Online-Bahnfahrt


Hier sehen wir ein wunderschönes Beispiel, wie man das Internet und seine Dynamiken missverstehen und sich ungerechtfertigt auf ein moralisches Ross hieven kann. Natürlich setze ich mich in der Bahn nicht neben fremde Leute und kritisiere deren Leben, DENN in der Bahn ist man, weil man reisen muss/will und nicht, um sich zu zeigen. Dass Menschen sich und die Gestaltung ihrer selbst online zeigen, ist hingegen kein Nebeneffekt eines anderes Vorhabens, sondern Selbstzweck.

Die Logik des Tweets oben unterschlägt, dass das Internet das größte Fegefeuer der Eitelkeit überhaupt ist. Selbstdarstellung ist so eng mit dem Internet verwachsen, dass niemand mehr in der Lage ist, die unterstellte Aufforderung zur Reaktion wegzulassen. Ich bekomme von niemandem, der nicht in meinem Haushalt wohnt, Kommentare dazu, wie ich morgens mein Müsli esse, weil ich nicht im Schaufenster wohne. Ich präsentiere mich nicht, also kassiere ich keine Meinungen.

Meinetwegen ist nicht jede Veröffentlichung im Netz eine selbstverliebte Präsentation. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Menschheit erwachsen genug ist, sich sachlich aufs Thema zu fokussieren. Online sind wir so ungehemmt subjektiv wie sonst nirgends. Früher wurde man im Flurfunk, in der Nachbarschaft, in der Clique genauso verrissen und diskutiert. Jetzt haben wir mit dem Internet nur den perfekten Katalysator dazu bekommen: anonym und unmittelbar. Besser kann man Senf nicht abgeben.

Der Tweet tut so als wäre die Online-Welt eine gesellige Runde, bei der wir einander in die Augen schauen und uns sozailbewusst verhalten. In Wirklichkeit ist das Internet kein erweiterter Freundeskreis. Stattdessen ist eine Form der Öffentlichkeit, die hemmungslos regiert wird von Launen, Vorlieben, Abneigungen und Geltungsdrang. Es ist das Gegenteil von Bahnfahren, wo man den stummen „Ich lass Dich in Ruhe, Du lässt mich in Ruhe“-Kodex noch finden kann.

Telenovelas auf LSD

Comics sind der Wahnsinn. Sie erzählen mitunter die schlechtesten Geschichten, die man sich irgendwie aus den Fingern saugen könnte, tun es aber mit einem Selbstbewusstsein, das Titanic und Hindenburg verblassen lässt. Selbstverständlich meine ich amerikanische Comics.

Sie drehen sich immer und immer wieder um sich selbst! Jeder Serienfreund kennt das Phänomen, dass ab einer gewissen Länge der Serie, so ab der dritten oder vierten Staffel, auf einmal Konstellationen entstehen, die man niemals als naheliegend oder gar logisch bezeichnen würde. Da wird der knuffige Serien-Opa auf einmal der Assistent des fiesen Chefs der Hauptdarstellerin oder der brummelige Tüftler fängt was mit der oberflächlichen Fitnessfanatikerin an usw.
Sowas passiert, weil Serien nicht beliebig ihr Ensemble erweitern können (oder wollen, denn jede neue Figur muss erst „ankommen“), also wird mit den vorhandenen Figuren gearbeitet und es kommt zu unrealistischen Verknüpfungen.

(Amerikanische) Comics sind genauso, nur noch schlimmer. Grade mit den Bösewichten wird der übelste Zirkus betrieben, weil sie ja die Impulsgeber sind, damit die Helden was zu tun haben. Also passiert vor allem immer das eigentlich Allerdümmste: die Schurken versuchen es immer und immer wieder, gern in derselben Stadt, gern mit gar nicht oder wenig geändertem modus operandi. Gestorben wird auch alle Nase lang und alle kommen sie wieder und für immer und ewig hauen sich dieselben Soziopathen gegenseitig auf die Mütze. Um irgendwie zu rechtfertigen, was da abgeht, werden Geschehnisse herbei konstruiert, die manchmal himmelschreiend lächerlich faul konzipiert sind, aber alles wird mit einer Attitüde der Unschlagbarkeit erzählt, mit dick und fett aufgetragenem Pathos und schwungvoll gezogener Linie gezeichnet. Comics sind Telenovelas auf LSD, v.a. regelmäßig erscheinende Serien.

(Am Rande: Congrats, Bats, zu 1.000 Ausgaben „Detective Comics“!)

Ich bin mir des Kitsches, Klamauks und Konstruktionskrampfes sehr bewusst und liebe diesen Quatsch. Erwachsene Männer verdienen damit ihr Geld und Armeen anderer erwachsener Männer kaufen den Kram und konsumieren ein Leben lang Heft um Heft.

Urlaub ist Pizza

Urlaub nehmen, um Behördengänge zu erledigen und/oder „die Wohnung mal so richtig auf Vordermann zu bringen“? Erledigungen? Arbeit?

So fühlt sich das in meinen Augen an: Stell Dir vor Du hast ein Guthaben über zehn Pizzen. Pizza ist lecker, Pizza ist beliebt. Jede Pizza wird von Meisterhand auf Deinen Gaumen und jeden Deiner Wünsche abgestimmt. Aber: Du hast nur zehn Pizzen fürs gesamte Jahr und abseits dieser zehn Pizzen gibt es nur mäßige Kost: nüchterne Salate, zerkochte Nudeln mit Ketchup, lauwarme Linsensuppe.

Du hast also zehn Freifahrtscheine für grandiose Pizzen – so aufwändig oder brachial einfach und direkt wie Du magst. Zehn Pizza-Wünsche Deines persönlichen Pizza-Flaschengeistes. Diese zehn Pizzen sind Deine ganz besonderes, wohlverdiente Abwechslung, kleine, schmackhafte Insel im Meer der mediokren Mahlzeiten.

Und jetzt stell Dir vor jemand schlägt vor, doch auf eine dieser zehn Pizzen einfach mal etwas nüchternen Salat, eine Handvoll zerkochter Nudeln und lauwarme Linsensuppe zu packen – weil’s weg muss und praktisch wäre, das zu verbinden und Du denkst Dir: „Geh sterben, aber zügig! Jede Pizza ist eine heilige Auszeit von dem Mist, den ich sonst habe, da mache ich alles andere, nur nicht irgendwas, das annähernd eine Ähnlichkeit zu dem Normalfrass haben könnte!!“

Falls jemand überhaupt nicht mit dieser sehr anschaulichen Metaphorik mitziehen kann oder will, hier eine alternative Version:
Du läufst einen Marathon, bei dem Du nur dreimal was trinken darfst und jemand schlägt vor: „Trink doch die Bratensoße von gestern, die ist noch übrig und kann weg.“

Großraumbüro

Der 1. März 2019 war einer der bislang anstrengendsten Arbeitstage, seit wir im Oktober 2018 in ein Großraumbüro umgesiedelt wurden. Der Knackpunkt ist wie so oft das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Weltwahrnehmungen und Intentionen gewesen.
Zu meinen Aufgaben gehört es, nach Ende eines Kalendermonats eben diesen in Form von Reportings für unsere Kunden zusammenzufassen, d.h. eine Ladung Kennzahlen zu erfassen, abzubilden und zu kommentieren, um dadurch unsere Arbeit als Agentur zu beweisen und die Kosten für uns als Dienstleister zu rechtfertigen. Durch die naheliegende Taktung anhand von Kalendermonaten ist der jeweils erste Werktag eines Monats für mich immer der Startschuss für einen kleinen Marathon an Reportings, die alle idealerweise zügig erstellt und verschickt werden.

Dass nun der 1. März 2019 ein Freitag war, erfüllte mich vorab mit Erleichterung und einer Art zweckmäßigen Vorfreude: an Freitagen ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kunden Anliegen an mich herantragen geringer. wie so viele Arbeiter wollen auch unsere Kunden einen Freitag meistens einfach nur sauber durchbringen und pünktlich „ins Wochenende starten“. Also keimte in mir die Aussicht auf einen Arbeitstag ohne viele zusätzliche Anliegen und somit viel freier Zeit für meinen kleinen Reporting-Marathon: in die krude Welt der Kennzahlen-Exporte aus Social Media-Plattformen, Excel-Tabellen und windschiefen aber dennoch funktionalen Formeln und immer wieder neu und abermals neu zurecht aktualisierten Power Point-Präsentationen einsteigen und dort den sprichtwörtlichen Schuh runterfahren – halb Automatismus, halb Tunnelblick und zack wären mal eben alle Reportings an einem einzigen Tag erledigt.
Man wird ja noch träumen dürfen.

Leider war der 1. März 2019 wie erwähnt ein Freitag, sodass nicht nur die Kundschaft die erwähnte Mentalität der Zielgraden an den Tag legte, sondern auch das Kollegium im Großraumbüro um mich.
Der Fluch des Großraumbüros an sich besteht aus der ständigen Anwesenheit von Reizen, indirekt und direkt. Die indirekten Reize sind eben jene, die man ungeschützt abbekommt: Telefonate, Gespräche, Kaffeemühle, Kaffeemaschine, Wasserkocher, Heißwasserhahn, Mikrowelle, Schritte auf der Treppe, Türklingeln, Türen, automatische Handtuchspender auf den WCs. Dies sind nur die wichtigsten akustischen indirekten Reize, da ich mich halbwegs gut vor optischen indirekten Reizen schützen kann, indem in in den Monitor krieche.
Direkte Reize entstehen durch die ständige Sichtbarkeit für andere und die damit automatisch unterstellte Verfügbarkeit und Ansprechbarkeit.

Diese kurz zusammengefasste Liste der möglichen Irritationen ist absolut harmlos und rein gar nichts, vor dem man kapitulieren müsste, wenn man sich wirklich in einer Arbeit verlieren würde, aber wie erwähnt ist der Monatsanfang die Zeit der Routineerledigungen. Leider kann ich mich in sowas nicht vor lauter Faszination verlieren und die Außenwelt vergessen, viel mehr muss ich mich konzentrieren und möglichst lange im Roboter-Modus gewissenhafter Erledigungen bleiben.

Für den Rest des Büros war es Freitag, der letzte Tag der Woche, der Tag mit den meisten Ruhe vor den Kunden, der Tag, an dem man mehr Zeit füreinander hat, für Späße, für Ulk, für Klatsch und Tratsch, für Zoten, Witze, Unsinn – der Tag, an dem man noch im Büro anfängt, sich dafür zu belohnen, dass man wieder eine Woche geschafft hat.
Menschen in Agenturen halten sich für kreativ, bringen gewisse Egos mit und sind sehr empfänglich für Dynamiken wie Freitage. Ich schließe mich nicht aus. Ich mach immer gern mit und freue mich, ab und zu die Bestätigung zu bekommen, dass wir als Gruppe keine Miesepeter sind, die Dienst als Dienst sehen usw.

Letzten Freitag hatte ich aber anderes auf dem Tisch und mich gefreut, keine Exkurse wegen spontaner Anliegen fahren zu müssen.
Natürlich kollidierte mein Vorhaben auf schlimmstmögliche Weise mit dem Freitag im Rest vom Großraumbüro. Alles oben Genannte kam zusammen, alle direkten und indirekten Ablenkungen – was an einem Freitag ganz normal, ganz natürlich und völlig gesund ist! Nur hat es mir kein bisschen in den Kram gepasst und meinen Plan für den Tag absolut ruiniert, sodass ich am Ende des Tages, der sich so lang wie drei angefühlt hatte, gereizt und frustriert ins Wochenende ging. Geschafft hatte ich ein komplettes Reporting, ein zweites musste ich unvollendet zurücklassen, weil ich meinen Brutto-netto-Berechnungen nicht weit genug vertraute, um die Ergebnisse zu verschicken. Konzentration und Vertrauen in die eigene Arbeit waren dahin.
Eine Kollegin hatte mich am späten Nachmittag darauf angesprochen, dass sie noch gar nichts so richtig von mir mitbekommen hatte. Ich meinte dann, dass ich eben meine Reportings machen wollte, aber es sehr unruhig sei. Der wichtigste Satz aus meinem Mund war: „Für mich ist 1. März, für euch ist Freitag.“

Ich stelle niemanden an den Pranger, vielleicht ärgere ich mich noch am meisten über mich und meine Naivität einem Freitag im Großraumbüro gegenüber. Dass ich das nicht kommen sah, ist auch ein kleines tragikomisches Wunder in sich.

Wie ich mich den Gegebenheiten in Zukunft stellen kann oder muss, finde ich erst noch heraus. Man will ja intelligent und flexibel sein und schlaue Lösungen für Probleme finden. Andererseits hatte ich neulich den Gedanken: Wenn neben meiner Mietwohnung auf einmal ein Flughafen gebaut wird und Tag und Nacht Lärm herrscht, ziehe ich halt weg, statt meine Wände, Fenster und Türen zu isolieren und mir nachts die Ohren zu verstopfen.

Aber man muss nicht immer gleich drastisch werden.

Heim: Arbeit

Ich habe fast zehn Jahre im Berufsleben verbringen müssen, um eine Sache ganz von allein realisieren zu können: Ein Anstellungsverhältnis kann niemals eine emotionale und geistige Heimat sein, nach der man nur lange und intensiv suchen muss und wenn man einander gefunden hat, ist alles gut und wird es für immer bleiben.

„Sucht“ man sich eine Erwerbsarbeit, wird man eigentlich gesucht. Ein Unternehmen sucht jemanden, der’s macht. Für Geld. Es wird jemand gebraucht, der die Fähigkeiten für die Aufgabe hat und mit dem angebotenen Gehalt einverstanden ist. Das Unternehmen sucht nicht jemanden, mit dem es eine emotional gesunde Beziehung aufbauen und pflegen kann, um diesen jemand glücklich zu machen.

Sich „selbst zu verwirklichen“ steht in keiner (ernstzunehmenden) Ausschreibung. Wer sich selbst verwirklicht, macht das für sich selbst, auf eigene Faust und Verantwortung. Angestellter ist man für andere. Man bekommt lediglich eine monatliche Entschädigung.

Das ist keine Ausbeutung, es ist nur ein tragisches Missverständnis, an dessen Auflösung niemand allzu hart arbeiten mag, schon gar nicht in der Schule.

Eine Arbeitsstelle ist nicht der zentrale Knotenpunkt, sie ist eine Begleiterscheinung unserer Gesellschaft und muss auch als Begleiterscheinung einer gesunden Existenz angesehen werden. Arbeit erfüllt uns nicht, wir erfüllen Rollen als Arbeiter und halbwegs pünktlich sollte dann aber auch Feierabend sein.

Ausgedacht

Wir leben in einer gemachten Welt. Fährt man raus in die Natur und entfernt sich weit genug von menschgemachten Dingen, sieht man die Welt, wie sie eigentlich ist. Aus dieser ursprünglichen Weltumgebung haben wir Menschen unsere Zivilisations-Umgebung geschaffen, indem wir die Natur umgeformt haben. Jeder Rohstoff, jedes Material ist entweder der Natur direkt entnommen oder wurde aus Stoffen der Natur durch Arbeitsaufwand erstellt, um dann verwendet zu werden. Formt man einen Baum um, erhält man Bretter – falls man die richtigen Werkzeuge hat. Um diese zu erhalten, muss man wiederum andere Teile der Natur entnehmen und/oder umformen. Das Konzept versteht man am besten, wenn man einfach mal eine Weile Minecraft spielt.

Ein Brett, ein Werkzeug, eine Hütte, ein Haus – dies sind hergestellte Gegenstände, die eine physische Form besitzen und diese auch erhalten, wenn man den Gegenstand zurücklässt und irgendein fremder, neuer Mensch ohne Vorwissen diesen Gegenstand vorfindet. Der sinnhafte Zweck des Gegenstands ist nicht eindeutig im Objekt gespeichert. Ein Hammer wird immer ein Gegenstand sein, der sich besonders gut dafür eignet, auf anderes zu schlagen. Man kann mit einem Hammer aber auch einen Suppenkessel umrühren, wenn man denn so will, nie einen Hammer gesehen oder benutzt hat und keinerlei Verwendung für einen Gegenstand zum harten Zuschlagen hat. Der physische Gegenstand ist materiell und objektiv; seine Intention ist nicht immer inhärent. Jeder hat schonmal einen kleinen oder großen Gegenstand oder vielleicht auch nur ein Bauteil vor sich gehabt und gerätselt, „wozu das gut sein soll“, also die Suche nach der Intention und dem Zweck angestrengt. Sobald man eine Erklärung hatte, war dieses eine Ding auf diesen einen Zweck festgelegt und somit sinnhaft erklärt und eingeordnet.

Wenn nun aber die physische Form fehlt, bleibt nur noch die Intention, ein rein immaterieller Sinn und Zweck, der durch Dokumentation und Kommunikation aufrecht erhalten werden muss:

Jubiläen wie Geburtstage, Termine, Verabredungen, Deadlines – also alle Konzepte von Zeit. Namen, Wörter, Sprachen – alle Form von Kommunikation. Moral, Gesetz, Recht und Unrecht – alles, was wir als geistige menschliche Errungenschaften ansehen. Und wer weiß was noch alles. Mir geht es hier nur um die zeitlichen Dinge. Fristen, Termine, Planungen im ganz kleinen Rahmen; es ginge auch größer: die gesamte Systematik der Zeiterfassung, Kalender, Sommer- und Winterzeit – alles gemachte Dinge und nicht wirklich perfekt zu Ende geführt, sodass ich wohl nie den real gelebten Internationalen Ewigen Kalender erleben werde.

Aber zurück zu Fristen, Terminen und Planungen: diese gemachten Dinge betreffen nicht immer die ganze Menschheit, manchmal nur wenige Menschen. Die Gemachtheit eines Termins wird nie bewusst reflektiert. Warum auch, das ist anstrengend und führt zu nichts, aber es ist die Gemachtheit, in der die Groteske eines jedes Deadline-Stresses liegt, besonders dann, wenn an den Termin kein physikalisches Ereignis gebunden ist. Soll heißen: Wenn mein Zug um 10 Uhr abfährt, fährt er um 10 Uhr ab und wenn ich später am Gleis bin, kann ich mir in Ruhe das leere Gleis anschauen, das mein Zug mir hinterlassen haben wird. Der Zug ist Teil eines größeren Systems und daher einem Gefüge verpflichtet, das auf viele funktionierenden Teile baut. Darum ja auch dauernd die immer wieder geilen Verspätungen: Kleinigkeiten wachsen sich stetig aus und auf einmal kommt der Zug Mitternacht statt acht Uhr abends.

Je kleiner aber das System wird, umso größer die Groteske der Gemachtheit. Frei gewählte, mitunter sogar selbst auferlegte Fristen werden zu einem stechenden Gewissensbiss im Hinterkopf. Greift man nicht vorausschauend während der Herstellung des Termins ein, ist dieser in Stein gemeißelt und kann nur durch stichhaltige Rechtfertigungen wieder gelockert und gegebenenfalls verändert werden – und das obwohl manchmal nur drei Knallköpfe betroffen sind, die selbst entschieden haben, dass es dieser Zeitpunkt sein soll und kein anderer. Souveränität über die eigene Zeit und das eigene Gewissen wird unterschlagen. Der Generalverdacht, dass man ohne Fertigstellungsfrist keinen Finger rühren würde, wird akzeptiert. Die Gemachtheit bleibt unbeachtet, wird nicht bewusst gemacht. Hinweise irritieren, stören.

Hauptsache anders

Jeder kennt diesen einen unnötig existenten Menschen in seinem Umfeld – dieses eine Subjekt, das einfach nicht ganz normal, kollegial, sozial, freundschaftlich, kameradschaftlich mitspielen kann.

Mottoparty „Dschungel“: Er kommt als Bulldozer.

Mottoparty „Himmel“: Er kommt als Teufel.

Mottoparty „Ganz in Weiß“: Nein, er kommt nicht ganz in Schwarz, sondern so knallbunt wie es geht. Neonfarben, auch die Perücke.

Jeder der Gäste – und die Gastgeber auch – hatte kurz den Gedanken, wie aberwitzig es wäre, als das genaue Gegenteil oder ein schadenfreudige Pendant aufzutauchen, aber weil wir keine vier Jahre alt mehr sind, lassen wir den Mist und verhalten und respektvoll dem Motto gegenüber, auch wenn wir Mottoparties saudumm finden – oder vielleicht sogar grade deswegen. Augen zu und durch, wenn man schon nicht die Eier hatte, abzusagen, weil man Mottoparties saudumm findet.

Spontanes Verhalten ist auch betroffen.
Alle sollen die linke Treppe nehmen. Er rennt kichern und winken die rechte Treppe lang. Man hätte sie verminen sollen.

Ich habe keine Ahnung, was in solchen Menschen vorgeht. Man kann originell sein, ohne ein Störenfried zu sein. Man kann anderen ihren Spaß lassen und trotzdem seinen eigenen haben – ohne eine bewusste Brechung mit genau dem Spaß der anderen dafür zu brauchen.

JJJ

Spider-man was behind it… helping Doctor Octopus, wasn’t he?? Even if you didn’t see him… he could have been here, couldn’t he??“
[…]
„For all we know, Ock is really Spider-man in disguise!“
[…]
„Okay! Okay! So I forgot!“

J. Jonah Jameson ist ein Psychopath.
(Definition: „Person mit gestörtem Gefühls- und Gemütsleben und/oder einem Verhalten, das dem Bild einer selbstverantwortlichen Persönlichkeit nicht entspricht.“)

Ursprünglich ist diese Figur als interessantes Vehikel für ein Spannungsverhältnis der Hauptfigur zu ihrer Umwelt erfunden worden: Peter Parker ist seit dem Tod seines Onkels genötigt, ein Zubrot zum Haushalt bestehend aus ihm selbst und seiner fragilen hochaltrigen Tante May zu leisten. Da Peter schon vor Onkel Bens Tod Kapital aus seinen Superkräften geschlagen hat, geht er auch nach seiner Läuterung und Transformation zum Helden diesen Weg: Er fotografiert seine Abenteuer als Spider-man und verkauft die entstandenen Bilder an eine Tageszeitung. Das erwähnte Spannungsverhältnis ergibt sich aus der Tatsachen, dass der dazugehörige Verleger, namentlich J. Jonah Jameson eine brodelnde Verachtung gegen Spider-man hegt und die von Peter Parker gelieferten Bilder für eine fortlaufende Schmutzkampagne gegen den Netzkopf verwendet. Fertig ist die Seifenoper-Misere: Peter Parker ist jung und braucht das Geld, also verkauft er weiterhin Bilder an JJJ und füttert somit ihn und dessen Hasskampagne.

Ich lese derzeit die frühen Jahre Spider-mans und dort verbleibt die Figur JJJ sehr oft ein einem konkreten Schema: Spider-man ist in eine Art Abenteuer verstrickt und zeitgleich oder nachträglich verdreht JJJ die eigentlichen Geschehnisse hin zu einer zurechtgebogenen Narrative, in welcher Spider-man der Bösewicht, der Urheber der Gefahr, der Grund hinter der Zerstörung etc. ist. Prägend hierbei ist, dass JJJ die Ereignisse uminterpretiert, also eine existente Situation mit einer eigenen Bedeutung befüllt. Er erfindet „wahre“ Intentionen Spider-mans und sehr gern auch Absprachen zwischen Spider-man und den Schurken. Wichtig hierbei: Er nimmt, was er sieht/hört und klebt seine Erklärung (ergo: Interpretation) drauf.

Das ganze Konzept ist halbwegs originell und ich erduldete es beim fortlaufenden Lesen als eine Gegebenheit der Erzählwelt – bis zu jenem Zeitpunkt als er eine Grenze überschreitet. Nachdem Doctor Octopus einen Militärkonvoi überfallen und den Prototypen einer Waffe gestohlen hat, konstruiert ein nachträglich eingetroffener JJJ eine frei erfundene Version der Geschehnisse unter der Maßgabe, dass Spider-man an dieser Stelle ein Verbrechen verübt haben muss. Selbiger war zum Zeitpunkt des Überfalls nichtmal im selben Stadtteil und niemand der Augenzeugen erwähnt Spider-man auch nur.
JJJs Ansatz Nr. 1 ist: Spider-man war zwar nicht zu sehen, aber er hätte Doc Ocks Komplize sein können. Hier interpretiert er nicht mehr, er konstruiert. Sein eigener Sohn sagt ihm ins Gesicht, dass der Vorfall nichts mit Spider-man zu tun hatte – zum Glück, denn jedes „Keine Ahnung.“ oder „Weiß ich nicht.“ hätte JJJ wahrscheinlich gereicht.

JJJs Ansatz Nr. 2 ist: Da keine Spur von Spider-man zu finden ist, muss Spider-man eine andere Identität angenommen haben, natürlich die der Gefahr, also Doc Ock. Zu allem Überfluss formuliert JJJ seine Behauptung auch noch als allgemeine Maßgabe und angeblichen Konsens: „For all we know…“ Er zieht seine Gesellschaft hinein in sein Konstrukt, distanziert sich davon, Verfasser seiner Lüge zu sein. Als Journalist muss er sich ja schließlich auch zum Berichterstatter stilisieren, nicht als Autor.
Dieses Mal ist es an Robbie, JJJ an die Welt der Fakten zu erinnern: Spider-man und Doc Ock wurden schon oft zusammen gesehen, sie können nicht dieselbe Person sein. Diese Wahrheit passt nicht in JJJs Konstrukt, also tut er so als würde er zugeben, dass er vergessen hätte, dass die beiden oft zusammen gesehen wurden – er, der jeden Schritt von Spider-man verfolgt und ausschlachtet. Zum Glück verfolgt JJJ seine Hirngespinste in dieser Situation nicht weiter, sondern lenkt ab, indem er seine Souveränität wieder repariert und den Chef markiert, der nach seinem unnützen Fotografen Peter Parker verlangt. Gut und gerne hätte JJJ auch noch eine und noch eine Version der Ereignisse entwerfen können, immer und immer wieder mit Spider-man als Kern allen Übels.

Wir sehen hier einen Mann, der in der welt um ihn herum nach Ansatzpunkten sucht, seine Ideologie anzubringen. Seine Weltanschauung muss angewendet werden. Was passiert ist oder wie die Dinge sich darlegen, ist dabei unwichtig. Er braucht nur Trägermaterial, dem er seine Erzählung überstülpen kann. So albern und schrullig JJJ bis zu dieser Szene war. Hier ist die Figur für mich gekippt. Er deutet nicht nur in seine Richtung, er definiert die Erzählung, egal was sich in Wirklichkeit ereignet hat. Die Hauptsache ist, das Feindbild zu propagieren, auch wenn der Feind weit und breit zu sehen ist.

Und dieser Psychopath bestimmt, was eine Tageszeitung auf dem Titel trägt.

Cool motive. Still murder.

Eine der für mich besten und wichtigsten Aussagen im Rahmen von „Brooklyn Nine-Nine“: Peralta erkennt an, welche Beweggründe hinter der Tat steckten, er findet sie sogar cool, aber ein Mord ist ein Mord. Die Tat hat einen Namen – weder Notwehr, noch Totschlag oder etwas anderes. Mord.

Was wir den Dingen und Handlungen um uns herum für Herleitungen und Bezeichnungen geben, ändert die Natur der Sache nicht. Dennoch ist das Ringen um die beste Verschleierung ein stetes Streben. Kommunikation erfordert Koordination zwischen Menschen und lässt Weltwahrnehmungen aufeinander prallen. Das merkt man schon im Kleinen, wenn man sich nicht darüber einigen kann, ob es grade kalt ist oder nicht, ob ein Gegenstand schwer ist oder nicht, ob ein Film spannend war oder nicht.

Wir erfahren und erleben die Welt und aus unserer subjektiven Wahrnehmung heraus erklären wir unsere Eindrücke. Natürlich müssen da Abweichungen entstehen, wenn Menschen aufeinander treffen. Filme, Temperaturen und Gewicht sind Firlefanz, bei denen Unstimmigkeiten sogar amüsant sein können. Was ist aber, wenn es um (Un)Wahrheit, (Un)Gerechtigkeit und Rechtfertigungen geht?

Meinungen sind Eigensache und gehören toleriert. Hier besteht ein Unterschied. Eine korrekt geäußerte Meinung wird als subjektives Angebot präsentiert, nicht als Definition eines Sachverhaltes.

Made in China

Chinesische Billigprodukte und Produktpiraterie sind ein Segen für den westlichen Kapitalismus und die großen Marken wie Nike und adidas wissen es und kalkulieren damit. Der eigene Hochglanzmist glänzt nur dann am schönsten, wenn man ranzigen dReck daneben stellt. Das Spannendste an Edelmetallen und -steinen ist die Entdeckung, dass es kein Imitat ist, sondern echt! Besitzt man echten Goldschmuck, echte Diamantohrringe oder eben echte limitierte Turnschuhe der Topmarke des Tages, geht man mit einer Art Unantastbarkeit auf die Straße und kann sich unendlich oft in eine gestellte Untersuchung begeben, aus der man immer siegreich hervorgehen wird. Untermauert werden die Wertigkeit und Echtheit des eigenes Besitztums (und aufgrund der unauflöslichen Verbunds zwischen Akteur und Eigentum auch die Wertigkeit und Echtheit der eigenen Person) durch eine Wahrnehmbare Skala des Geldwertes. Dankbarerweise verlängern Billigprodukte und Piraterie dieses Skala und ermöglichen die Rechtfertigung hoher Ausgaben für „echte Markenware“ und garnieren den überteuerten Kauf mit dem Orden, nicht auf ein Imitat hereingefallen zu sein.
Derweil klopfen sich all die Billigproduzenten und Markenpiraten auf die Schulter, weil es Millionen von Menschen gibt, die viel mehr Geld als irgendwie rational notwendig in die Hand nehmen, um sich Kleidung und „Accessoires“ zu kaufen, damit sie „Fashion Statements“ machen können. Billiger Ramsch funktioniert aus dem gleichen Prinzip wie Spam-Mails nach wie vor versendet werden: es kommt weiterhin genug Gewinn dabei raus, dass es sich lohnt weiter zu machen. Als ob ausgerechnet dieser Teil der Wirtschaftswelt blind für Kosten-Nutzen-Bilanzen wäre. Hier wird der Kapitalismus so unverfälscht und ehrlich gelebt, wie es die ganze legale Industrie sich niemals erlauben könnte: so wenig wie möglich Geld in Produktion und Vertreib stecken und so viel wie möglich wieder rausholen, egal mit welchen Mitteln.

Und noch was: Hier in unserer westlichen Denkwelt amüsiert man sich gern über offensichtliche Produktpiraterie: Sunbucks Coffee, HIKE Sports, adadis.
China kommuniziert über Schriftzeichen, grafische Elemente, die Konzepte vermitteln. Wir bilden Ketten aus Lauten ab. Für uns (außerhalb der Wissenschaftsdiskurse und Tafelwerke) steht ein E nur für eine sehr kleine Anzahl an Lauten, die wir von uns geben müssen, wenn wir dieses Zeichen vor uns sehen. „Besen“ beinhaltet zwei davon. Für jemanden, der aus einer Welt der Schriftzeichen stammt, ist ein hochheiliges Wort wie adidas eine Anordnung von Kringeln und Strichen, die irgendeine Legende von Sportlichkeit und Geldbesitz erzählt, aber der Erfinder dieser Kringel-Strich-Zeichnung erlaubt niemandem sonst, die exakte Version seiner Mini-Legende abzubilden, also ändert man einfach ein paar Striche und Kringel, aber das Erscheinungsbild erinnert nach wie vor an die „geschützte“ Form der Legende von Sportlichkeit und Geldbesitz: adadis, adibas, abadas usw.
Aktuell sickern Emojis immer stärker in unseren alltäglichen schriftlichen Sprachgebrauch. Apple, Google, Facebook Samsung & Co. verwenden unterschiedliche Zeichensätze für ihre „Emoji-Alphabete“, dennoch erkennen wir immer das Konzept „vor lauter Lachen Tränen in den Augen haben“, egal in welcher Stilrichtung wir es sehen. So stelle ich mir die Chinesische Sicht des westlichen Markenkults vor.