Hauptsache anders

Jeder kennt diesen einen unnötig existenten Menschen in seinem Umfeld – dieses eine Subjekt, das einfach nicht ganz normal, kollegial, sozial, freundschaftlich, kameradschaftlich mitspielen kann.

Mottoparty „Dschungel“: Er kommt als Bulldozer.

Mottoparty „Himmel“: Er kommt als Teufel.

Mottoparty „Ganz in Weiß“: Nein, er kommt nicht ganz in Schwarz, sondern so knallbunt wie es geht. Neonfarben, auch die Perücke.

Jeder der Gäste – und die Gastgeber auch – hatte kurz den Gedanken, wie aberwitzig es wäre, als das genaue Gegenteil oder ein schadenfreudige Pendant aufzutauchen, aber weil wir keine vier Jahre alt mehr sind, lassen wir den Mist und verhalten und respektvoll dem Motto gegenüber, auch wenn wir Mottoparties saudumm finden – oder vielleicht sogar grade deswegen. Augen zu und durch, wenn man schon nicht die Eier hatte, abzusagen, weil man Mottoparties saudumm findet.

Spontanes Verhalten ist auch betroffen.
Alle sollen die linke Treppe nehmen. Er rennt kichern und winken die rechte Treppe lang. Man hätte sie verminen sollen.

Ich habe keine Ahnung, was in solchen Menschen vorgeht. Man kann originell sein, ohne ein Störenfried zu sein. Man kann anderen ihren Spaß lassen und trotzdem seinen eigenen haben – ohne eine bewusste Brechung mit genau dem Spaß der anderen dafür zu brauchen.

JJJ

Spider-man was behind it… helping Doctor Octopus, wasn’t he?? Even if you didn’t see him… he could have been here, couldn’t he??“
[…]
„For all we know, Ock is really Spider-man in disguise!“
[…]
„Okay! Okay! So I forgot!“

J. Jonah Jameson ist ein Psychopath.
(Definition: „Person mit gestörtem Gefühls- und Gemütsleben und/oder einem Verhalten, das dem Bild einer selbstverantwortlichen Persönlichkeit nicht entspricht.“)

Ursprünglich ist diese Figur als interessantes Vehikel für ein Spannungsverhältnis der Hauptfigur zu ihrer Umwelt erfunden worden: Peter Parker ist seit dem Tod seines Onkels genötigt, ein Zubrot zum Haushalt bestehend aus ihm selbst und seiner fragilen hochaltrigen Tante May zu leisten. Da Peter schon vor Onkel Bens Tod Kapital aus seinen Superkräften geschlagen hat, geht er auch nach seiner Läuterung und Transformation zum Helden diesen Weg: Er fotografiert seine Abenteuer als Spider-man und verkauft die entstandenen Bilder an eine Tageszeitung. Das erwähnte Spannungsverhältnis ergibt sich aus der Tatsachen, dass der dazugehörige Verleger, namentlich J. Jonah Jameson eine brodelnde Verachtung gegen Spider-man hegt und die von Peter Parker gelieferten Bilder für eine fortlaufende Schmutzkampagne gegen den Netzkopf verwendet. Fertig ist die Seifenoper-Misere: Peter Parker ist jung und braucht das Geld, also verkauft er weiterhin Bilder an JJJ und füttert somit ihn und dessen Hasskampagne.

Ich lese derzeit die frühen Jahre Spider-mans und dort verbleibt die Figur JJJ sehr oft ein einem konkreten Schema: Spider-man ist in eine Art Abenteuer verstrickt und zeitgleich oder nachträglich verdreht JJJ die eigentlichen Geschehnisse hin zu einer zurechtgebogenen Narrative, in welcher Spider-man der Bösewicht, der Urheber der Gefahr, der Grund hinter der Zerstörung etc. ist. Prägend hierbei ist, dass JJJ die Ereignisse uminterpretiert, also eine existente Situation mit einer eigenen Bedeutung befüllt. Er erfindet „wahre“ Intentionen Spider-mans und sehr gern auch Absprachen zwischen Spider-man und den Schurken. Wichtig hierbei: Er nimmt, was er sieht/hört und klebt seine Erklärung (ergo: Interpretation) drauf.

Das ganze Konzept ist halbwegs originell und ich erduldete es beim fortlaufenden Lesen als eine Gegebenheit der Erzählwelt – bis zu jenem Zeitpunkt als er eine Grenze überschreitet. Nachdem Doctor Octopus einen Militärkonvoi überfallen und den Prototypen einer Waffe gestohlen hat, konstruiert ein nachträglich eingetroffener JJJ eine frei erfundene Version der Geschehnisse unter der Maßgabe, dass Spider-man an dieser Stelle ein Verbrechen verübt haben muss. Selbiger war zum Zeitpunkt des Überfalls nichtmal im selben Stadtteil und niemand der Augenzeugen erwähnt Spider-man auch nur.
JJJs Ansatz Nr. 1 ist: Spider-man war zwar nicht zu sehen, aber er hätte Doc Ocks Komplize sein können. Hier interpretiert er nicht mehr, er konstruiert. Sein eigener Sohn sagt ihm ins Gesicht, dass der Vorfall nichts mit Spider-man zu tun hatte – zum Glück, denn jedes „Keine Ahnung.“ oder „Weiß ich nicht.“ hätte JJJ wahrscheinlich gereicht.

JJJs Ansatz Nr. 2 ist: Da keine Spur von Spider-man zu finden ist, muss Spider-man eine andere Identität angenommen haben, natürlich die der Gefahr, also Doc Ock. Zu allem Überfluss formuliert JJJ seine Behauptung auch noch als allgemeine Maßgabe und angeblichen Konsens: „For all we know…“ Er zieht seine Gesellschaft hinein in sein Konstrukt, distanziert sich davon, Verfasser seiner Lüge zu sein. Als Journalist muss er sich ja schließlich auch zum Berichterstatter stilisieren, nicht als Autor.
Dieses Mal ist es an Robbie, JJJ an die Welt der Fakten zu erinnern: Spider-man und Doc Ock wurden schon oft zusammen gesehen, sie können nicht dieselbe Person sein. Diese Wahrheit passt nicht in JJJs Konstrukt, also tut er so als würde er zugeben, dass er vergessen hätte, dass die beiden oft zusammen gesehen wurden – er, der jeden Schritt von Spider-man verfolgt und ausschlachtet. Zum Glück verfolgt JJJ seine Hirngespinste in dieser Situation nicht weiter, sondern lenkt ab, indem er seine Souveränität wieder repariert und den Chef markiert, der nach seinem unnützen Fotografen Peter Parker verlangt. Gut und gerne hätte JJJ auch noch eine und noch eine Version der Ereignisse entwerfen können, immer und immer wieder mit Spider-man als Kern allen Übels.

Wir sehen hier einen Mann, der in der welt um ihn herum nach Ansatzpunkten sucht, seine Ideologie anzubringen. Seine Weltanschauung muss angewendet werden. Was passiert ist oder wie die Dinge sich darlegen, ist dabei unwichtig. Er braucht nur Trägermaterial, dem er seine Erzählung überstülpen kann. So albern und schrullig JJJ bis zu dieser Szene war. Hier ist die Figur für mich gekippt. Er deutet nicht nur in seine Richtung, er definiert die Erzählung, egal was sich in Wirklichkeit ereignet hat. Die Hauptsache ist, das Feindbild zu propagieren, auch wenn der Feind weit und breit zu sehen ist.

Und dieser Psychopath bestimmt, was eine Tageszeitung auf dem Titel trägt.

Cool motive. Still murder.

Eine der für mich besten und wichtigsten Aussagen im Rahmen von „Brooklyn Nine-Nine“: Peralta erkennt an, welche Beweggründe hinter der Tat steckten, er findet sie sogar cool, aber ein Mord ist ein Mord. Die Tat hat einen Namen – weder Notwehr, noch Totschlag oder etwas anderes. Mord.

Was wir den Dingen und Handlungen um uns herum für Herleitungen und Bezeichnungen geben, ändert die Natur der Sache nicht. Dennoch ist das Ringen um die beste Verschleierung ein stetes Streben. Kommunikation erfordert Koordination zwischen Menschen und lässt Weltwahrnehmungen aufeinander prallen. Das merkt man schon im Kleinen, wenn man sich nicht darüber einigen kann, ob es grade kalt ist oder nicht, ob ein Gegenstand schwer ist oder nicht, ob ein Film spannend war oder nicht.

Wir erfahren und erleben die Welt und aus unserer subjektiven Wahrnehmung heraus erklären wir unsere Eindrücke. Natürlich müssen da Abweichungen entstehen, wenn Menschen aufeinander treffen. Filme, Temperaturen und Gewicht sind Firlefanz, bei denen Unstimmigkeiten sogar amüsant sein können. Was ist aber, wenn es um (Un)Wahrheit, (Un)Gerechtigkeit und Rechtfertigungen geht?

Meinungen sind Eigensache und gehören toleriert. Hier besteht ein Unterschied. Eine korrekt geäußerte Meinung wird als subjektives Angebot präsentiert, nicht als Definition eines Sachverhaltes.

Made in China

Chinesische Billigprodukte und Produktpiraterie sind ein Segen für den westlichen Kapitalismus und die großen Marken wie Nike und adidas wissen es und kalkulieren damit. Der eigene Hochglanzmist glänzt nur dann am schönsten, wenn man ranzigen dReck daneben stellt. Das Spannendste an Edelmetallen und -steinen ist die Entdeckung, dass es kein Imitat ist, sondern echt! Besitzt man echten Goldschmuck, echte Diamantohrringe oder eben echte limitierte Turnschuhe der Topmarke des Tages, geht man mit einer Art Unantastbarkeit auf die Straße und kann sich unendlich oft in eine gestellte Untersuchung begeben, aus der man immer siegreich hervorgehen wird. Untermauert werden die Wertigkeit und Echtheit des eigenes Besitztums (und aufgrund der unauflöslichen Verbunds zwischen Akteur und Eigentum auch die Wertigkeit und Echtheit der eigenen Person) durch eine Wahrnehmbare Skala des Geldwertes. Dankbarerweise verlängern Billigprodukte und Piraterie dieses Skala und ermöglichen die Rechtfertigung hoher Ausgaben für „echte Markenware“ und garnieren den überteuerten Kauf mit dem Orden, nicht auf ein Imitat hereingefallen zu sein.
Derweil klopfen sich all die Billigproduzenten und Markenpiraten auf die Schulter, weil es Millionen von Menschen gibt, die viel mehr Geld als irgendwie rational notwendig in die Hand nehmen, um sich Kleidung und „Accessoires“ zu kaufen, damit sie „Fashion Statements“ machen können. Billiger Ramsch funktioniert aus dem gleichen Prinzip wie Spam-Mails nach wie vor versendet werden: es kommt weiterhin genug Gewinn dabei raus, dass es sich lohnt weiter zu machen. Als ob ausgerechnet dieser Teil der Wirtschaftswelt blind für Kosten-Nutzen-Bilanzen wäre. Hier wird der Kapitalismus so unverfälscht und ehrlich gelebt, wie es die ganze legale Industrie sich niemals erlauben könnte: so wenig wie möglich Geld in Produktion und Vertreib stecken und so viel wie möglich wieder rausholen, egal mit welchen Mitteln.

Und noch was: Hier in unserer westlichen Denkwelt amüsiert man sich gern über offensichtliche Produktpiraterie: Sunbucks Coffee, HIKE Sports, adadis.
China kommuniziert über Schriftzeichen, grafische Elemente, die Konzepte vermitteln. Wir bilden Ketten aus Lauten ab. Für uns (außerhalb der Wissenschaftsdiskurse und Tafelwerke) steht ein E nur für eine sehr kleine Anzahl an Lauten, die wir von uns geben müssen, wenn wir dieses Zeichen vor uns sehen. „Besen“ beinhaltet zwei davon. Für jemanden, der aus einer Welt der Schriftzeichen stammt, ist ein hochheiliges Wort wie adidas eine Anordnung von Kringeln und Strichen, die irgendeine Legende von Sportlichkeit und Geldbesitz erzählt, aber der Erfinder dieser Kringel-Strich-Zeichnung erlaubt niemandem sonst, die exakte Version seiner Mini-Legende abzubilden, also ändert man einfach ein paar Striche und Kringel, aber das Erscheinungsbild erinnert nach wie vor an die „geschützte“ Form der Legende von Sportlichkeit und Geldbesitz: adadis, adibas, abadas usw.
Aktuell sickern Emojis immer stärker in unseren alltäglichen schriftlichen Sprachgebrauch. Apple, Google, Facebook Samsung & Co. verwenden unterschiedliche Zeichensätze für ihre „Emoji-Alphabete“, dennoch erkennen wir immer das Konzept „vor lauter Lachen Tränen in den Augen haben“, egal in welcher Stilrichtung wir es sehen. So stelle ich mir die Chinesische Sicht des westlichen Markenkults vor.

Schnelltext: Straßenverkehr

Sich von A nach B bewegen müssen, ist eine tägliche Pflicht, die nahezu jeden von uns trifft. Genau deswegen trifft nahezu jeder von uns auf nahezu jeden von uns: im Straßenverkehr. Aus ganz eigenen Gründen ist eben dieses Zusammentreffen einer der asozialsten Vorgänge unseres modernen Zusammenlebens.

Die Tatsache, dass Feuerwehr, Polizei und Rettungswagen mit brutal lauten Sirenen fahren müssen, sagt auch so einiges über unsere Gepflogenheiten im Verkehr aus.

Scheinbar instinkt- oder triebgesteuert auf Ankommen fixiert, wird jede Unterbrechung der Fortbewegung als persönliche Beleidigung empfunden, jede Unaufmerksamkeit als Totalversagen würdig einer Todesstrafe. Die gegenseitige Wahrnehmung ist ohne jede Empathie. Es heißt: „Der Audi pennt total!“ anstatt „Der Mensch in diesem Audi hat eben was nicht mitbekommen.“

Jeder Weg ist eine heilige Mission, jeder Mitmensch ein Störenfried.

Home Office

Einer Meldung zufolge, die mir Sara ins Feed getwittert hat, beendet IBM die Heimarbeit vieler Mitarbeiter. Für 2.600 angestellte wird sich das Arbeitsleben und -empfinden demnach grundsätzlich verändern. Der Meldung zufolge gehörten laut IBM „wirklich kreative und inspirierende Standorte“ zum Erfolgsrezept des Unternehmens. Betroffen sind zunächst nämlich ausschließlich Angestellte aus dem Marketing, also einer Abteilung, die durch kreativen Anspruch geprägt sein dürfte.

Sind nun Kreativprozesse aber nicht viel fruchtbarer, wenn man frei und in einem wohltuenden Umfeld ist, also daheim, wo man sich beim Nachdenken auch mal im Pyjama auf dem Sofa wälzen kann? Wo bleibt dabei aber die Zusammenarbeit als Team und die Nähe zu den Kernwerten des Unternehmens bzw. der Marke, die nach außen kommuniziert werden soll?

Ich habe zum konkreten Fall von IBM und Heimarbeit (oder „Home Office“) eine aktuell und eine ideelle Meinung. Zunächst die ideelle: Unsere Technologie erlaubt es uns längst, Bürotätigkeiten von nahezu überall aus zu erledigen. Computer sind tragbar, Telefone mobil und Daten in der „Wolke“. Nach und nach geben uns unsere eigenen Arbeitsgeräte mehr und mehr zu verstehen, dass wir nicht lokal gebunden sind – wir brauchen lediglich Empfang und (ab und zu) Strom, schon können wir arbeiten und uns mit dem Rest des Kollegiums und quasi auch der ganzen Welt vernetzen. Streng genommen ist der Ort egal geworden. Wenn etwas wirklich egal ist, erübrigt das die Frage nach dem Zwang, daher haben – in meiner ideellen Meinung sprechend – die technologischen Tatsachen dafür gesorgt, den erzwungenen Aufenthalt in einem Büro obsolet werden zu lassen. Ob jetzt davon jede Bürokraft betroffen ist oder sein kann, ist wiederum eine hier nicht zu klärende Frage. Ich selbst bin Agenturmensch und denke und lebe wie einer, weshalb ich mich an und ab durchaus frage, weshalb ich ein und dasselbe MacBook morgens ins Büro bewege und abends zurück zu mir nach hause. Besonders an Tagen, an denen in Daten gewühlt werden muss und ich lange Tabellen jongliere, Präsentationen „schrubbe“ oder Anzeigenbuchungen abarbeite, drängt sich mir die Frage auf, warum ich aus meiner lokalen Isolation meiner Wohnung in die mentale Isolation der Konzentration am Rest des Büros vorbei gewechselt bin. Verloren habe ich scheinbar nur die Zeit, die ich unterwegs verbracht habe.
Ganz voll all dem abgesehen ist jeder Berufspendler weniger auf den Straßen eine aus vielerlei Hinsicht willkommene Einsparung.

Meine aktuelle Meinung ist für das regelmäßige Verlassen des Privatraumes zugunsten eines offiziellen, wenn nicht sogar öffentlichen Ortes der Arbeit. Dort, wo man Privatmensch ist, sollte keine Arbeit stattfinden. Man sollte rituell das Privatleben verlassen und in das Arbeitsleben eintreten, ebenso zum Feierabend: die Arbeit bleibt zurück, das Privatleben beginnt wieder. Ob hierfür ein Arbeitszimmer ausreicht, kann ich nicht beurteilen, würde es für mich selbst aber nicht garantieren wollen. Mein Gefühl sagt eher: besser wäre das Verlassen der ganzen Wohnung zugunsten eines anderen Hauses, das rundum der Arbeit gewidmet ist, damit auch in den anderen Etagen Arbeit stattfindet. Jetzt weicht das Argument etwas auf: Dieses Haus muss aber nicht die eine weltweite Zentrale sein, zu der die gesamte Belegschaft pendelt. Es kann einfach nur eine Sammlung von Büros sein, in denen Menschen allein arbeiten oder kleine Gruppen zusammenkommen. Das muss nichtmal eine vollwertige Zweigstelle sein, sondern was man landläufig als Coworking Space bezeichnet: Blanko-Büros, in die sich jeder spontan oder langfristig begeben kann, um dort zu arbeiten. Das Konzept begegnete mir erstmals während des Studiums in Form der Carrels der ThULB (Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek): „Einzelarbeitsräume“ innerhalb der Bibliothek, die man vorab reservieren oder bei vorhandenem Vorrat spontan ergattern kann.
Ich finde eine solche Einkehr in einen Arbeitsraum, der nicht der eigenen privaten Wohnung direkt angeschlossen ist und sich nicht innerhalb eines primär für das Wohnen angelegten Hauses befindet, ist fürs berufliche Denken und Fühlen wichtig. Kurz gesprochen kann man es auch auf zwei Punkte konzentrieren: 1. Man muss die Wohnung verlassen. 2. Um einen rum muss auch gearbeitet werden.
Wer das als erzieherische Maßnahme für den potentiell faulen Mitarbeiter sieht, hat nicht völlig unrecht, aber ich sehe es auch als wichtige Hygienemaßnahme dem Privatmenschen gegenüber: zum Feierabend wird der Ort des Arbeitens verlassen und damit der Anspruch, unmittelbar im Dienst zu sein. Dieses „Recht“ lebt jeder Fabrikarbeiter, jeder Zugführer, jeder Kellner.

Nachholerzählung

Rock of Ages, Flashpoint, Here comes tomorrow, Age of Ultron, Age of Apocalypse, Old Man Logan, Earth X, Dark Souls 1-3, Bloodborne, vielleicht auch Game of Thrones – all diese Ezählungen haben miteinander gemein, dass in ihnen die Nacherzählung vorangegangener Ereignisse kein notwendiges Übel, sondern ein bewusst eingesetzter Reiz und Lieferant für Erklärungsgrundlage für die Beschaffenheit der erzählten Gegenwart ist.

Ich möchte diese Technik „catching up narrative“ oder auch Nacherzählungsmechanik / Nachholerzählung nennen, denn es ist ein ganz eigener erzählerischer Ansatz, der jedes Mal eine ganz reizvolle Umkehrung der Ursache-Wirkung-Kette darstellt. Über die Frage „Wie konnte es hierzu kommen?“ betreibt der Autor Ursachenforschung als Erzähltechnik. Der Rezipient wird mit einem gegenwärtigen Zustand konfrontiert. Im Fall der genannten Comic-Sagen findet er sich in einer Zukunft wider, die aus anfangs noch unbekannten Gründen exakt so eingetreten ist. Bei den anderen genannten Werken (Dark Souls 1-3, Bloodborne, vielleicht auch Game of Thrones) wird zunächst die Gegenwart etabliert und nach und nach zu verstehen gegeben, dass eine signifikante Vorgeschichte das Jetzt und die herrschenden Wechselbeziehungen entscheidend geprägt hat. Dass nach und nach die Vorgeschichte aufgedeckt wird, legitimiert wiederum immer mehr die Gegenwart, denn diese ist dann nicht einfach als Fakt vom Himmel gefallen, sondern eben durch Ursachen er-wirkt worden.

Bei den Comic-Sagen ist der Kniff nochmal ein etwas anderer als nur die reine Nacherzählung der Vorgeschichte. Hier muss ein Bruch erklärt werden: der Auslöser für die neue Ist-Situation, die sich aus dem „normalen“ Jetzt-Zustand der regulären Heft-Kontinuität nicht linear herleiten lässt. Mindestens ein radikales Ereignis hat für eine gänzlich neue Dynamik aller Dinge gesorgt und diese Zukunft erst ermöglicht. Hier sind wir wieder beim urmenschlichen Bedürfnis nach Stimmigkeit der Weltordnung, nach einer Erklärung für unsere Situation, nach einem Sinnhorizont ohne Lücken.

Mit ist klar, dass der wesentlich stärkere Reiz dieser Zukunftsvisionen in der Abwandlung der bekannten Figuren steckt. Oft haben sie Furchtbares erlitten, Heldengruppen sind zersprengt, viele bekannte Figuren sind tot oder moralisch korrumpiert oder gebrochen – der (teilweise) Sieg des Abgrunds, gegen den stets so aufopferungsvoll gekämpft wurde. Die Befleckung des Helden, sein Fall, seine Schändung. Auch hier scheint ein urtümlicher Durst nach Pathos geweckt zu werden, aber was ist denn auch ein Held ohne Erduldung?

Was hält mich hier?

„Heimat“ oder „Zuhause“ (im Sinne des Zuhauses, aus dem man entstammt) definieren sich größtenteils über den Standort des Elternhauses, zumindest zu Beginn der Biographie. Über kurz oder lang gründet fast jeder junge Erwachsene einen eigenen Haushalt, nicht selten auch in einer anderen Stadt, sodass beim Umzug ein gewisser Schritt aus der regulären lokalen Konfiguration des Wohnens gegangen wird, besonders wenn man weit genug weg zieht, dass man sich neue Wohnort-Gewohnheiten anschaffen muss. Meine erste Wohnung nach dem Verlassen des elterlichen Nestes befand sich 250km entfernt vom alten Zuhause. Ich musste also eine neue lokale Konfiguration erstellen, neue Gewohnheiten schaffen und für mich kultivieren. Ohne dass es für mich eine gleißend helle Erkenntnis darstellte, lernte ich dadurch dennoch anhand gelebter Praxis, dass es ein absolut machbares und in Teilen sogar spannendes Projekt ist, umzuziehen und ein neues lokalspezifisches Leben zu entwerfen.

Seit diesem ersten Umzug habe ich noch zwei weitere Male die Stadt gewechselt und bin dabei innerhalb jeder von diesen beiden Städten nochmal umgezogen. Die „internen“ Wechsel waren weniger spannend, sondern nur dem Bedürfnis nach besserer Wohnqualität geschuldet. Was zählt ist, dass ich bislang dreimal neu in einer Stadt angekommen bin und damit auch automatisch dreimal ein vorangegangenes lokales Leben hinter mir gelassen habe. Solche Vorgängen können das Bewusstsein dafür schärfen, dass einen die Dinge, an denen man sich in seinem lokalen Leben festmacht, nicht so stark binden, wie man meinen mag.

Die Frage „Was hält mich hier?“ klingt immer sehr vernichtend. Was sind die persönlichen Vorteile des Bleibens? Was kommt unterm Strich für einen selbst dabei heraus? Dies kann zu einer harten Aufrechnung werden und manchmal lautet die Antwort nur, dass einen einfach nichts verlockt, woanders zu sein. Wenn es nach mir geht, sollte sich jeder ruhig ab und zu dieser Frage stellen und wenn die offensichtlichste Antwort (im Falle einer möglichst objektiven Diagnose) „Bequemlichkeit“ lautet, auch gern die Option erwägen, einen Umzug zu wagen. Mobilität ist einfacher durchzuführen und erfrischender als manche einer denkt.

RNG

Heute ist Montag. Am vergangenen Wochenende habe ich mich von gleich zwei Spielen nacheinander frustrieren lassen, weil ich den zerstörerischen Einfluss des Zufallsprinzips auf Spielspaß unterschätzt und mich außerdem von einer hochgradig ansprechenden Präsentation hab blenden lassen.

„Darkest Dungeon“ und „Enter the Gungeon“ waren die beiden Übeltäter, welche Raubbau an meiner Laune betrieben. Besonders das erstgenannte Spiel bedient sich sehr stark des Zufallsprinzips, ist es doch ein rundenbasierter Dungeon Crawler, bei dem ausgewürfelt wird, ob der Angriff überhaupt trifft, wie viel Schaden er macht, eventuell kritisch ist und ob er – falls Teil der Fähigkeit – seinen Effekt (Gift, Blutung u.a.) entfaltet. Die Architektur der Verließe, die Durchmischung der Gegnergruppen und wer weiß was noch sind ebenso zufällig generiert.

„Enter the Gungeon“ entwirft ebenso bei jeder Partie eine neue Anordnung des Verlieses und – was mich noch mehr stört(e) – den Inhalt der Schatzkisten. Während meiner Spielzeit gestern hatte ich keine Waffe zweimal vorgefunden. Manche Funde waren mäßig nützlich, einige eher sinnlos und einmal hatte ich eine gottgleiche Waffe vorgefunden, die mich das erste und einzige Mal einem Sieg gegen den Bossgegner nahe kommen ließ.

Wenn ich mich an ein Spiel setze, gehe ich gern wie ein vorurteilsbehafteter Wissenschaftler vor: Wiederholung des Experiments, bis eine Vorgehensweise den erwünschten Effekt erzielt. So bin ich aufgewachsen, mit Mario und Mega Man am NES. Kommt ein Zufallsgenerator ins Spiel, lässt sich das Experiment nicht unter gleichbleibenden Bedingungen wiederholen. Oder konkret aufs Spiel bezogen: Ich kann das Spiel nicht trainieren, wenn ich ständig von Zufällen bombardiert werde. Ein Hürdenläufer behält ja auch Schuhe, Untergrund, Höhe der Hürden und deren Anzahl und Abstand bei. Das nennt man Training.

Wie so oft macht auch beim Zufall die Dosis das Gift und zu viel Zufall ist in meinen Augen Beliebigkeit, Willkür. Meine Leistung wird irrelevant – im positiven wie im negativen Sinne. Niederlagen sind Pech, Erfolge sind Glück.

Wie eine so große Relevanz des reinen Zufalls in den beiden angesprochenen Spiel und gleichsam und vielen anderen Spielen, auch abseits des digitalen Raums, in Casinos und Kneipen, eine solche Akzeptanz und sogar Popularität erlangen konnte, ist ein faszinierendes Rätsel. Ich muss aber schon unterscheiden zwischen Roulette und „Darkest Dungeon“, denn letzteres präsentiert sich nicht offensiv als Glücksspiel. „Darkest Dungeon“ nennt sich leider nicht „RNG based dungeon crawler“, was in meinen Augen verdient und notwendig wäre. Denn dann hätte ich es nie angefasst. „Enter the Gungeon“ bekommt eine zweite Chance, denn wenn ich meine Vorgehensweise von dem Inhalt der Schatzkisten löse, kann ich mich auf die Grundausstattung konzentrieren und diese ist zur Abwechslung dann doch tatsächlich in jeder Partie dieselbe!

Lesemedium

In seinem Video „Paper or Kindle?“ geht Kanal-Inhaber Clifford einleitend auf die technischen Entwicklungen der Unterhaltungsmedien Film, Musik und Literatur ein. Kurz zusammengefasst weist er darauf hin, dass Musik und Film im Bereich ihrer jeweiligen Medien enorme und erstaunliche Fortschritte gemacht haben, allein im letzten Jahrhundert. Heutzutage sind beide Kunstformen leicht zugänglich verfügbar, multipel abspielbar und im Idealfall von hervorragender optischer und akustischer Qualität. Die „neuen Arten“, beide Kunstformen zu konsumieren, haben ihre Vorgänger abgelöst, wenn man die breite Masse bzw. die zeitgemäß typische Art des Konsums betrachtet. Im Feld der Musik gelten Schallplatte, Musikkassette und CDs als vergangene Methoden oder Liebhaber-Medien. Für Filme gelten Videokassetten und irgendwie auch schon DVDs als überholt. Zudem rein digital auf Musik und Filme ganz ohne Datenträger zuzugreifen, ist keine exotisch-experimentelle Variante (mehr).

Beiden Feldern haftet die Empfindung einer logischen Entwicklung an – als sei hier eine Evolution zugange, die einfach stattfinden musste. Klang und Bild wurden stetig verbessert, Trägermedien wurden langlebiger, leichter, praktischer und die Verfügbarkeit wurde allumfassender und beinahe zu einer Art Beliebigkeit.

Auch wenn ich selbst kein Methusalem bin, kann ich mich noch an gänzlich andere Zustände in meiner Jugend erinnern: In der ganzen Kleinstadt gab es nur zwei Videotheken und wenn ein Film ausgeliehen war, war er eben woanders und nicht für mich verfügbar. Verrauschte Bilder in den ersten fünf Minuten waren normal, da Videokassetten alles andere als langlebig waren. Der kleine Fernseher im Zimmer, das mein Bruder und ich uns teilten, musste nach dem Einschalten erst noch auf Temperatur kommen, um das Bild nicht zu dunkel darzustellen. Er funktionierte noch mit einer Röhre.

Was ich sagen will: Zwei Jahrzehnte reichten schon aus, um jene Kunstformen, die stark an ihre technologische Manifestationen gebunden sind, weit vorwärts zu bringen, was Qualität, Vielseitigkeit und Verfügbarkeit angeht.

Anders hingegen Literatur. Hier gab es keine spürbare logische Evolution, die konsequent vorwärts führte. Das geschriebene Wort ist so puristisch in sich selbst, dass es technisch nicht weiterentwickelt werden muss, um deutlich zu gewinnen.

Vor allen weiteren Ausführungen muss ich kurz spezifizieren: Ich fokussiere mich auf das „Buch“, wie wir es als Begriff für literarische Werke – fiktional sowie nonfiktional – verwenden. Dass ich hier Worte in die unendliche Internetweltöffentlichkeit schreibe, hat zwar auch mit einer Menge geschriebener Worte zu tun, betrifft für mich hier und jetzt aber ein anderes kulturelles Gut.

„Bücher“ sind nach wie vor physische Bücher aus bedrucktem Papier. Parallel zu ihnen existiert das digitale Lesen auf entsprechenden Endgeräten, die in einer mir unbekannten Anzahl verschiedener Hersteller vor sich hin existieren und konkurrieren. Gern rechne ich außerdem auch das Hörbuch als Alternative zum klassischen Buch.

Nicht zufällig schreibe ich „Alternative“ – „Spielart“ oder „Variante“ wären auch passende Begriffe – denn das Buch wird immer noch vorrangig als Buch konsumiert: physisch einen bedruckten Stapel Papier festhaltend. Digitaler Konsum macht einen Bruchteil des Markts aus.

Auf http://www.boersenverein.de/de/182716 heißt es:

2015 haben E-Books 4,5 Prozent zum Buchumsatz beigetragen (2014: 4,3 Prozent; 2013: 3,9 Prozent; privater Bedarf ohne Schulbuch), damit ist der Absatz um 4,7 Prozent gestiegen (2014: plus 7,6 Prozent; 2013: 60,5).

Laut statista.com lagen Hörbücher 2015 bei 3,7%.

Ergibt sich logisch die Schlussfolgerung, dass der Eintritt der Literatur in die digitale Welt nicht unweigerlich auch die nächste Evolutionsstufe ist? Was wäre denn dann die nächste Stufe der Entwicklung hin zu besserer Qualität, Vielfalt und Verfügbarkeit?

Ich selbst bin keinesfalls der Meinung, dass gedruckte Bücher die Perfektion darstellen. Mich stören so einige Aspekte:

  • Ich muss immer mit beiden Händen zugreifen, da das Buch andernfalls zuklappt.
  • Ab einem gewissen Gewicht werden Bücher anstrengend in der Handhabung, erst recht für mich, der ich nur im Liegen wirklich entspannt lesen kann.
  • Externe Lichtquellen sind unumgänglich.
  • Jemand anderes als ich entscheidet über Papier, Schriftart und -größe und die Abstände zwischen Zeilen und Zeichen.

Gleicht man diese Liste mit digitalen Büchern ab, scheint die Lösung längst gefunden zu sein. Ich glaube nur leider nicht, dass die aktuellen Lesegeräte genau meine Lösung sind. Der Konsum von fiktionaler Literatur, die mir eine Erzählwelt unterbreitet usw., fühlt sich an einem elektronischen Gerät konsumiert nur wie eine Simulation an. Ich habe Lovecrafts „The Rat in the Walls“ am Smartphone gelesen. Die Erzählung bliebt mir als großartig im Gedächtnis, die Art der Einnahme nicht, obwohl ich durchaus zu schätzen weiß, dass ich nur eine Hand brauche, das Buch sein eigenes Licht in sich trägt und ich bestimmen kann, wie der Text vor mir gestaltet ist. Irgendetwas am digitalen Lesen lässt mich schneller als gewohnt lesen, treibt mich vorwärts, versetzt mich in eine geheime Eile.

Ich lesen viele digitale Comics, denn hier hat der Faktor der Verfügbarkeit dank comiXology einen hohen Stellenwert. Ich kann sehr viel schneller und leichter Comics erstehen als über den Weg, eine physische Ausgabe zu kaufen. Zudem haut comiXology in letzter Zeit eine Verkaufsaktion nach der andern raus, sodass ich teilweise nur ein Drittel des eigentlichen Preises zahlen, womit sich gedruckte Ausgaben nicht messen können. Auch bei digitalen Comics bemerke ich, dass ich zügiger lese, weniger lange verweile und wegen der „Guided View“-Lesart (mir wird Panel für Panel nacheinander gezeigt, gelegentlich wird auf Sprechblasen gezoomt) nicht mehr die ganze Seite als Komposition aus Panels betrachte.

Was heißt das? Es ist fast so als gelte „Papier ist geduldig“ auch als Außenwirkung auf mich. Papier macht mich geduldig, lässt mich gemütlicher, ruhiger lesen, auch mal verweilen.

Zurück zur Fragestellung: Wie sieht der nächste evolutionäre Schritt für das Buch aus? Seit ein paar Tagen verfolgt mich eine Werbeanzeige für ein Tablet, das sich wie Papier anfühlen soll, hinterher. Die digitalen Vorteile im teilweisen Gewand des klassischen Mediums? Auch beim Papier-Tablet hält man einen Bilderrahmen aus Kunststoff in der Hand. Klassische Bücher sind biegsam – verglichen mit Flachbildschirmen, Tablets und Smartphones fast schon geschmeidig und sanft.

Warte ich also unbewusst auf das digitale Papier, das sich rundum anfühlt wie ein klassisches Buch, aber so flexibel und modern ist wie die digitale Welt? Ich weiß es nicht, ich habe nicht das Gefühl, auf das bessere, weiterentwickelte Buch zu warten und mein Gespür sagt mir, dass es einem Großteil der übrigen Bevölkerung ähnlich geht. Digitales Lesen ist eine interessante Sphäre der Experimente und voller Potential, Neues zu probieren. Es mag aber einfach der Fall sein, dass hier eben nicht der nächste evolutionäre Schritt des Lesen liegt und sich durchaus aus die frage gestellt werden darf, ob eine Weiterentwicklung des Buches erwünscht ist. Wenn wir auf die drei Aspekte Qualität, Vielfalt und Verfügbarkeit schauen, ist als erstes zu hinterfragen, wie sich objektive Qualität bemisst und ob diese noch verbessert werden kann.

Was ist ein objektiv gutes Buch? Es fühlt sich gut an, lässt sich gut handhaben, erschwert das Lesen nicht unnötig, was Papierfarbe und alles rund um Schrift und Schriftsatz angeht. Kann man diese Faktoren objektiv bemessen, so wie man die Qualität eines hochauflösenden Bildes oder den Klang unkomprimierter Musik messen und mit schlechteren Varianten vergleichen kann?

Man findet Listen und Empfehlungen für besonders geeignete Schriftarten, aber nicht die Industrienorm für höchste Qualität.

Betrachten wir die anderen beiden Faktoren, lassen sich objektive Kriterien spielend einfach anwenden. Klassische Bücher stehen kaum für Vielfalt oder Verfügbarkeit, wie sie von den Entwicklungen des Films und der Musik definiert worden sind. Natürlich gibt es mehr als eine Version eines Buches, aber dies ist nicht garantiert und nicht von jeder weiß man oder nicht jede kann man auch einfach heranbekommen. Als Student hatte ich mal eine Ausgabe vom „Ulysses“ gesehen, welche angeblich für ihre Gestaltung ausgezeichnet wurde, sie mir damals aber nicht leisten wollen. Immer wieder habe ich an sie gedacht, aber nicht gewusst, wonach ich genau suchen musste. Vergangenes Jahr habe ich sie einfach im Regal vom Osiander gesehen und sofort gekauft. Das spielt auch schon auf den Aspekt der Verfügbarkeit an. Ich tippe diese Zeilen an einem Sonntag. Den nächsten Bücherladen werde ich erst morgen ab schätzungsweise 9 Uhr aufsuchen können. Meine Alternativen, um an ein physisches Buch zu kommen, das ich nicht besitze, wären Bekannte in derselben Stadt oder einer der hiesigen Bücherschränke. Die Frankfurter Zentralbibliothek hat heute geschlossen.

Die Evolution des Buches ist eine gänzlich andere Entwicklung als die anderer Formen breit konsumierter Kunst (oder eher Unterhaltungskunst). Vielleicht halten sich die Bücher, in denen ich lese, länger als die Bücher, in denen meine Eltern und deren Eltern lasen, als sie in meinem Alter waren. Vielleicht sind die Bücher, in denen ich lese, ökologisch bewusster hergestellt. Es nach wie vor Bücher. Das Medium hat sich nicht grundlegend gewandelt – obwohl die Menschheit spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in eine Phase der enormen Weiterentwicklung von Massenmedien eingetreten ist. Das Unweigerliche ist scheinbar am Buch vorübergegangen.