir doch auch nicht jedes Spiel als verdummend und verrohend abstempeln – wenn wir uns nur halbwegs reflektiert mit den Inhalten dieses Mediums befassen.

Propagiert nicht einfach das Lesen! Propagiert großartige Bücher!