Schnelltext: Straßenverkehr

Sich von A nach B bewegen müssen, ist eine tägliche Pflicht, die nahezu jeden von uns trifft. Genau deswegen trifft nahezu jeder von uns auf nahezu jeden von uns: im Straßenverkehr. Aus ganz eigenen Gründen ist eben dieses Zusammentreffen einer der asozialsten Vorgänge unseres modernen Zusammenlebens.

Die Tatsache, dass Feuerwehr, Polizei und Rettungswagen mit brutal lauten Sirenen fahren müssen, sagt auch so einiges über unsere Gepflogenheiten im Verkehr aus.

Scheinbar instinkt- oder triebgesteuert auf Ankommen fixiert, wird jede Unterbrechung der Fortbewegung als persönliche Beleidigung empfunden, jede Unaufmerksamkeit als Totalversagen würdig einer Todesstrafe. Die gegenseitige Wahrnehmung ist ohne jede Empathie. Es heißt: „Der Audi pennt total!“ anstatt „Der Mensch in diesem Audi hat eben was nicht mitbekommen.“

Jeder Weg ist eine heilige Mission, jeder Mitmensch ein Störenfried.

Home Office

Einer Meldung zufolge, die mir Sara ins Feed getwittert hat, beendet IBM die Heimarbeit vieler Mitarbeiter. Für 2.600 angestellte wird sich das Arbeitsleben und -empfinden demnach grundsätzlich verändern. Der Meldung zufolge gehörten laut IBM „wirklich kreative und inspirierende Standorte“ zum Erfolgsrezept des Unternehmens. Betroffen sind zunächst nämlich ausschließlich Angestellte aus dem Marketing, also einer Abteilung, die durch kreativen Anspruch geprägt sein dürfte.

Sind nun Kreativprozesse aber nicht viel fruchtbarer, wenn man frei und in einem wohltuenden Umfeld ist, also daheim, wo man sich beim Nachdenken auch mal im Pyjama auf dem Sofa wälzen kann? Wo bleibt dabei aber die Zusammenarbeit als Team und die Nähe zu den Kernwerten des Unternehmens bzw. der Marke, die nach außen kommuniziert werden soll?

Ich habe zum konkreten Fall von IBM und Heimarbeit (oder „Home Office“) eine aktuell und eine ideelle Meinung. Zunächst die ideelle: Unsere Technologie erlaubt es uns längst, Bürotätigkeiten von nahezu überall aus zu erledigen. Computer sind tragbar, Telefone mobil und Daten in der „Wolke“. Nach und nach geben uns unsere eigenen Arbeitsgeräte mehr und mehr zu verstehen, dass wir nicht lokal gebunden sind – wir brauchen lediglich Empfang und (ab und zu) Strom, schon können wir arbeiten und uns mit dem Rest des Kollegiums und quasi auch der ganzen Welt vernetzen. Streng genommen ist der Ort egal geworden. Wenn etwas wirklich egal ist, erübrigt das die Frage nach dem Zwang, daher haben – in meiner ideellen Meinung sprechend – die technologischen Tatsachen dafür gesorgt, den erzwungenen Aufenthalt in einem Büro obsolet werden zu lassen. Ob jetzt davon jede Bürokraft betroffen ist oder sein kann, ist wiederum eine hier nicht zu klärende Frage. Ich selbst bin Agenturmensch und denke und lebe wie einer, weshalb ich mich an und ab durchaus frage, weshalb ich ein und dasselbe MacBook morgens ins Büro bewege und abends zurück zu mir nach hause. Besonders an Tagen, an denen in Daten gewühlt werden muss und ich lange Tabellen jongliere, Präsentationen „schrubbe“ oder Anzeigenbuchungen abarbeite, drängt sich mir die Frage auf, warum ich aus meiner lokalen Isolation meiner Wohnung in die mentale Isolation der Konzentration am Rest des Büros vorbei gewechselt bin. Verloren habe ich scheinbar nur die Zeit, die ich unterwegs verbracht habe.
Ganz voll all dem abgesehen ist jeder Berufspendler weniger auf den Straßen eine aus vielerlei Hinsicht willkommene Einsparung.

Meine aktuelle Meinung ist für das regelmäßige Verlassen des Privatraumes zugunsten eines offiziellen, wenn nicht sogar öffentlichen Ortes der Arbeit. Dort, wo man Privatmensch ist, sollte keine Arbeit stattfinden. Man sollte rituell das Privatleben verlassen und in das Arbeitsleben eintreten, ebenso zum Feierabend: die Arbeit bleibt zurück, das Privatleben beginnt wieder. Ob hierfür ein Arbeitszimmer ausreicht, kann ich nicht beurteilen, würde es für mich selbst aber nicht garantieren wollen. Mein Gefühl sagt eher: besser wäre das Verlassen der ganzen Wohnung zugunsten eines anderen Hauses, das rundum der Arbeit gewidmet ist, damit auch in den anderen Etagen Arbeit stattfindet. Jetzt weicht das Argument etwas auf: Dieses Haus muss aber nicht die eine weltweite Zentrale sein, zu der die gesamte Belegschaft pendelt. Es kann einfach nur eine Sammlung von Büros sein, in denen Menschen allein arbeiten oder kleine Gruppen zusammenkommen. Das muss nichtmal eine vollwertige Zweigstelle sein, sondern was man landläufig als Coworking Space bezeichnet: Blanko-Büros, in die sich jeder spontan oder langfristig begeben kann, um dort zu arbeiten. Das Konzept begegnete mir erstmals während des Studiums in Form der Carrels der ThULB (Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek): „Einzelarbeitsräume“ innerhalb der Bibliothek, die man vorab reservieren oder bei vorhandenem Vorrat spontan ergattern kann.
Ich finde eine solche Einkehr in einen Arbeitsraum, der nicht der eigenen privaten Wohnung direkt angeschlossen ist und sich nicht innerhalb eines primär für das Wohnen angelegten Hauses befindet, ist fürs berufliche Denken und Fühlen wichtig. Kurz gesprochen kann man es auch auf zwei Punkte konzentrieren: 1. Man muss die Wohnung verlassen. 2. Um einen rum muss auch gearbeitet werden.
Wer das als erzieherische Maßnahme für den potentiell faulen Mitarbeiter sieht, hat nicht völlig unrecht, aber ich sehe es auch als wichtige Hygienemaßnahme dem Privatmenschen gegenüber: zum Feierabend wird der Ort des Arbeitens verlassen und damit der Anspruch, unmittelbar im Dienst zu sein. Dieses „Recht“ lebt jeder Fabrikarbeiter, jeder Zugführer, jeder Kellner.

Nachholerzählung

Rock of Ages, Flashpoint, Here comes tomorrow, Age of Ultron, Age of Apocalypse, Old Man Logan, Earth X, Dark Souls 1-3, Bloodborne, vielleicht auch Game of Thrones – all diese Ezählungen haben miteinander gemein, dass in ihnen die Nacherzählung vorangegangener Ereignisse kein notwendiges Übel, sondern ein bewusst eingesetzter Reiz und Lieferant für Erklärungsgrundlage für die Beschaffenheit der erzählten Gegenwart ist.

Ich möchte diese Technik „catching up narrative“ oder auch Nacherzählungsmechanik / Nachholerzählung nennen, denn es ist ein ganz eigener erzählerischer Ansatz, der jedes Mal eine ganz reizvolle Umkehrung der Ursache-Wirkung-Kette darstellt. Über die Frage „Wie konnte es hierzu kommen?“ betreibt der Autor Ursachenforschung als Erzähltechnik. Der Rezipient wird mit einem gegenwärtigen Zustand konfrontiert. Im Fall der genannten Comic-Sagen findet er sich in einer Zukunft wider, die aus anfangs noch unbekannten Gründen exakt so eingetreten ist. Bei den anderen genannten Werken (Dark Souls 1-3, Bloodborne, vielleicht auch Game of Thrones) wird zunächst die Gegenwart etabliert und nach und nach zu verstehen gegeben, dass eine signifikante Vorgeschichte das Jetzt und die herrschenden Wechselbeziehungen entscheidend geprägt hat. Dass nach und nach die Vorgeschichte aufgedeckt wird, legitimiert wiederum immer mehr die Gegenwart, denn diese ist dann nicht einfach als Fakt vom Himmel gefallen, sondern eben durch Ursachen er-wirkt worden.

Bei den Comic-Sagen ist der Kniff nochmal ein etwas anderer als nur die reine Nacherzählung der Vorgeschichte. Hier muss ein Bruch erklärt werden: der Auslöser für die neue Ist-Situation, die sich aus dem „normalen“ Jetzt-Zustand der regulären Heft-Kontinuität nicht linear herleiten lässt. Mindestens ein radikales Ereignis hat für eine gänzlich neue Dynamik aller Dinge gesorgt und diese Zukunft erst ermöglicht. Hier sind wir wieder beim urmenschlichen Bedürfnis nach Stimmigkeit der Weltordnung, nach einer Erklärung für unsere Situation, nach einem Sinnhorizont ohne Lücken.

Mit ist klar, dass der wesentlich stärkere Reiz dieser Zukunftsvisionen in der Abwandlung der bekannten Figuren steckt. Oft haben sie Furchtbares erlitten, Heldengruppen sind zersprengt, viele bekannte Figuren sind tot oder moralisch korrumpiert oder gebrochen – der (teilweise) Sieg des Abgrunds, gegen den stets so aufopferungsvoll gekämpft wurde. Die Befleckung des Helden, sein Fall, seine Schändung. Auch hier scheint ein urtümlicher Durst nach Pathos geweckt zu werden, aber was ist denn auch ein Held ohne Erduldung?

Was hält mich hier?

„Heimat“ oder „Zuhause“ (im Sinne des Zuhauses, aus dem man entstammt) definieren sich größtenteils über den Standort des Elternhauses, zumindest zu Beginn der Biographie. Über kurz oder lang gründet fast jeder junge Erwachsene einen eigenen Haushalt, nicht selten auch in einer anderen Stadt, sodass beim Umzug ein gewisser Schritt aus der regulären lokalen Konfiguration des Wohnens gegangen wird, besonders wenn man weit genug weg zieht, dass man sich neue Wohnort-Gewohnheiten anschaffen muss. Meine erste Wohnung nach dem Verlassen des elterlichen Nestes befand sich 250km entfernt vom alten Zuhause. Ich musste also eine neue lokale Konfiguration erstellen, neue Gewohnheiten schaffen und für mich kultivieren. Ohne dass es für mich eine gleißend helle Erkenntnis darstellte, lernte ich dadurch dennoch anhand gelebter Praxis, dass es ein absolut machbares und in Teilen sogar spannendes Projekt ist, umzuziehen und ein neues lokalspezifisches Leben zu entwerfen.

Seit diesem ersten Umzug habe ich noch zwei weitere Male die Stadt gewechselt und bin dabei innerhalb jeder von diesen beiden Städten nochmal umgezogen. Die „internen“ Wechsel waren weniger spannend, sondern nur dem Bedürfnis nach besserer Wohnqualität geschuldet. Was zählt ist, dass ich bislang dreimal neu in einer Stadt angekommen bin und damit auch automatisch dreimal ein vorangegangenes lokales Leben hinter mir gelassen habe. Solche Vorgängen können das Bewusstsein dafür schärfen, dass einen die Dinge, an denen man sich in seinem lokalen Leben festmacht, nicht so stark binden, wie man meinen mag.

Die Frage „Was hält mich hier?“ klingt immer sehr vernichtend. Was sind die persönlichen Vorteile des Bleibens? Was kommt unterm Strich für einen selbst dabei heraus? Dies kann zu einer harten Aufrechnung werden und manchmal lautet die Antwort nur, dass einen einfach nichts verlockt, woanders zu sein. Wenn es nach mir geht, sollte sich jeder ruhig ab und zu dieser Frage stellen und wenn die offensichtlichste Antwort (im Falle einer möglichst objektiven Diagnose) „Bequemlichkeit“ lautet, auch gern die Option erwägen, einen Umzug zu wagen. Mobilität ist einfacher durchzuführen und erfrischender als manche einer denkt.

RNG

Heute ist Montag. Am vergangenen Wochenende habe ich mich von gleich zwei Spielen nacheinander frustrieren lassen, weil ich den zerstörerischen Einfluss des Zufallsprinzips auf Spielspaß unterschätzt und mich außerdem von einer hochgradig ansprechenden Präsentation hab blenden lassen.

„Darkest Dungeon“ und „Enter the Gungeon“ waren die beiden Übeltäter, welche Raubbau an meiner Laune betrieben. Besonders das erstgenannte Spiel bedient sich sehr stark des Zufallsprinzips, ist es doch ein rundenbasierter Dungeon Crawler, bei dem ausgewürfelt wird, ob der Angriff überhaupt trifft, wie viel Schaden er macht, eventuell kritisch ist und ob er – falls Teil der Fähigkeit – seinen Effekt (Gift, Blutung u.a.) entfaltet. Die Architektur der Verließe, die Durchmischung der Gegnergruppen und wer weiß was noch sind ebenso zufällig generiert.

„Enter the Gungeon“ entwirft ebenso bei jeder Partie eine neue Anordnung des Verlieses und – was mich noch mehr stört(e) – den Inhalt der Schatzkisten. Während meiner Spielzeit gestern hatte ich keine Waffe zweimal vorgefunden. Manche Funde waren mäßig nützlich, einige eher sinnlos und einmal hatte ich eine gottgleiche Waffe vorgefunden, die mich das erste und einzige Mal einem Sieg gegen den Bossgegner nahe kommen ließ.

Wenn ich mich an ein Spiel setze, gehe ich gern wie ein vorurteilsbehafteter Wissenschaftler vor: Wiederholung des Experiments, bis eine Vorgehensweise den erwünschten Effekt erzielt. So bin ich aufgewachsen, mit Mario und Mega Man am NES. Kommt ein Zufallsgenerator ins Spiel, lässt sich das Experiment nicht unter gleichbleibenden Bedingungen wiederholen. Oder konkret aufs Spiel bezogen: Ich kann das Spiel nicht trainieren, wenn ich ständig von Zufällen bombardiert werde. Ein Hürdenläufer behält ja auch Schuhe, Untergrund, Höhe der Hürden und deren Anzahl und Abstand bei. Das nennt man Training.

Wie so oft macht auch beim Zufall die Dosis das Gift und zu viel Zufall ist in meinen Augen Beliebigkeit, Willkür. Meine Leistung wird irrelevant – im positiven wie im negativen Sinne. Niederlagen sind Pech, Erfolge sind Glück.

Wie eine so große Relevanz des reinen Zufalls in den beiden angesprochenen Spiel und gleichsam und vielen anderen Spielen, auch abseits des digitalen Raums, in Casinos und Kneipen, eine solche Akzeptanz und sogar Popularität erlangen konnte, ist ein faszinierendes Rätsel. Ich muss aber schon unterscheiden zwischen Roulette und „Darkest Dungeon“, denn letzteres präsentiert sich nicht offensiv als Glücksspiel. „Darkest Dungeon“ nennt sich leider nicht „RNG based dungeon crawler“, was in meinen Augen verdient und notwendig wäre. Denn dann hätte ich es nie angefasst. „Enter the Gungeon“ bekommt eine zweite Chance, denn wenn ich meine Vorgehensweise von dem Inhalt der Schatzkisten löse, kann ich mich auf die Grundausstattung konzentrieren und diese ist zur Abwechslung dann doch tatsächlich in jeder Partie dieselbe!

Lesemedium

In seinem Video „Paper or Kindle?“ geht Kanal-Inhaber Clifford einleitend auf die technischen Entwicklungen der Unterhaltungsmedien Film, Musik und Literatur ein. Kurz zusammengefasst weist er darauf hin, dass Musik und Film im Bereich ihrer jeweiligen Medien enorme und erstaunliche Fortschritte gemacht haben, allein im letzten Jahrhundert. Heutzutage sind beide Kunstformen leicht zugänglich verfügbar, multipel abspielbar und im Idealfall von hervorragender optischer und akustischer Qualität. Die „neuen Arten“, beide Kunstformen zu konsumieren, haben ihre Vorgänger abgelöst, wenn man die breite Masse bzw. die zeitgemäß typische Art des Konsums betrachtet. Im Feld der Musik gelten Schallplatte, Musikkassette und CDs als vergangene Methoden oder Liebhaber-Medien. Für Filme gelten Videokassetten und irgendwie auch schon DVDs als überholt. Zudem rein digital auf Musik und Filme ganz ohne Datenträger zuzugreifen, ist keine exotisch-experimentelle Variante (mehr).

Beiden Feldern haftet die Empfindung einer logischen Entwicklung an – als sei hier eine Evolution zugange, die einfach stattfinden musste. Klang und Bild wurden stetig verbessert, Trägermedien wurden langlebiger, leichter, praktischer und die Verfügbarkeit wurde allumfassender und beinahe zu einer Art Beliebigkeit.

Auch wenn ich selbst kein Methusalem bin, kann ich mich noch an gänzlich andere Zustände in meiner Jugend erinnern: In der ganzen Kleinstadt gab es nur zwei Videotheken und wenn ein Film ausgeliehen war, war er eben woanders und nicht für mich verfügbar. Verrauschte Bilder in den ersten fünf Minuten waren normal, da Videokassetten alles andere als langlebig waren. Der kleine Fernseher im Zimmer, das mein Bruder und ich uns teilten, musste nach dem Einschalten erst noch auf Temperatur kommen, um das Bild nicht zu dunkel darzustellen. Er funktionierte noch mit einer Röhre.

Was ich sagen will: Zwei Jahrzehnte reichten schon aus, um jene Kunstformen, die stark an ihre technologische Manifestationen gebunden sind, weit vorwärts zu bringen, was Qualität, Vielseitigkeit und Verfügbarkeit angeht.

Anders hingegen Literatur. Hier gab es keine spürbare logische Evolution, die konsequent vorwärts führte. Das geschriebene Wort ist so puristisch in sich selbst, dass es technisch nicht weiterentwickelt werden muss, um deutlich zu gewinnen.

Vor allen weiteren Ausführungen muss ich kurz spezifizieren: Ich fokussiere mich auf das „Buch“, wie wir es als Begriff für literarische Werke – fiktional sowie nonfiktional – verwenden. Dass ich hier Worte in die unendliche Internetweltöffentlichkeit schreibe, hat zwar auch mit einer Menge geschriebener Worte zu tun, betrifft für mich hier und jetzt aber ein anderes kulturelles Gut.

„Bücher“ sind nach wie vor physische Bücher aus bedrucktem Papier. Parallel zu ihnen existiert das digitale Lesen auf entsprechenden Endgeräten, die in einer mir unbekannten Anzahl verschiedener Hersteller vor sich hin existieren und konkurrieren. Gern rechne ich außerdem auch das Hörbuch als Alternative zum klassischen Buch.

Nicht zufällig schreibe ich „Alternative“ – „Spielart“ oder „Variante“ wären auch passende Begriffe – denn das Buch wird immer noch vorrangig als Buch konsumiert: physisch einen bedruckten Stapel Papier festhaltend. Digitaler Konsum macht einen Bruchteil des Markts aus.

Auf http://www.boersenverein.de/de/182716 heißt es:

2015 haben E-Books 4,5 Prozent zum Buchumsatz beigetragen (2014: 4,3 Prozent; 2013: 3,9 Prozent; privater Bedarf ohne Schulbuch), damit ist der Absatz um 4,7 Prozent gestiegen (2014: plus 7,6 Prozent; 2013: 60,5).

Laut statista.com lagen Hörbücher 2015 bei 3,7%.

Ergibt sich logisch die Schlussfolgerung, dass der Eintritt der Literatur in die digitale Welt nicht unweigerlich auch die nächste Evolutionsstufe ist? Was wäre denn dann die nächste Stufe der Entwicklung hin zu besserer Qualität, Vielfalt und Verfügbarkeit?

Ich selbst bin keinesfalls der Meinung, dass gedruckte Bücher die Perfektion darstellen. Mich stören so einige Aspekte:

  • Ich muss immer mit beiden Händen zugreifen, da das Buch andernfalls zuklappt.
  • Ab einem gewissen Gewicht werden Bücher anstrengend in der Handhabung, erst recht für mich, der ich nur im Liegen wirklich entspannt lesen kann.
  • Externe Lichtquellen sind unumgänglich.
  • Jemand anderes als ich entscheidet über Papier, Schriftart und -größe und die Abstände zwischen Zeilen und Zeichen.

Gleicht man diese Liste mit digitalen Büchern ab, scheint die Lösung längst gefunden zu sein. Ich glaube nur leider nicht, dass die aktuellen Lesegeräte genau meine Lösung sind. Der Konsum von fiktionaler Literatur, die mir eine Erzählwelt unterbreitet usw., fühlt sich an einem elektronischen Gerät konsumiert nur wie eine Simulation an. Ich habe Lovecrafts „The Rat in the Walls“ am Smartphone gelesen. Die Erzählung bliebt mir als großartig im Gedächtnis, die Art der Einnahme nicht, obwohl ich durchaus zu schätzen weiß, dass ich nur eine Hand brauche, das Buch sein eigenes Licht in sich trägt und ich bestimmen kann, wie der Text vor mir gestaltet ist. Irgendetwas am digitalen Lesen lässt mich schneller als gewohnt lesen, treibt mich vorwärts, versetzt mich in eine geheime Eile.

Ich lesen viele digitale Comics, denn hier hat der Faktor der Verfügbarkeit dank comiXology einen hohen Stellenwert. Ich kann sehr viel schneller und leichter Comics erstehen als über den Weg, eine physische Ausgabe zu kaufen. Zudem haut comiXology in letzter Zeit eine Verkaufsaktion nach der andern raus, sodass ich teilweise nur ein Drittel des eigentlichen Preises zahlen, womit sich gedruckte Ausgaben nicht messen können. Auch bei digitalen Comics bemerke ich, dass ich zügiger lese, weniger lange verweile und wegen der „Guided View“-Lesart (mir wird Panel für Panel nacheinander gezeigt, gelegentlich wird auf Sprechblasen gezoomt) nicht mehr die ganze Seite als Komposition aus Panels betrachte.

Was heißt das? Es ist fast so als gelte „Papier ist geduldig“ auch als Außenwirkung auf mich. Papier macht mich geduldig, lässt mich gemütlicher, ruhiger lesen, auch mal verweilen.

Zurück zur Fragestellung: Wie sieht der nächste evolutionäre Schritt für das Buch aus? Seit ein paar Tagen verfolgt mich eine Werbeanzeige für ein Tablet, das sich wie Papier anfühlen soll, hinterher. Die digitalen Vorteile im teilweisen Gewand des klassischen Mediums? Auch beim Papier-Tablet hält man einen Bilderrahmen aus Kunststoff in der Hand. Klassische Bücher sind biegsam – verglichen mit Flachbildschirmen, Tablets und Smartphones fast schon geschmeidig und sanft.

Warte ich also unbewusst auf das digitale Papier, das sich rundum anfühlt wie ein klassisches Buch, aber so flexibel und modern ist wie die digitale Welt? Ich weiß es nicht, ich habe nicht das Gefühl, auf das bessere, weiterentwickelte Buch zu warten und mein Gespür sagt mir, dass es einem Großteil der übrigen Bevölkerung ähnlich geht. Digitales Lesen ist eine interessante Sphäre der Experimente und voller Potential, Neues zu probieren. Es mag aber einfach der Fall sein, dass hier eben nicht der nächste evolutionäre Schritt des Lesen liegt und sich durchaus aus die frage gestellt werden darf, ob eine Weiterentwicklung des Buches erwünscht ist. Wenn wir auf die drei Aspekte Qualität, Vielfalt und Verfügbarkeit schauen, ist als erstes zu hinterfragen, wie sich objektive Qualität bemisst und ob diese noch verbessert werden kann.

Was ist ein objektiv gutes Buch? Es fühlt sich gut an, lässt sich gut handhaben, erschwert das Lesen nicht unnötig, was Papierfarbe und alles rund um Schrift und Schriftsatz angeht. Kann man diese Faktoren objektiv bemessen, so wie man die Qualität eines hochauflösenden Bildes oder den Klang unkomprimierter Musik messen und mit schlechteren Varianten vergleichen kann?

Man findet Listen und Empfehlungen für besonders geeignete Schriftarten, aber nicht die Industrienorm für höchste Qualität.

Betrachten wir die anderen beiden Faktoren, lassen sich objektive Kriterien spielend einfach anwenden. Klassische Bücher stehen kaum für Vielfalt oder Verfügbarkeit, wie sie von den Entwicklungen des Films und der Musik definiert worden sind. Natürlich gibt es mehr als eine Version eines Buches, aber dies ist nicht garantiert und nicht von jeder weiß man oder nicht jede kann man auch einfach heranbekommen. Als Student hatte ich mal eine Ausgabe vom „Ulysses“ gesehen, welche angeblich für ihre Gestaltung ausgezeichnet wurde, sie mir damals aber nicht leisten wollen. Immer wieder habe ich an sie gedacht, aber nicht gewusst, wonach ich genau suchen musste. Vergangenes Jahr habe ich sie einfach im Regal vom Osiander gesehen und sofort gekauft. Das spielt auch schon auf den Aspekt der Verfügbarkeit an. Ich tippe diese Zeilen an einem Sonntag. Den nächsten Bücherladen werde ich erst morgen ab schätzungsweise 9 Uhr aufsuchen können. Meine Alternativen, um an ein physisches Buch zu kommen, das ich nicht besitze, wären Bekannte in derselben Stadt oder einer der hiesigen Bücherschränke. Die Frankfurter Zentralbibliothek hat heute geschlossen.

Die Evolution des Buches ist eine gänzlich andere Entwicklung als die anderer Formen breit konsumierter Kunst (oder eher Unterhaltungskunst). Vielleicht halten sich die Bücher, in denen ich lese, länger als die Bücher, in denen meine Eltern und deren Eltern lasen, als sie in meinem Alter waren. Vielleicht sind die Bücher, in denen ich lese, ökologisch bewusster hergestellt. Es nach wie vor Bücher. Das Medium hat sich nicht grundlegend gewandelt – obwohl die Menschheit spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in eine Phase der enormen Weiterentwicklung von Massenmedien eingetreten ist. Das Unweigerliche ist scheinbar am Buch vorübergegangen.

FarCry Primal

Ich spiele derzeit den jüngsten Sproß der FarCry-Dynastie „FarCry Primal“, welcher wie seine Vorgänger ein gewisses Element der Andersartigkeit mehr oder minder fokussiert. Ganz subjektiv hat für mich jeder FarCry-Teil, den ich bislang gespielt habe (Teil 1, 2 und 4) immer etwas anders gemacht, als die übrigen Spiele seiner Generation und Genres. Teil 1 präsentierte eine offene Spielwelt, in der man alles, was sichtbar war, auch erreichen und erkunden konnte und präsentierte außerdem eine für mich neue taktische Komponente im asymmetrischen Kampf eines einzelnen gegen viele. Teil 2 spielte in Afrika, was für mich ungewöhnlich war, nachdem alle möglichen Spiele bis dahin vor allem die Schauplätze des II. Weltkriegs immer und immer wieder penetrierten. Teil 4 war für mich ebenfalls durch seinen Schauplatz ungewöhnlich: eine Hochgebirgsnation in Zentralasien, eingekesselt von Bergen, bewohnt von Menschen, Tigern, Elefanten und dem gleichsam ruhmreichen und gefürchteten Honigdachs. Teil 2 und 4 erzählten zudem eine Handlung mit einer gewissen moralischen Komponente, wobei Teil 2 in dieser Hinsicht wesentlich besser geschrieben war: zwei rivalisierende Lager im ewigen Kampf um Macht und zwischen ihnen, hinter den Kulissen, ein Waffenschieber und scheinbarer Moralapostel, ein Revolutionär und Kapitalismuskritiker.

Der aktuelle Teil „FarCry Primal“ entscheidet sich durch seine gesamte Aufmachung nicht nur von den anderen Genre-Vertretern, sondern auch seinen direkten Vorgängern deutlich. Der Schauplatz ist geographisch gesehen unspektakulär: Zentraleuropa. Interessant ist die zeitliche Einordnung: 10.000 vor unserer Zeit.

Als Angehöriger des Wenja-Stammes sieht man sich zwei feindlichen Stämmern gegenüber: den Udam, groß und grobschlächtig gebaut erfüllen sie das Klischee menschgewordenen Barbarentums, und den Izila, schlank und drahtig, die Sonne anbetend und in keinster Weise einen Archetypus von Feindbild bedienend.

Zu Beginn ist der eigene Stamm fast völlig zerschlagen und verstreut, man sucht einige Angehörige zusammen, errichtet eine kleine Siedlung und wird prompt von einer Gruppe Udam mit einem extra großen, grobschlächtigen und grimmigen „Häuptling“ an deren Spitze angegriffen und bedroht – die eindeutige Kampfansage, um das Ende der Exposition zu markieren. Eine solch deutlich inszenierte Kriegserklärung seitens der Izila blieb bislang aus oder wurde von mir übersehen. Bei ihnen weiß ich nur, dass sie feindlich auf „mich“ und andere Wenja reagieren und gelegentlich auch Menschen zu opfern scheinen. Dennoch würde ich die Izila nicht als ein grundlegend bösartiges Volk bezeichnen, was mir merklich die Motivation trübt, einen Izila-Stützpunkt nach dem anderen einzunehmen und mehr und mehr Territorium von ihnen zu rauben.

Mittlerweile sind in meiner Wahrnehmung auch die Udam kein Archetypus mehr. In einem kleinen, etwas speziellen Kapitel wurde meine Spielfigur im Rahmen einer Vision tief in die Reihen der Udam versetzt. Dort erfuhr ich, dass die Udam aus deutlich kälteren Regionen stammen und ein dickbauchiges, vollbusiges Göttinnenbildnis der Fruchtbarkeit (Vermutung meinerseits) anbeten und um Antwort auf die Frage, warum sie sterben, bitten. Es scheint, dass die Udam ein Problem mit der Fortpflanzung oder dem Erhalt ihrer Lebensgrundlage, vielleicht ihres Lebensraums, haben und eventuell nicht freiwillig, sondern eher aus Verzweiflung in die Gebiete der Wenja eingedrungen sind und nun mit dem Mut der Verzweiflung gegen das „Hindernis Wenja“ vorgehen, um nicht dem Aussterben anheim zu fallen – ohne dabei, möglicherweise aus kulturellen Gründen, irgendein diplomatisches Gespür zeigen zu können und sofort auf aggressive Manöver zu vertrauen.

Was ich sagen will: Mir mangelt es an einer überzeugenden moralischen Grundlage, die mein kämpferisches Vorgehen ohne jedes Zögern beim Anblick eines Udma oder Izila rechtfertigen würde. Dass es eine grundlegende Mechanik des Spiels ist, reicht nicht aus. Dafür ist die Spielwelt zu realistisch und zu lebendig gestaltet. Was diesen Punkt angeht, habe ich auch an mir beobachten müssen, dass auch das Jagen und Erlegen von Tieren keinen inhärenten Reiz für mich besitzt und das Spiel mit dem Argument der Rohstoffgewinnung (Felle, Fette, Fleisch) mich eher zwingt anstatt zu motivieren. Allen aggressiven Handlungen ist gemein, dass sie nur eine kurzfristige Maßnahme, aber keine langfristige Lösung darstellen.

Der Epoche, in der das Spiel angesiedelt ist, ist es geschuldet, dass ich als Spieler keine genretypischen Waffen verwenden kann. Satt Gewehr, Pistole und Granate kommen Bogen, Speer und Keule zum Einsatz, martialische Tötungswerkzeuge, die kein bequemes Zielen und Abdrücken bedeuten, sondern die physikalische Übertragung der eigene Körperkraft in Impulse des Tötens. Ein Speer muss zugestoßen werden, eine Keule geschwungen. Dieser Mangel an technologischer Fortschrittlichkeit, an moderner Verklärung des eigentlichen Akts des einen Menschen dem anderen Gegenüber, wie sie die Schusswaffen all der anderen Genre-Vertreter bisweilen mit einer Art von Anbetung dem Tötungswerkzeug gegenüber kultivieren, führt mir anders als jedes andere Spiel zuvor die Brutalität mit Gewalt ausgetragener Konflikte vor Augen.

In Summe macht dies alles „FarCry Primal“ zu einem Spiel, dass den Spieler entweder bewusst demotivieren will, was Gewalt der Gewalt wegen angeht oder sich einfach selbstverständlich darauf verlässt, dass der typische Spieler von heute keine Motivation seitens des Spiels erwartet, sondern einfach nur Gewalt der Gewalt wegen betreiben möchte.

Benachrichtigungen

Wie bereits angesprochen helfen unsere modernen Technologien der Vernetzung enorm dabei, in Kontakt zu bleiben und Inhalte zu teilen. Beiwerk dieser Entwicklung ist eine Vielzahl an Mitteln und Wegen, sich benachrichtigen zu lassen, um nichts zu verpassen. Man kann nicht nur Profilen folgen, sondern sich allgemein und spezifisch zu neuen Inhalten benachrichtigen lassen. Nimmt man hinzu, dass man zu direkt an einen selbst gerichteten Mitteilungen benachrichtigt wird (Mails, Messenger etc.) kann es gut sein, dass das Mobiltelefon eines durchschnittlichen Menschen durchaus öfter am Tag ein Signal an seine/n Besitzer/in schickt.

Meine Einstellung dieser Dynamik der sofortigen Benachrichtigungen ist von der Grundfrage geprägt, ob man die vermeldete Information / Kommunikation jetzt grade und unmittelbar wissen muss oder nicht. Schwierig daran ist, dass man erst nach dem Erhalt beurteilen kann, ob Dringlichkeit bestand/besteht. Aus dem Moment, in dem man vorher steckte, ist man so oder so aber raus.

Obliegt es nun dem Sender oder dem Empfänger, die Prüfung der Angemessenheit vorzunehmen und gegebene Regulieren anzuwenden? Pauschal kann man dies nicht sagen, da jeder die Auswahl der Kontaktwege anders nutzt und bewertet.

Ich bin mir sicher, dass ich bei überdurchschnittlich vielen Netzwerken und Portalen angemeldet bin, was an meinem generellen Interesse an der Netzkultur und meinem Berufsbild als Social Media Gottkaiser liegt. In meiner Welt gibt es also für alles den passenden Kanal. Andere nutzen SMS für Dinge, die ich über WhatsApp kommunizieren würde. Oder den Facebook Messenger, was bei mir eine E-Mail wäre. Oder Twitter DMs, was ich bei mir WhatsApp wäre usw.

Hinzu kommt die jeweils individuelle Konfiguration von expliziten, gedrosselten und abwesenden Benachrichtigungen (optische, akustische, mechanische Signale des Endgeräts). Explizite Benachrichtigungen machen sofort auf sich aufmerksam. Es piepst, bimmelt, blinkt, vibriert. Gedrosselte Benachrichtigungen laufen an einer Stelle, die eigens für sie vorgesehen ist, ein und warten dort, bis der Nutzer sie liest und gewissermaßen abarbeitet. Abwesende Benachrichtigungen bezeichnet die Abwesenheit von eigenen Hinweisen auf Inhalte außerhalb der Inhalte selbst, d.h. neue Inhalte sind einfach da und werden entweder gesehen oder halt nicht.

Der Empfänger kann nicht wissen, wie der Sender seine Benachrichtigungen organisiert. So passierte es mir mal, dass ich nacht um ein Uhr von einer WhatsApp-Nachricht geweckt wurde, weil der sendende Freund davon ausging, dass mein Telefon nachts dauerhaft stumm sei und ich seine Nachricht ungestört am nächsten Morgen lesen würde.

Ereignisse wie dieses führten dann über längere Zeit auch dazu, dass ich meine expliziten Benachrichtigungen mehr und mehr in gedrosselte überführte. Es hatte sich über einen gewissen Beobachtungszeitraum einfach herausgestellt, dass ich nur weniges wirklich immer sofort wissen musste. Dass ich nach eigenem Rhythmus auf meine gedrosselten Benachrichtigungen schaue, reicht völlig aus. Würde ich ständig auf alles reagieren, würde mir das ständig die Gedankengänge zerreißen und mir den Geist verschleißen. Ich finde es auch sozial gesehen für mich nicht gangbar, meine Mitmenschen darauf hinzuweisen, dass sie bitte für Prio 1 SMS, Prio 2 WhatsApp, Prio 3 Messenger usw. verwenden sollen. Nicht jeder führt jedes Netzwerk und außerdem erscheint mir der Gedanke sicherlich zurecht wie ein enormer Affront, dem immer mitschwingt, dass ich dem Gegenüber durch die Blume sage, dass er/sie nichts Interessantes mitzuteilen hat und mich nur nervt.

Ich reguliere also von meiner Seite aus, meiner mentalen Gesundheit zuliebe, denn ich mache immer irgendwas. Ich bin immer in irgendeinem Thema drin, spiele, lese, schaue, überdenke, texte, konzipiere, plane, überprüfe … irgendwas. Puristisch gesehen sind Benachrichtigungen dann Ablenkungen vom Thema, vom Gedankenfluss. Realistisch gesehen schotte ich mich aber nie hermetisch ab und will ganz allein mit dem einen exklusiven Thema sein – denn dann würde ich einfach das Mobiltelefon in einen anderen Raum verbannen. Wie so oft gilt: die Dosis macht das Gift und vielleicht nicht nur die Dosis der Anzahl und Häufigkeit der Benachrichtigungen sondern die Dosis der Relevanz, jetzt im konkreten Moment diesen einen Sachverhalt vor die eigentliche Beschäftigung, in der ich bin/war zu stellen.

Transparenzoffensive 2017

Dank (empfunden) schlauer Technologien haben wir einen oft beschworenen Grad enormer Vernetzung erreicht. Im Falle reflektierterer Besprechungen dieses Themas wird passenderweise auch angemerkt, dass die Vernetzung rein technisch gesehen stark entwickelt ist, dennoch aber nicht in gleichem Maße für ein starkes zwischenmenschliches Verständnis von einander steht. Anders gesagt: wir erreichen einander leichter als jemals zuvor und können direkter und umfassender kommunizieren, haben mit diesen Mitteln aber keine offenere, intimere, ehrlichere Umgangsweise oder Verwebung untereinander geschaffen. Ich zumindest empfinde kein Vorhandensein einer durch die digitale Vernetzung neu entstandene engere Verbundenheit um mich herum oder zwischen mir und anderen.

Unterschieden werden muss hierbei zwischen zwei Ebenen neu geschaffener Vernetzung: die öffentliche Vernetzung durch Portale wie Facebook, Twitter, Instagram usw. und die direkte Vernetzung durch alle Formen der Direktnachrichten wie über WhatsApp oder die Module innerhalb der bekannten Portale.

Was die direkte Vernetzung angeht, muss an und für sich jeder selbst eine Diagnose für seine eigene Situation stellen. Für mich persönlich sind Direktnachrichten aus reinem Text zu unpersönlich und Videoanrufe kommen nur vereinzelt und mit vorheriger Terminabsprache vor. Das Ergebnis entspricht dann einem Kaffeekränzchen erweitert um die permanente Frage, ob ich auf den Bildschirm oder in die Webcam gucken soll.

Was die öffentliche Vernetzung angeht, ist eigentlich nur logisch, dass allein die Anwesenheit eines neuen Mediums keine neue Art der intersubjektiven Kommunikation schaffen würde. Öffentlichkeit bedeutet auch Erwünschtheit bestimmter Verhaltensweisen, Erscheinungen, Handlungen, Meinungen usw.

Es gilt, möglichst viele positive Merkmale auf sich zu vereinen: interessante Entdeckungen machen, traumhaften Urlaub erleben, spannende Gedanken denken, unvergessliche Feste feiern. Das alles ist aber nur das ganz oben sorgfältig abgeschöpfte Sahnehäubchen unserer Mitmenschen und Content-Lieferanten. Nur das beste Foto wird veröffentlicht, nur der exotische Urlaub. Während der Silvesterfeier in der Unionhalle Frankfurt wurde ich Zeuge, wie eine gemischte Gruppe auf der Tanzfläche minutenlang Fotos von sich machte, mit wechselndem „Fotografen“, damit jeder mal mit drauf ist – immer schön in Pose, immer schön gestellt. Hauptsache gutes Vermarktungsmaterial. Nichts anderes wird nämlich in der digitalen Öffentlichkeit betrieben: Vermarktung der Figur, die wir nach außen und vor allem ans digitale Publikum präsentieren. Das sind nicht wir, das ist ein gemachtes, immaterielles Konstrukt, das Substrat diverser Anstrengungen, bestmöglich anzukommen.

So war es eigentlich schon immer, nur jetzt haben wir die Mittel, viel leichter diese Vermarktungsinhalte zu erstellen und vor allem zu verbreiten.

Das erzeugt den Druck, am Ball zu bleiben, das eigene „Niveau“ zu halten. Es geht nicht um Kommunikation, es geht um Präsentation. Ende 2015 sorgte genau dieser Druck bei einer bis dahin nach geltenden Maßstäben erfolgreichen Instagram-Nutzerin für einen öffentlichen Eklat: http://www.stern.de/lifestyle/leute/instagram-model-essena-o-neill–die-traurige-wahrheit-hinter-den-bildern-6535156.html

Aber auch bei Rezipienten hat die Marktplatzdynamik negative Effekte: „Jedes Mal, wenn ich Facebook oder Instagram gecheckt habe, kamen mir Erfolgsmeldungen aus meinem Umfeld entgegen. Ich hatte das Gefühl, das Leben geht ohne mich weiter, alle sind glücklich außer mir.“ – Kati Krause, Quelle: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/depression-und-social-media-facebook-war-gift-fuer-mich-a-1089834.html

Was macht man nun aber aus all dem? Seit Tagen überlege ich auf dem Begriff „Transparenzoffensive“ hin und her. Mir geht es auf keinen Fall darum, auf einmal alles noch so Profane, Urmenschliche mitzuteilen, um möglichst gegen den Strom zu posten. Vielleicht stelle ich mir auch etwa ganz anderes darunter vor – ganz unabhängig von digitaler Kommunikation. Vielleicht will ich einfach mehr Verständnis durch mehr Transparenz schaffen, denn ich spüre sehr deutlich, dass in unserer modernen Kommunikationskultur sehr viel weggelassen wird. Vieles wird in Form kleiner, reduzierter Portionen ohne Kontext präsentiert – eben wie in der Vermarktung üblich ohne eine Ablenkung von der Kernaussage. Kontext ist zwischenmenschlich gesehen aber sehr wichtig und muss stärker transportiert werden, wie gesagt nicht nur in Netzwerken oder Kurznachrichten, einfach ganzheitlicher, indem man dem Gegenüber einen sinnvoll erweiterten Einblick in die eigene aktuelle Situation gibt. In meiner Vorstellung wird Kommunikation dadurch plastischer, nachhaltiger und wertiger.

Eine überzogene Variante hiervon ist mir schon mindestens zweimal hier in Frankfurt aufgefallen, beide Male war es jeweils ein Herr, dessen Wurzeln man in Richtung Orient vermuten würde. Beide Male brauchte der jeweilige Herr die Hilfe eines anderen und beide Male wurde der komplette Hergang der aktuellen Situation schnell aber ausführlich geschildert, mit scheinbar unbewusstem Augenmerk darauf, dass der jeweilige Herr nichts für seine Lage konnte und der vorliegende Fall auf keinen Fall eine Lapalie sei, die er hätte einfach so und ganz allein lösen können. Beide Male war der Kontext eher unwichtig für die Lösung des Problemchens, wurde aber dennoch komplett ausgerollt. Wahrscheinlich eine kulturelle Angewohnheit – darum mein Hinweis auf die möglichen Wurzeln der Herren. Für mich und meine Prägung war der Kontext beide male völlig überflüssiger Ballast, auch wenn ich gestehen muss, dass das Problem jeweils doch irgendwie wahrhaftiger und plastischer dadurch wurde.

Ein wenig mehr Kontext, ein wenig weniger Vermarktung. Klingt alles sehr schön, sehr kommunikativ, sehr menschenfreundlich. Was davon machbar ist, ist nun die Frage, ebenso ob ich selbst einfach mal eine solche Linie fahren will oder kann.

24h

In den beiden Sozialen Netzwerken Snapchat und Instagram ist der vergängliche Inhalt kultiviert worden: Bilder und Videos, die nur 24 Stunden lang online und danach für immer fort sind.

Dass einmal veröffentlichte Inhalte automatisch wieder entfernt werden, hat seinen Ursprung im Direktkontakt zwischen Nutzern von Snapchat. Das Alleinstellungsmerkmal dieser App war seit jeher, dass man einander schreibt und beide Seiten keinen dauerhaften Zugriff auf die Inhalte haben – so kann man unbeschwert seine Genitalien herzeigen, ohne dass sie gleich in einer parallelen Gruppendiskussion auf WhatsApp landen. So zumindest der Grundgedanke, blind auf dem Auge, das Screenshots anfertigt.

Wahrscheinlich aus Gründen der Anbiederung an gelernte und noch ganz frische Verhaltensweisen gab es dann auch weltöffentliche Kurzzeit-Inhalte bei Snapchat und mittlerweile hat Instagram das Konzept direkt übernommen und es „Stories“ getauft.

Dass alle Welt nun vergängliche Inhalte veröffentlichen kann/darf/soll/will, befördert bei vielen Nutzern, denen ich folge, dass sie gewissermaßen ihre B-Inhalte auch noch raushauen – denn man ist ja nur 24 Stunden lang damit assoziiert. Darüber hinaus wird ein Nutzer implizit unter permanenten Druck gesetzt, immer und immer wieder ins Netzwerk zu schauen, da er was verpassen könnte, denn der Countdown der 24 Stunden startet ab Veröffentlichung, nicht ab erstem Aufruf pro Nutzer – was fair aber technisch komplizierter wäre.

Aus Sicht der Netzwerke wird alles richtig gemacht: das Veröffentlichen wird unverbindlicher und das Publikum wird zur Wiederkehr erzogen.

Aus meiner Sicht werden die Inhalte lascher und das Folgen unnötig fremdbestimmt.