Dorian Gray

Heute habe ich „The picture of Dorian Gray“ beendet und obwohl es wesentlich kürzer ist als bspw. „Der Graf von Monte Christo“, kam es mir doch länger vor.

Die rein komprimierte Handlung, also der Plot (oder „der Falke“, wie wir Überlebenden eines generischen Germanistik-Grundstudiums zu sagen pflegen) ist nicht uninteressant. Die Umsetzung zieht sich enorm. Im Anhang steht, dass es schon zur Zeit seiner Veröffentlichung Raubkopien des Werks gab, die man daran erkannte, dass ihm sieben Kapitel fehlen. Ich glaube eher, dass es sich um optimierte Versionen handelte, denen sieben Kapitel überflüssiger Schwurbelei weggetrimmt worden waren.

Zunächst hatte ich mich gefragt, ob ich einfach nur beeinflusst wurde von der modernen, zeitgenössischen Art, wie uns Unterhaltungsmedien in verkürzter, leicht aufzunehmender Art Inhalte vermittelt (in Extremform in „Stories“ wie bei Instagram und TikTok) und dabei Ungeduld schüren und die Fähigkeit, sich auf eine Sache für längere Zeit zu konzentrieren unterminieren. Das mag zu einem gewissen Grad stimmen, aber rückblickend betrachtet erkenne ich im Werk einige Passagen, die nicht mit der eigentlichen Entwicklung der Handlung zu tun haben, sondern eher wie Dehnungen wirken. Die fällt besonders dann auf, wenn dann mal sehr konkrete Ereignisse um Herrn Gray erzählt werden und sich das Lesen auf einmal ganz kurzweilig gestaltet. Bis dies wieder passiert, muss man einen sehr langatmigen Mittelteil überstehen, bei dem teilweise nicht einmal konkret mit den Erlebnissen des Protagonisten zusammen erzählt wird, sondern einfach nur seine Umtriebigkeiten vom Erzähler zusammengefasst werden, en detail. Die Aspekte mögen ihre Relevanz haben, doch ihre Darreichung lässt sie für mein heutiges Auge sehr gezwungen und schleppend aussehen.

Doppelpost

Zwei Phänomene unseres gegenwärtigen gesellschaftlichen Zusammenlebens, die nichts miteinander zu tun haben außer mein Empfinden, dass sie Symptome einer verwässerten, verhätschelten Weltwahrnehmung sind, möchte ich hier umreißen:

Anspruch auf Kooperation
Ganz einfach umrissen meine ich damit: Leute, die wollen, dass andere etwas für sie tun, verhalten sich nicht wie Leute, die um anderer Leute Kooperation bitten, sondern warten aus unerfindlichen Gründen mit Erwartungen und Ansprüchen und implizierter Schuld für den Nicht-Kooperierenden auf, statt sich zu verhalten wie jemand, der auf Hilfe angewiesen ist und dem Angefragten den Wert seiner Hilfe und die zukünftige Dankbarkeit anzudeuten.
Ich habe nichts dagegen, wenn Leuten das Erreichen ihrer Ziele wichtig ist und dass gern auch kleine Ziele, zu deren Erfüllung man angefragt wird, auf größere Ziele einzahlen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass ein Zweck die Mittel derart heiligt, dass eines der Mittel brecheisenartige Unhöflichkeit sein darf.
Entweder ist man auf Kooperation angewiesen oder nicht (wirklich) und wenn ja, dann gibt es eigentlich eine Art Kooperationspakt bei uns zivilisatorisch organisierten Menschen. Einige vergessen oder ignorieren das.

Isolation von Konsequenzen
Der aktuelle Corona-Krise-Kinderquatsch mit Leuten, die sich nicht an extrem einfach einzuhaltende Vorgaben halten wollen, zahlt hierauf natürlich enorm ein, aber auch davor habe ich diesen Eindruck schon oft gewinnen müssen: Folgen von Handlungen werden nicht bedacht und eventuelle Sanktionen nicht als wirklich immanent erachtet.
Das bedeutet nicht, dass ich mir wünsche, dass jedem Falschparker gleich das Auto angezündet wird. Sanktionen müssen gerechtfertigt sein, d.h. eine deutliche Aufklärung über den Verstoß muss vorangegangen sein.
Was danach folgt, sollte unmittelbar sein, denn es wächst mir die Vermutung, dass nur unmittelbare Konsequenzen überhaupt noch als solche wahrgenommen werden. Alles, was zwei oder mehr Ablaufstufen von der ursächlichen Handlung entfernt ist, wird nicht mehr als selbstverursacht verstanden.
Außerdem fände ich es schön, wenn es eine Art Sanktionssolidarität in der Gesellschaft gäbe, eine Art Mob-Mentalität in zivilisierter Form, die kurz vor Heugabeln und Fackeln Schluss macht:
Falschparker vorm Haus? Alle werfen Eier und Mehl auf die Karre.
Störenfried im Kino? Von allen Seiten kommen Popcorn, Nachos, Käse und Cola geflogen.

gov.exe

In den USA steht in diesem Jahr eine Präsidentschaftswahl an und das erinnert mit immer wieder an den bisweilen recht zynischen Comedian Bill Burr, der über das Präsidentenamt der USA gern sagt, dass jede/r Inhaber/in dieses Amtes sogenanntes „Fuck-you-money“ haben sollte: so viel eigenes Geld, dass es keine Abhängigkeit von Spendern, Banken, Unternehmen, Regierungen oder sonstwem gibt. Dem Staatsoberhaupt muss der ganze Lobby-Zirkus richtig, vollständig egal sein, damit kein einziger Gedanke darauf verschwendet werden muss, welche Handlung als Präsident/in was für Folgen für den eigenen Vorteil/Status/Gewinn hat. Ganz oben muss alles egal sein. „Neues Gesetz! Coca-Cola macht eine Milliarde weniger im Jahr? Mir egal.“

Sieht man eine solche Lösung mal komplett optimistisch, klingt die Idee, einer autonom und unvoreingenommenen Obrigkeit doch wunderbar. Einem Menschen würde man echte Neutralität (auf Dauer) nicht zutrauen und das vielerorts vorhandene Parteiensystem ist auch ein Anzeichen dafür, dass man sich gar nicht um Neutralität bemühen möchte. So ein ganz klein wenig wird durch das Parteiensystem dafür gesorgt, dass nicht eine einzige Ideologie einen Durchmarsch hinlegt. Aber auch hierbei wird nicht an ein Ideal geglaubt, dass Regierung ein neutraler und grade dadurch möglichst gerechter Vorgang sein sollte. Es geht nicht um neutral oder gerecht, sondern um die jeweils eigene Vorstellung von „richtig“.

Wie wäre es nun aber, wenn man sich irgendwann einig wäre, nicht mehr auf den eigenen Vorteil hin zu arbeiten, sondern sich insgesamt einig wäre, eine Lösung zu schaffen, die keinem einen Nachteil liefert, weil sie keine eigenen Interessen hat. Keine Vorlieben. Keine Agenda. Keine Gesinnung. Nur der eine Auftrag, das Wohl aller zusichern und zu mehren.

Ich denke bei dieser Utopie an Künstliche Intelligenz. Die Verwaltung eines Systems, auch eines gesellschaftlichen, folgt Logiken, Prinzipien und Regeln, die man gern auch in sehr komplexen und extrem vielschichtigen Algorithmen darstellen könnte – mit viel Mühe, mit vielen Anpassungen und gepaart mit bspw. Asimovs Gesetzen der Roboter und ähnlichen ethischen Grundprinzipien. Daraus ließe sich eine auf Basis von Menschenrechten, Gesetz, Ethik und Robotik eine Maxime schaffen, auf deren Basis eine echte Künstliche Intelligenz eine wahrhaft neutrale und dem Wohle aller gewidmete „Regierung“ realisieren.

In einem Teilgebiet der Regierung, namentlich der Rechtsprechung liest sich zum Beispiel das Strafgesetzbuch jetzt schon wie eine Sammlung von WENN-DANN-Regeln. Mit in Zukunft immer potenteren Computern und der voran sprintenden Entwicklung Künstlicher Intelligenz liegt für mich die Vision nahe, dass zunächst klare und eindeutige Regelungen durch computergesteuerte Vorgänge abgewickelt werden. Einfache Sachen wie Bußgelder im Straßenverkehr können den Anfang machen und anstelle fester Geldbußen anhand vorhandener Daten über die Schuldigen individuelle Sätze festlegen und die Zahlung abwickeln. Das ist am Ende des Tages auch nur eine Vielzahl von WENN-DANN-Regeln im Einsatz, auch wenn sie ein Mensch anwendet.

Von hier aus ist es dann ein nahezu geradliniger Weg entlang immer ausgefeilterer Automatisierung bis zur nächsten Evolutionsstufe: Künstliche Intelligenz, die nicht nur einzelne Fälle abarbeitet, sondern Gesamtzusammenhänge erfasst, Trends erkennt und bewertet, Verkehrsregeln, Bußgelder, Punkte-Regelungen usw. feinjustiert, um insgesamt für Verbesserung durch die perfekten Sanktionen zu sorgen.

Das Prinzip des perfekten, nie vergesslichen, unbestechlichen Systems, das durch eine Intelligenz gestützt und geschützt wird, die nicht einfach so durch Manipulation und Überlisten des Systems missbraucht werden kann, ist die Utopie der Überwindung der vom Menschen gemachten, längst durch Korruption und Eigeninteressen zerfressenen Politikmaschinerie, die viel zu viel Selbstzweck ist.
Gesetze, Steuern, Subventionen, was weiß ich – alle Elemente einer Regierung können von heute aus gesehen gerechter, intelligenter und unvoreingenommener mit einem echten Konzept von „Allgemeinwohl“ gesteuert werden. Das traue ich aber keinem Menschen zu, sondern Künstlicher Intelligenz.

Demonstration

„Fuck off, Greta!“ hab ich mal auf dem Heck eines Kombis auf dem Parkplatz des Lidl im Frankfurter Ostend lesen dürfen. Mein damaliger Kollege und ich hielten uns extra lange im Eingangsbereich des Markts auf, um rauszubekommen, wer zu diesem Fahrzeug gehören möge. Ein Mann wuchtigen Umfangs, mit Jogginghose und Kapuzenpullover im Design einer Biker-Kutte stapfte aus dem Laden und zum PKW.

So ein Bild von einem Mann fühlt sich sicherlich nicht von einer jungen Klimaaktivistin derart ernsthaft bedroht, dass er sich einen Bannspruch auf die Karre klebt, um nachts wieder schlafen zu können. Eine offensichtliche Begründung mag sein, dass ein gestandener Kerl sich nicht reinreden lässt (offensichtlich auch nicht von seinem BMI aber das gehört hier nicht her), aber ich glaube auch, dass in dieser aggressiven Reaktion auf die öffentliche Meinung auch ein demonstratives Dagegensein gespielt werden sollte – eine als „mutig“ empfundene Verneinung nicht nur der stärker werdenden Doxa in Sachen Nachhaltigkeit und Ökologie, sondern der des Hinterfragens all dessen, was aus Gewohnheit so ist und nicht weil es schlau, gerecht, inklusiv etc. ist. Der große, öffentliche Diskurs spielt sich mehr und mehr darauf ein, Nachhaltigkeit, Gleichberechtigung und andere Strömungen eines, wie ich es nennen mag, modernen, aufgeklärten, nicht primär kapitalistischen Denkens zu stärken und es zeigen sich schon erste, sehr formelle und oberflächliche Anpassungen: die offizielle Aufnahme von „divers“ in die bundesdeutschen Klassifikationen von Geschlechtern oder die kleinen Zusatzkosten für Einkaufstüten aus Plastik etc.

Das alles hat derzeit einen gewissen Platz in der öffentlichen Meinung und all das unangenehm, fremd, verwirrend, umbequem, uncool, lästig, lächerlich, zu exotisch, zu anders, zu kompliziert, zu fremdbestimmt empfindend kann man sich ein perfektes Konstrukt zurecht zimmern: „Wenn ich das alles verneine, bin ich nicht rückständig, sondern mutig. Ich traue mich, anders zu denken!“ So kommen dann Texttafeln auf Facebook zustande, die immer damit enden, dass sich bestimmt keiner trauen wird, das zu teilen.

Es geht nicht mehr um Gegenargumente zu neuen Thesen und Bewegungen, sondern zu einem gewissen Grad zur demonstrativen Ablehnung als Befreiungsschlag gegen das erwartete Einstimmen in den Zeitgeist.

In gänzlich anderer, viel lächerlicher Art und Weise als eben geschildert beschäftigt mich die demonstrative Dekonstruktion von Erwartetem immer dann, wenn ich im Kulturbetrieb unterwegs bin, meistens in Museen, so gut wie immer im Theater. Kulturmenschen-Klischees von Frisuren, Brillen, Ohrringen, Rollkrakenpullovern, Jacketts, avantgardistischem Schuhwerk und kultiviertem Ausdruck laufen vor mir Schau – genauso wie die Gegenteile, die Verkehrungen, denen ich aber anzusehen glaube, dass sie mit Berechnung eingesetzt werden, nicht aus natürlichem, organisch gewachsenem Verhalten im Theater, sondern um der eigenen Figur im Spiel „Theaterbesuch“ eine Komponente der Spannung zwischen Norm und eigenem Auftreten zu verleihen. Das bestätigt wiederum nur die Norm und es beginnt der Kreislauf der Frage, welches Auftreten das weniger prätentiöse ist: das Auftreten als Kulturmensch oder die gemachte Anti-Garderobe. Als erstes erscheint mir die Anti-Garderobe immer als das größere Übel, aber sieht man den Kulturbetrieb innerhalb der Gesellschaft, ist das Kulturgehabe auch wieder eine Anti-These zum Normalmenschen, der sich nicht extra ausstaffiert, um möglichst viel Geist und Kultur auszuströmen.

Ich persönlich behelfe mir bisweilen damit, möglichst ohne Aussage oder Betonung aufzutreten, was sich jetzt, da ich die Berechnung dahinter expliziere, auch nur ein Gegenentwurf ist.

Fishing Paradiso

Am Ende kackt die Ente.

Mich interessiert ja dauerhaft die Frage, wie Schöpfer ihre Werke beenden. In einem Paralleluniversum habe ich dazu auch eine Doktorarbeit geschrieben, im hiesigennur einen Artikel über das Ende von ABBAs „Chiquitita“ auf Medium.

Jetzt kam mir ein neuer Knaller unter, den ich nacherzählen möchte und daher eindringlich warne, dass ich im Folgenden jede Überraschung des Spiels „Fishing Paradiso“ ruinieren werde.

Der Anfang:
Das Spiel beginnt damit, dass sich die Spielfigur im Himmel wiederfindet und nicht an sein vergangenens Leben auf der Erde erinnern kann. Schnell wird man von einem sprechenden Vogel instruiert, sich als Angler im Himmel zu verdingen, um Geld zu verdienen, das in eine besser Behausung als das aktuell sehr schlichte Zelt, gesteckt werden soll. Also beginnt man zu angeln.

Der lange Mittelteil:
Da das Angeln der Kern des Spiels ist, kommen von allen möglichen Seiten immer wieder Wünsche und Aufträge auf den Spieler zu. Die Bewohner des Himmels bitten um bestimmte Fische in bestimmten Menge und bestimmter Güteklasse und der Spieler liefert fließig. Ab und an wird man mit einem Dialog belohnt und noch etwas seltener auch mit einem neuen Einrichtungselement für die eigene Behausung.
Die Dialoge sind ganz putzig gestaltet. Alle Himmelsbewohner haben den finalen Übergang von ihrem vorherigen zu ihrem neuen Leben noch nicht ganz abgeschlossen und als Spieler erlebt man mit, wie sich von Altem lösen, Neues wagen und mit sich etwas mehr im Reinen sind. So lernt ein dauergestresster Bürohengst mit Aktenkoffer nach und nach, wie er sich auch mal entspannt und sorgenfreie Momente kultiviert. Jeder neue Kontakt hat eine Art Freundschaftsstufe, die man durch Aufträge erhöht und auch auf eine maximale Stufe birngen kann, dann hat man quasi alles für diesen Mitmenschen getan, was es für ihn/sie zu tun gibt. Die Beziehung ist zur Perfektion ausgebaut.
Zu guter letzt werden sehr selten Bruchstücke des früheren Lebens der Spielfigur in Form von schlichten Dialogen aus weißem Text auf schwarzem Hintergrund eingestreut: Ausschnitte lapidarer Gespräche, die nach abwertendem Geläster am Wasserspender klingen. Man kann nur vermutet, dass die Spielfigur gemeint ist.

Die Pointe:
Ewig kann man den Spieler nicht hinhalten, also kommt es irgendwann doch zum Finale. Innerhalb der paradisischen Welt des Himmels schaltet man über kurz oder lang die Sterne zum Angeln frei und erfüllt dort nach bekanntem Schema Fang-Aufträge, bis man auf einmal keine Bitten mehr zu erfüllen hat. Keiner der Freunde bestellt etwas, obwohl nicht alle Freundschaften auf höchster Stufe sind.
In einem der Seen in den Sternen schwimmt dann nur noch ein einziger, farblich als besonders markierter Fisch. Fängt man diesen, gibt es einen Rückblick auf die im Spiel erlebte Geschichte: die Ankunft im Himmel, wichtige Freundschaften und Errungenschaften etc. Hand man die Erinnerungsfische alle gefangen, kommt der große, dicke „God Fish“ an den Haken. Auf ihn ist die Spielfigur die ganze Zeit scharf, da der große Gottesfisch Wünsche erfüllen kann.
Hat man den Gottesfisch eingeholt, erscheint ein fast bildschirmfüllendes Wesen aus Sternen vor einem und spricht zur Spielfigur: Man wurde vom Gottesfisch erwartet und bekommt nun sein Geschenk! Es besteht darin, dass man hier im Himmel so viele verschiedene liebe Gefährten gewonnen hat, denen man Neues zeigen konnte, von denen man selbst Neues gelernt hat und für die man da war und die jetzt auch für einen da sind. Klingt lahm und nach Hippie-Gedöns, aber jetzt kommt der Paukenschlag. Der Gottfisch hat dem Spieler dieses Geschenk des vielfältigen Freundesnetzwerk gemacht, weil es vorher ganz anders war. Die nicht mehr vorhandenen Erinnerungen der Spielfigur an das Leben auf der Erde werden vom Gottfisch enthüllt: sozial isoliert, ohne enge Beziehungen zu anderen hat man sein Leben einsam beendet. Die Formulierung über das einsam beendete Leben impliziert sogar Selbstmord.
Nach all dem Larifari-Gespiele in putziger Pixeloptik bekommt man einfach so serviert, dass man das dringend nötig hatte, da man im vorherigen Leben verschuldet(?) unglücklich war und glücklos und vereinsamt aus der Welt getreten ist. Es ging nie ums Angeln, es ging um Freundschaften und deren therapeutische Wirkung und der Gottesfisch merkt an, dass er dem Spieler beweisen wollte, dass es auch anders geht als im „vertanen“ Erdenleben.

Ich hatte das Spiel nur als netten Zeitvertreib eingestuft und nicht mit einer so pointiert servierten Aussage gerechnet. Kompliment.

Die Achtsamkeit des Lesens

Ein neuer Trend ist da: Achtsamkeit, im Fastfood-Sprech-Original „Mindfulness“ genannt, kam es mir erstmals in einer Folge „Explained“ auf Netflix unter, danach etwas später auf YouTube bei Wisecracks „Is it deep or dumb“ und sehr kurz danach als Marketing-Vehikel, womit es Podcasts als „next big thing“ und damit offiziell totgerittenes und daher extrem zu beanspruchendes Konzept abzulösen gedenkt.

Meinem oberflächlichen Verständnis nach beschreibt Achtsamkeit gelebte Meditation: kontrollierte Atmung, reduzierte Reize, Ruhe in sich selbst, Fokussierung der Gedanken auf das sogenannte Hier und Jetzt etc.
Was der konkrete Unterschied zu eigentlicher Meditation oder anderen Trends wie Yoga sein soll, erschließt sich mir aus den Dingen heraus nicht von selbst, interessiert mich aber auch nicht genug, um eine entsprechende Recherche anzustrengen.

Was mir aber an mir selbst aufgefallen ist – bin ja schließlich mir selbst gegenüber brutalst achtsam – ist der Effekt, den eine Lektüre auf mich hat.

Wenn Sinn und Zweck praktischer Übungen der Achtsamkeit sind, die in sonst alle Richtungen schnellenden Gedanken auf einen Punkt zu fokussieren, Atmung und Puls zu verlangsamen und eine körperliche Ruhe herzustellen, macht eine interessante Lektüre genau das mit mir.
Bemerkt habe ich das in letzter Zeit, wenn ich bei Pendeln oder abends daheim gelesen habe, statt eine digitale Beschäftigung zu frequentieren. Alle genannten Effekte ließen sich beobachten. Als Bonus erlebe ich eine Erzählung, die mich idealerweise nicht nur behelfsmäßig ablenkt, sondern wirklich interessiert und meine Aufmerksamkeit ganzheitlich und mit Freude an sich bindet. Dass ich inhaltlich bereichert werde, war mir schon immer klar und Sinn der ganzen Leserei. Dank des Achtsamkeits-Gerede ist mir jetzt auch noch bewusst geworden, dass es eine positive körperliche Komponente gibt.

Bob Ross und die Negation des Mangeldenkens

Jedes Wochenende von freitags 21 Uhr bis montags 21 Uhr feiert twitch.tv/bobross einen lückenlosen Marathon der „The Joy of Painting“-Fernsehserie und natürlich lasse ich das immer wieder laufen, inzwischen aber nicht mehr nur aus Ironie, sondern als wichtigen Kontrast zu einer mir immer wieder begegnenden Denk- und Kommunikationsweise der Fokussierung auf Mängel.

Bob Ross zeichnet sich durch sein mittlerweile fast schon berüchtigtes positives Auftreten aus. Er wirkt auf manche Zuschauer unangenehm optimistisch, verspielt, aufgesetzt freundlich, weltfremd und dadurch wie ein benebelter Hippie, der in sich ewig drehenden Rhetorik-Schleifen von allgegenwärtiger Liebe und Fröhlichkeit fabuliert. Alle Elemente seiner Bilder sind „happy little“ – egal ob Baum, Berg, Bach. Nichts in seiner Welt ist, steht, liegt. Alles lebt. Der Baum lebt auf der Wiese. Der Stein lebt im Teich und sogar kleine Rollen aus Farbe leben auf seinem Malermesser, bevor er sie auf die Leinwand streicht.

Was Bob Ross nicht als Witzfigur scheitern ließ und für mich nach wie vor nicht scheitern lässt, ist die Tatsache, dass er didaktisch agiert. Er malt nicht, weil er sich vor der Welt profilieren will. Er unterrichtet seine Technik und wirbt für seine Seminare und Produkte. Das macht er aber verhältnismäßig indirekt, denn er spricht nur sehr sporadisch davon, dass es Kurse gibt, die man besuchen kann oder dass seine Zuschauer den Sender wissen lassen sollen, wenn sie bspw. alte Folge erneut sehen möchten etc. (also ein Aufruf, dem Sender verstehen zu geben, dass es nach wie vor ein Interesse an ihm gibt).

Ross‘ hauptsächliche Kommunikation rund um sich und sein Malen besteht aus der Betonung dessen, was grade passiert und dem, was alles passieren kann. Er motiviert und inspiriert seine potentiellen Nachahmer. Das, was ist, erfreut ihn und das, was sein kann, fasziniert ihn. Beides kommuniziert er immer wieder, in jeder Form und Spielart, die seine doch sehr überschaubare Studio-Situation hergibt.

Bei ihm gibt es keine Sackgassen der unlösbaren Frustration. Er betont immer wieder, dass es in seiner Welt des Malens keine Fehler gibt, sondern „happy accidents“ – Unfälle ohne böse Intention, die man in das werdende Bild integriert und Teil der Erfahrung werden lässt. Ross denkt nicht in Mängeln. Er bleibt nicht stehen und verharrt in Unzufriedenheit.

Genau das Gegenteil fällt mir aber immer wieder v.a. im Berufsleben auf. Es wird sich darauf versteift, was nicht vorhanden/geschafft/erreicht ist, ohne fortführend einen Ansatz zu entwickeln, wie man das (noch) nicht erreichte Ziel doch noch herstellen kann.

Ich bin der Meinung, dass derjenige, der einen Mängelzustand meint zu erkennen und ihn artikuliert, auch im nächsten Schritt zumindest in eine Richtung für ein behebenden Vorgehen überführen muss. Rein wertend einen Zustand als Mangel zu definieren kann nur der erste Schritt sein. Die Identifikation eines Problem ist nicht gleichzusetzen mit seiner Lösung.

Während Ross gar nicht erst in Problem-Lösung-Ketten denkt, sondern das Mögliche und das Vorhandene zelebriert, stehen andere still in der Identifikationsphase ohne fortzuschreiten und nähren dadurch nur Frustration bei sich und anderen.

Kein anderes Stück Kulturgut hat mir das besser vor Augen führen können als der glorreiche Bob Ross.

Online-Bahnfahrt


Hier sehen wir ein wunderschönes Beispiel, wie man das Internet und seine Dynamiken missverstehen und sich ungerechtfertigt auf ein moralisches Ross hieven kann. Natürlich setze ich mich in der Bahn nicht neben fremde Leute und kritisiere deren Leben, DENN in der Bahn ist man, weil man reisen muss/will und nicht, um sich zu zeigen. Dass Menschen sich und die Gestaltung ihrer selbst online zeigen, ist hingegen kein Nebeneffekt eines anderes Vorhabens, sondern Selbstzweck.

Die Logik des Tweets oben unterschlägt, dass das Internet das größte Fegefeuer der Eitelkeit überhaupt ist. Selbstdarstellung ist so eng mit dem Internet verwachsen, dass niemand mehr in der Lage ist, die unterstellte Aufforderung zur Reaktion wegzulassen. Ich bekomme von niemandem, der nicht in meinem Haushalt wohnt, Kommentare dazu, wie ich morgens mein Müsli esse, weil ich nicht im Schaufenster wohne. Ich präsentiere mich nicht, also kassiere ich keine Meinungen.

Meinetwegen ist nicht jede Veröffentlichung im Netz eine selbstverliebte Präsentation. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Menschheit erwachsen genug ist, sich sachlich aufs Thema zu fokussieren. Online sind wir so ungehemmt subjektiv wie sonst nirgends. Früher wurde man im Flurfunk, in der Nachbarschaft, in der Clique genauso verrissen und diskutiert. Jetzt haben wir mit dem Internet nur den perfekten Katalysator dazu bekommen: anonym und unmittelbar. Besser kann man Senf nicht abgeben.

Der Tweet tut so als wäre die Online-Welt eine gesellige Runde, bei der wir einander in die Augen schauen und uns sozailbewusst verhalten. In Wirklichkeit ist das Internet kein erweiterter Freundeskreis. Stattdessen ist eine Form der Öffentlichkeit, die hemmungslos regiert wird von Launen, Vorlieben, Abneigungen und Geltungsdrang. Es ist das Gegenteil von Bahnfahren, wo man den stummen „Ich lass Dich in Ruhe, Du lässt mich in Ruhe“-Kodex noch finden kann.

Telenovelas auf LSD

Comics sind der Wahnsinn. Sie erzählen mitunter die schlechtesten Geschichten, die man sich irgendwie aus den Fingern saugen könnte, tun es aber mit einem Selbstbewusstsein, das Titanic und Hindenburg verblassen lässt. Selbstverständlich meine ich amerikanische Comics.

Sie drehen sich immer und immer wieder um sich selbst! Jeder Serienfreund kennt das Phänomen, dass ab einer gewissen Länge der Serie, so ab der dritten oder vierten Staffel, auf einmal Konstellationen entstehen, die man niemals als naheliegend oder gar logisch bezeichnen würde. Da wird der knuffige Serien-Opa auf einmal der Assistent des fiesen Chefs der Hauptdarstellerin oder der brummelige Tüftler fängt was mit der oberflächlichen Fitnessfanatikerin an usw.
Sowas passiert, weil Serien nicht beliebig ihr Ensemble erweitern können (oder wollen, denn jede neue Figur muss erst „ankommen“), also wird mit den vorhandenen Figuren gearbeitet und es kommt zu unrealistischen Verknüpfungen.

(Amerikanische) Comics sind genauso, nur noch schlimmer. Grade mit den Bösewichten wird der übelste Zirkus betrieben, weil sie ja die Impulsgeber sind, damit die Helden was zu tun haben. Also passiert vor allem immer das eigentlich Allerdümmste: die Schurken versuchen es immer und immer wieder, gern in derselben Stadt, gern mit gar nicht oder wenig geändertem modus operandi. Gestorben wird auch alle Nase lang und alle kommen sie wieder und für immer und ewig hauen sich dieselben Soziopathen gegenseitig auf die Mütze. Um irgendwie zu rechtfertigen, was da abgeht, werden Geschehnisse herbei konstruiert, die manchmal himmelschreiend lächerlich faul konzipiert sind, aber alles wird mit einer Attitüde der Unschlagbarkeit erzählt, mit dick und fett aufgetragenem Pathos und schwungvoll gezogener Linie gezeichnet. Comics sind Telenovelas auf LSD, v.a. regelmäßig erscheinende Serien.

(Am Rande: Congrats, Bats, zu 1.000 Ausgaben „Detective Comics“!)

Ich bin mir des Kitsches, Klamauks und Konstruktionskrampfes sehr bewusst und liebe diesen Quatsch. Erwachsene Männer verdienen damit ihr Geld und Armeen anderer erwachsener Männer kaufen den Kram und konsumieren ein Leben lang Heft um Heft.