Fishing Paradiso

Am Ende kackt die Ente.

Mich interessiert ja dauerhaft die Frage, wie Schöpfer ihre Werke beenden. In einem Paralleluniversum habe ich dazu auch eine Doktorarbeit geschrieben, im hiesigennur einen Artikel über das Ende von ABBAs „Chiquitita“ auf Medium.

Jetzt kam mir ein neuer Knaller unter, den ich nacherzählen möchte und daher eindringlich warne, dass ich im Folgenden jede Überraschung des Spiels „Fishing Paradiso“ ruinieren werde.

Der Anfang:
Das Spiel beginnt damit, dass sich die Spielfigur im Himmel wiederfindet und nicht an sein vergangenens Leben auf der Erde erinnern kann. Schnell wird man von einem sprechenden Vogel instruiert, sich als Angler im Himmel zu verdingen, um Geld zu verdienen, das in eine besser Behausung als das aktuell sehr schlichte Zelt, gesteckt werden soll. Also beginnt man zu angeln.

Der lange Mittelteil:
Da das Angeln der Kern des Spiels ist, kommen von allen möglichen Seiten immer wieder Wünsche und Aufträge auf den Spieler zu. Die Bewohner des Himmels bitten um bestimmte Fische in bestimmten Menge und bestimmter Güteklasse und der Spieler liefert fließig. Ab und an wird man mit einem Dialog belohnt und noch etwas seltener auch mit einem neuen Einrichtungselement für die eigene Behausung.
Die Dialoge sind ganz putzig gestaltet. Alle Himmelsbewohner haben den finalen Übergang von ihrem vorherigen zu ihrem neuen Leben noch nicht ganz abgeschlossen und als Spieler erlebt man mit, wie sich von Altem lösen, Neues wagen und mit sich etwas mehr im Reinen sind. So lernt ein dauergestresster Bürohengst mit Aktenkoffer nach und nach, wie er sich auch mal entspannt und sorgenfreie Momente kultiviert. Jeder neue Kontakt hat eine Art Freundschaftsstufe, die man durch Aufträge erhöht und auch auf eine maximale Stufe birngen kann, dann hat man quasi alles für diesen Mitmenschen getan, was es für ihn/sie zu tun gibt. Die Beziehung ist zur Perfektion ausgebaut.
Zu guter letzt werden sehr selten Bruchstücke des früheren Lebens der Spielfigur in Form von schlichten Dialogen aus weißem Text auf schwarzem Hintergrund eingestreut: Ausschnitte lapidarer Gespräche, die nach abwertendem Geläster am Wasserspender klingen. Man kann nur vermutet, dass die Spielfigur gemeint ist.

Die Pointe:
Ewig kann man den Spieler nicht hinhalten, also kommt es irgendwann doch zum Finale. Innerhalb der paradisischen Welt des Himmels schaltet man über kurz oder lang die Sterne zum Angeln frei und erfüllt dort nach bekanntem Schema Fang-Aufträge, bis man auf einmal keine Bitten mehr zu erfüllen hat. Keiner der Freunde bestellt etwas, obwohl nicht alle Freundschaften auf höchster Stufe sind.
In einem der Seen in den Sternen schwimmt dann nur noch ein einziger, farblich als besonders markierter Fisch. Fängt man diesen, gibt es einen Rückblick auf die im Spiel erlebte Geschichte: die Ankunft im Himmel, wichtige Freundschaften und Errungenschaften etc. Hand man die Erinnerungsfische alle gefangen, kommt der große, dicke „God Fish“ an den Haken. Auf ihn ist die Spielfigur die ganze Zeit scharf, da der große Gottesfisch Wünsche erfüllen kann.
Hat man den Gottesfisch eingeholt, erscheint ein fast bildschirmfüllendes Wesen aus Sternen vor einem und spricht zur Spielfigur: Man wurde vom Gottesfisch erwartet und bekommt nun sein Geschenk! Es besteht darin, dass man hier im Himmel so viele verschiedene liebe Gefährten gewonnen hat, denen man Neues zeigen konnte, von denen man selbst Neues gelernt hat und für die man da war und die jetzt auch für einen da sind. Klingt lahm und nach Hippie-Gedöns, aber jetzt kommt der Paukenschlag. Der Gottfisch hat dem Spieler dieses Geschenk des vielfältigen Freundesnetzwerk gemacht, weil es vorher ganz anders war. Die nicht mehr vorhandenen Erinnerungen der Spielfigur an das Leben auf der Erde werden vom Gottfisch enthüllt: sozial isoliert, ohne enge Beziehungen zu anderen hat man sein Leben einsam beendet. Die Formulierung über das einsam beendete Leben impliziert sogar Selbstmord.
Nach all dem Larifari-Gespiele in putziger Pixeloptik bekommt man einfach so serviert, dass man das dringend nötig hatte, da man im vorherigen Leben verschuldet(?) unglücklich war und glücklos und vereinsamt aus der Welt getreten ist. Es ging nie ums Angeln, es ging um Freundschaften und deren therapeutische Wirkung und der Gottesfisch merkt an, dass er dem Spieler beweisen wollte, dass es auch anders geht als im „vertanen“ Erdenleben.

Ich hatte das Spiel nur als netten Zeitvertreib eingestuft und nicht mit einer so pointiert servierten Aussage gerechnet. Kompliment.

Die Achtsamkeit des Lesens

Ein neuer Trend ist da: Achtsamkeit, im Fastfood-Sprech-Original „Mindfulness“ genannt, kam es mir erstmals in einer Folge „Explained“ auf Netflix unter, danach etwas später auf YouTube bei Wisecracks „Is it deep or dumb“ und sehr kurz danach als Marketing-Vehikel, womit es Podcasts als „next big thing“ und damit offiziell totgerittenes und daher extrem zu beanspruchendes Konzept abzulösen gedenkt.

Meinem oberflächlichen Verständnis nach beschreibt Achtsamkeit gelebte Meditation: kontrollierte Atmung, reduzierte Reize, Ruhe in sich selbst, Fokussierung der Gedanken auf das sogenannte Hier und Jetzt etc.
Was der konkrete Unterschied zu eigentlicher Meditation oder anderen Trends wie Yoga sein soll, erschließt sich mir aus den Dingen heraus nicht von selbst, interessiert mich aber auch nicht genug, um eine entsprechende Recherche anzustrengen.

Was mir aber an mir selbst aufgefallen ist – bin ja schließlich mir selbst gegenüber brutalst achtsam – ist der Effekt, den eine Lektüre auf mich hat.

Wenn Sinn und Zweck praktischer Übungen der Achtsamkeit sind, die in sonst alle Richtungen schnellenden Gedanken auf einen Punkt zu fokussieren, Atmung und Puls zu verlangsamen und eine körperliche Ruhe herzustellen, macht eine interessante Lektüre genau das mit mir.
Bemerkt habe ich das in letzter Zeit, wenn ich bei Pendeln oder abends daheim gelesen habe, statt eine digitale Beschäftigung zu frequentieren. Alle genannten Effekte ließen sich beobachten. Als Bonus erlebe ich eine Erzählung, die mich idealerweise nicht nur behelfsmäßig ablenkt, sondern wirklich interessiert und meine Aufmerksamkeit ganzheitlich und mit Freude an sich bindet. Dass ich inhaltlich bereichert werde, war mir schon immer klar und Sinn der ganzen Leserei. Dank des Achtsamkeits-Gerede ist mir jetzt auch noch bewusst geworden, dass es eine positive körperliche Komponente gibt.

Bob Ross und die Negation des Mangeldenkens

Jedes Wochenende von freitags 21 Uhr bis montags 21 Uhr feiert twitch.tv/bobross einen lückenlosen Marathon der „The Joy of Painting“-Fernsehserie und natürlich lasse ich das immer wieder laufen, inzwischen aber nicht mehr nur aus Ironie, sondern als wichtigen Kontrast zu einer mir immer wieder begegnenden Denk- und Kommunikationsweise der Fokussierung auf Mängel.

Bob Ross zeichnet sich durch sein mittlerweile fast schon berüchtigtes positives Auftreten aus. Er wirkt auf manche Zuschauer unangenehm optimistisch, verspielt, aufgesetzt freundlich, weltfremd und dadurch wie ein benebelter Hippie, der in sich ewig drehenden Rhetorik-Schleifen von allgegenwärtiger Liebe und Fröhlichkeit fabuliert. Alle Elemente seiner Bilder sind „happy little“ – egal ob Baum, Berg, Bach. Nichts in seiner Welt ist, steht, liegt. Alles lebt. Der Baum lebt auf der Wiese. Der Stein lebt im Teich und sogar kleine Rollen aus Farbe leben auf seinem Malermesser, bevor er sie auf die Leinwand streicht.

Was Bob Ross nicht als Witzfigur scheitern ließ und für mich nach wie vor nicht scheitern lässt, ist die Tatsache, dass er didaktisch agiert. Er malt nicht, weil er sich vor der Welt profilieren will. Er unterrichtet seine Technik und wirbt für seine Seminare und Produkte. Das macht er aber verhältnismäßig indirekt, denn er spricht nur sehr sporadisch davon, dass es Kurse gibt, die man besuchen kann oder dass seine Zuschauer den Sender wissen lassen sollen, wenn sie bspw. alte Folge erneut sehen möchten etc. (also ein Aufruf, dem Sender verstehen zu geben, dass es nach wie vor ein Interesse an ihm gibt).

Ross‘ hauptsächliche Kommunikation rund um sich und sein Malen besteht aus der Betonung dessen, was grade passiert und dem, was alles passieren kann. Er motiviert und inspiriert seine potentiellen Nachahmer. Das, was ist, erfreut ihn und das, was sein kann, fasziniert ihn. Beides kommuniziert er immer wieder, in jeder Form und Spielart, die seine doch sehr überschaubare Studio-Situation hergibt.

Bei ihm gibt es keine Sackgassen der unlösbaren Frustration. Er betont immer wieder, dass es in seiner Welt des Malens keine Fehler gibt, sondern „happy accidents“ – Unfälle ohne böse Intention, die man in das werdende Bild integriert und Teil der Erfahrung werden lässt. Ross denkt nicht in Mängeln. Er bleibt nicht stehen und verharrt in Unzufriedenheit.

Genau das Gegenteil fällt mir aber immer wieder v.a. im Berufsleben auf. Es wird sich darauf versteift, was nicht vorhanden/geschafft/erreicht ist, ohne fortführend einen Ansatz zu entwickeln, wie man das (noch) nicht erreichte Ziel doch noch herstellen kann.

Ich bin der Meinung, dass derjenige, der einen Mängelzustand meint zu erkennen und ihn artikuliert, auch im nächsten Schritt zumindest in eine Richtung für ein behebenden Vorgehen überführen muss. Rein wertend einen Zustand als Mangel zu definieren kann nur der erste Schritt sein. Die Identifikation eines Problem ist nicht gleichzusetzen mit seiner Lösung.

Während Ross gar nicht erst in Problem-Lösung-Ketten denkt, sondern das Mögliche und das Vorhandene zelebriert, stehen andere still in der Identifikationsphase ohne fortzuschreiten und nähren dadurch nur Frustration bei sich und anderen.

Kein anderes Stück Kulturgut hat mir das besser vor Augen führen können als der glorreiche Bob Ross.

Online-Bahnfahrt


Hier sehen wir ein wunderschönes Beispiel, wie man das Internet und seine Dynamiken missverstehen und sich ungerechtfertigt auf ein moralisches Ross hieven kann. Natürlich setze ich mich in der Bahn nicht neben fremde Leute und kritisiere deren Leben, DENN in der Bahn ist man, weil man reisen muss/will und nicht, um sich zu zeigen. Dass Menschen sich und die Gestaltung ihrer selbst online zeigen, ist hingegen kein Nebeneffekt eines anderes Vorhabens, sondern Selbstzweck.

Die Logik des Tweets oben unterschlägt, dass das Internet das größte Fegefeuer der Eitelkeit überhaupt ist. Selbstdarstellung ist so eng mit dem Internet verwachsen, dass niemand mehr in der Lage ist, die unterstellte Aufforderung zur Reaktion wegzulassen. Ich bekomme von niemandem, der nicht in meinem Haushalt wohnt, Kommentare dazu, wie ich morgens mein Müsli esse, weil ich nicht im Schaufenster wohne. Ich präsentiere mich nicht, also kassiere ich keine Meinungen.

Meinetwegen ist nicht jede Veröffentlichung im Netz eine selbstverliebte Präsentation. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Menschheit erwachsen genug ist, sich sachlich aufs Thema zu fokussieren. Online sind wir so ungehemmt subjektiv wie sonst nirgends. Früher wurde man im Flurfunk, in der Nachbarschaft, in der Clique genauso verrissen und diskutiert. Jetzt haben wir mit dem Internet nur den perfekten Katalysator dazu bekommen: anonym und unmittelbar. Besser kann man Senf nicht abgeben.

Der Tweet tut so als wäre die Online-Welt eine gesellige Runde, bei der wir einander in die Augen schauen und uns sozailbewusst verhalten. In Wirklichkeit ist das Internet kein erweiterter Freundeskreis. Stattdessen ist eine Form der Öffentlichkeit, die hemmungslos regiert wird von Launen, Vorlieben, Abneigungen und Geltungsdrang. Es ist das Gegenteil von Bahnfahren, wo man den stummen „Ich lass Dich in Ruhe, Du lässt mich in Ruhe“-Kodex noch finden kann.

Telenovelas auf LSD

Comics sind der Wahnsinn. Sie erzählen mitunter die schlechtesten Geschichten, die man sich irgendwie aus den Fingern saugen könnte, tun es aber mit einem Selbstbewusstsein, das Titanic und Hindenburg verblassen lässt. Selbstverständlich meine ich amerikanische Comics.

Sie drehen sich immer und immer wieder um sich selbst! Jeder Serienfreund kennt das Phänomen, dass ab einer gewissen Länge der Serie, so ab der dritten oder vierten Staffel, auf einmal Konstellationen entstehen, die man niemals als naheliegend oder gar logisch bezeichnen würde. Da wird der knuffige Serien-Opa auf einmal der Assistent des fiesen Chefs der Hauptdarstellerin oder der brummelige Tüftler fängt was mit der oberflächlichen Fitnessfanatikerin an usw.
Sowas passiert, weil Serien nicht beliebig ihr Ensemble erweitern können (oder wollen, denn jede neue Figur muss erst „ankommen“), also wird mit den vorhandenen Figuren gearbeitet und es kommt zu unrealistischen Verknüpfungen.

(Amerikanische) Comics sind genauso, nur noch schlimmer. Grade mit den Bösewichten wird der übelste Zirkus betrieben, weil sie ja die Impulsgeber sind, damit die Helden was zu tun haben. Also passiert vor allem immer das eigentlich Allerdümmste: die Schurken versuchen es immer und immer wieder, gern in derselben Stadt, gern mit gar nicht oder wenig geändertem modus operandi. Gestorben wird auch alle Nase lang und alle kommen sie wieder und für immer und ewig hauen sich dieselben Soziopathen gegenseitig auf die Mütze. Um irgendwie zu rechtfertigen, was da abgeht, werden Geschehnisse herbei konstruiert, die manchmal himmelschreiend lächerlich faul konzipiert sind, aber alles wird mit einer Attitüde der Unschlagbarkeit erzählt, mit dick und fett aufgetragenem Pathos und schwungvoll gezogener Linie gezeichnet. Comics sind Telenovelas auf LSD, v.a. regelmäßig erscheinende Serien.

(Am Rande: Congrats, Bats, zu 1.000 Ausgaben „Detective Comics“!)

Ich bin mir des Kitsches, Klamauks und Konstruktionskrampfes sehr bewusst und liebe diesen Quatsch. Erwachsene Männer verdienen damit ihr Geld und Armeen anderer erwachsener Männer kaufen den Kram und konsumieren ein Leben lang Heft um Heft.

Urlaub ist Pizza

Urlaub nehmen, um Behördengänge zu erledigen und/oder „die Wohnung mal so richtig auf Vordermann zu bringen“? Erledigungen? Arbeit?

So fühlt sich das in meinen Augen an: Stell Dir vor Du hast ein Guthaben über zehn Pizzen. Pizza ist lecker, Pizza ist beliebt. Jede Pizza wird von Meisterhand auf Deinen Gaumen und jeden Deiner Wünsche abgestimmt. Aber: Du hast nur zehn Pizzen fürs gesamte Jahr und abseits dieser zehn Pizzen gibt es nur mäßige Kost: nüchterne Salate, zerkochte Nudeln mit Ketchup, lauwarme Linsensuppe.

Du hast also zehn Freifahrtscheine für grandiose Pizzen – so aufwändig oder brachial einfach und direkt wie Du magst. Zehn Pizza-Wünsche Deines persönlichen Pizza-Flaschengeistes. Diese zehn Pizzen sind Deine ganz besonderes, wohlverdiente Abwechslung, kleine, schmackhafte Insel im Meer der mediokren Mahlzeiten.

Und jetzt stell Dir vor jemand schlägt vor, doch auf eine dieser zehn Pizzen einfach mal etwas nüchternen Salat, eine Handvoll zerkochter Nudeln und lauwarme Linsensuppe zu packen – weil’s weg muss und praktisch wäre, das zu verbinden und Du denkst Dir: „Geh sterben, aber zügig! Jede Pizza ist eine heilige Auszeit von dem Mist, den ich sonst habe, da mache ich alles andere, nur nicht irgendwas, das annähernd eine Ähnlichkeit zu dem Normalfrass haben könnte!!“

Falls jemand überhaupt nicht mit dieser sehr anschaulichen Metaphorik mitziehen kann oder will, hier eine alternative Version:
Du läufst einen Marathon, bei dem Du nur dreimal was trinken darfst und jemand schlägt vor: „Trink doch die Bratensoße von gestern, die ist noch übrig und kann weg.“

Großraumbüro

Der 1. März 2019 war einer der bislang anstrengendsten Arbeitstage, seit wir im Oktober 2018 in ein Großraumbüro umgesiedelt wurden. Der Knackpunkt ist wie so oft das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Weltwahrnehmungen und Intentionen gewesen.
Zu meinen Aufgaben gehört es, nach Ende eines Kalendermonats eben diesen in Form von Reportings für unsere Kunden zusammenzufassen, d.h. eine Ladung Kennzahlen zu erfassen, abzubilden und zu kommentieren, um dadurch unsere Arbeit als Agentur zu beweisen und die Kosten für uns als Dienstleister zu rechtfertigen. Durch die naheliegende Taktung anhand von Kalendermonaten ist der jeweils erste Werktag eines Monats für mich immer der Startschuss für einen kleinen Marathon an Reportings, die alle idealerweise zügig erstellt und verschickt werden.

Dass nun der 1. März 2019 ein Freitag war, erfüllte mich vorab mit Erleichterung und einer Art zweckmäßigen Vorfreude: an Freitagen ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kunden Anliegen an mich herantragen geringer. wie so viele Arbeiter wollen auch unsere Kunden einen Freitag meistens einfach nur sauber durchbringen und pünktlich „ins Wochenende starten“. Also keimte in mir die Aussicht auf einen Arbeitstag ohne viele zusätzliche Anliegen und somit viel freier Zeit für meinen kleinen Reporting-Marathon: in die krude Welt der Kennzahlen-Exporte aus Social Media-Plattformen, Excel-Tabellen und windschiefen aber dennoch funktionalen Formeln und immer wieder neu und abermals neu zurecht aktualisierten Power Point-Präsentationen einsteigen und dort den sprichtwörtlichen Schuh runterfahren – halb Automatismus, halb Tunnelblick und zack wären mal eben alle Reportings an einem einzigen Tag erledigt.
Man wird ja noch träumen dürfen.

Leider war der 1. März 2019 wie erwähnt ein Freitag, sodass nicht nur die Kundschaft die erwähnte Mentalität der Zielgraden an den Tag legte, sondern auch das Kollegium im Großraumbüro um mich.
Der Fluch des Großraumbüros an sich besteht aus der ständigen Anwesenheit von Reizen, indirekt und direkt. Die indirekten Reize sind eben jene, die man ungeschützt abbekommt: Telefonate, Gespräche, Kaffeemühle, Kaffeemaschine, Wasserkocher, Heißwasserhahn, Mikrowelle, Schritte auf der Treppe, Türklingeln, Türen, automatische Handtuchspender auf den WCs. Dies sind nur die wichtigsten akustischen indirekten Reize, da ich mich halbwegs gut vor optischen indirekten Reizen schützen kann, indem in in den Monitor krieche.
Direkte Reize entstehen durch die ständige Sichtbarkeit für andere und die damit automatisch unterstellte Verfügbarkeit und Ansprechbarkeit.

Diese kurz zusammengefasste Liste der möglichen Irritationen ist absolut harmlos und rein gar nichts, vor dem man kapitulieren müsste, wenn man sich wirklich in einer Arbeit verlieren würde, aber wie erwähnt ist der Monatsanfang die Zeit der Routineerledigungen. Leider kann ich mich in sowas nicht vor lauter Faszination verlieren und die Außenwelt vergessen, viel mehr muss ich mich konzentrieren und möglichst lange im Roboter-Modus gewissenhafter Erledigungen bleiben.

Für den Rest des Büros war es Freitag, der letzte Tag der Woche, der Tag mit den meisten Ruhe vor den Kunden, der Tag, an dem man mehr Zeit füreinander hat, für Späße, für Ulk, für Klatsch und Tratsch, für Zoten, Witze, Unsinn – der Tag, an dem man noch im Büro anfängt, sich dafür zu belohnen, dass man wieder eine Woche geschafft hat.
Menschen in Agenturen halten sich für kreativ, bringen gewisse Egos mit und sind sehr empfänglich für Dynamiken wie Freitage. Ich schließe mich nicht aus. Ich mach immer gern mit und freue mich, ab und zu die Bestätigung zu bekommen, dass wir als Gruppe keine Miesepeter sind, die Dienst als Dienst sehen usw.

Letzten Freitag hatte ich aber anderes auf dem Tisch und mich gefreut, keine Exkurse wegen spontaner Anliegen fahren zu müssen.
Natürlich kollidierte mein Vorhaben auf schlimmstmögliche Weise mit dem Freitag im Rest vom Großraumbüro. Alles oben Genannte kam zusammen, alle direkten und indirekten Ablenkungen – was an einem Freitag ganz normal, ganz natürlich und völlig gesund ist! Nur hat es mir kein bisschen in den Kram gepasst und meinen Plan für den Tag absolut ruiniert, sodass ich am Ende des Tages, der sich so lang wie drei angefühlt hatte, gereizt und frustriert ins Wochenende ging. Geschafft hatte ich ein komplettes Reporting, ein zweites musste ich unvollendet zurücklassen, weil ich meinen Brutto-netto-Berechnungen nicht weit genug vertraute, um die Ergebnisse zu verschicken. Konzentration und Vertrauen in die eigene Arbeit waren dahin.
Eine Kollegin hatte mich am späten Nachmittag darauf angesprochen, dass sie noch gar nichts so richtig von mir mitbekommen hatte. Ich meinte dann, dass ich eben meine Reportings machen wollte, aber es sehr unruhig sei. Der wichtigste Satz aus meinem Mund war: „Für mich ist 1. März, für euch ist Freitag.“

Ich stelle niemanden an den Pranger, vielleicht ärgere ich mich noch am meisten über mich und meine Naivität einem Freitag im Großraumbüro gegenüber. Dass ich das nicht kommen sah, ist auch ein kleines tragikomisches Wunder in sich.

Wie ich mich den Gegebenheiten in Zukunft stellen kann oder muss, finde ich erst noch heraus. Man will ja intelligent und flexibel sein und schlaue Lösungen für Probleme finden. Andererseits hatte ich neulich den Gedanken: Wenn neben meiner Mietwohnung auf einmal ein Flughafen gebaut wird und Tag und Nacht Lärm herrscht, ziehe ich halt weg, statt meine Wände, Fenster und Türen zu isolieren und mir nachts die Ohren zu verstopfen.

Aber man muss nicht immer gleich drastisch werden.

Heim: Arbeit

Ich habe fast zehn Jahre im Berufsleben verbringen müssen, um eine Sache ganz von allein realisieren zu können: Ein Anstellungsverhältnis kann niemals eine emotionale und geistige Heimat sein, nach der man nur lange und intensiv suchen muss und wenn man einander gefunden hat, ist alles gut und wird es für immer bleiben.

„Sucht“ man sich eine Erwerbsarbeit, wird man eigentlich gesucht. Ein Unternehmen sucht jemanden, der’s macht. Für Geld. Es wird jemand gebraucht, der die Fähigkeiten für die Aufgabe hat und mit dem angebotenen Gehalt einverstanden ist. Das Unternehmen sucht nicht jemanden, mit dem es eine emotional gesunde Beziehung aufbauen und pflegen kann, um diesen jemand glücklich zu machen.

Sich „selbst zu verwirklichen“ steht in keiner (ernstzunehmenden) Ausschreibung. Wer sich selbst verwirklicht, macht das für sich selbst, auf eigene Faust und Verantwortung. Angestellter ist man für andere. Man bekommt lediglich eine monatliche Entschädigung.

Das ist keine Ausbeutung, es ist nur ein tragisches Missverständnis, an dessen Auflösung niemand allzu hart arbeiten mag, schon gar nicht in der Schule.

Eine Arbeitsstelle ist nicht der zentrale Knotenpunkt, sie ist eine Begleiterscheinung unserer Gesellschaft und muss auch als Begleiterscheinung einer gesunden Existenz angesehen werden. Arbeit erfüllt uns nicht, wir erfüllen Rollen als Arbeiter und halbwegs pünktlich sollte dann aber auch Feierabend sein.

Ausgedacht

Wir leben in einer gemachten Welt. Fährt man raus in die Natur und entfernt sich weit genug von menschgemachten Dingen, sieht man die Welt, wie sie eigentlich ist. Aus dieser ursprünglichen Weltumgebung haben wir Menschen unsere Zivilisations-Umgebung geschaffen, indem wir die Natur umgeformt haben. Jeder Rohstoff, jedes Material ist entweder der Natur direkt entnommen oder wurde aus Stoffen der Natur durch Arbeitsaufwand erstellt, um dann verwendet zu werden. Formt man einen Baum um, erhält man Bretter – falls man die richtigen Werkzeuge hat. Um diese zu erhalten, muss man wiederum andere Teile der Natur entnehmen und/oder umformen. Das Konzept versteht man am besten, wenn man einfach mal eine Weile Minecraft spielt.

Ein Brett, ein Werkzeug, eine Hütte, ein Haus – dies sind hergestellte Gegenstände, die eine physische Form besitzen und diese auch erhalten, wenn man den Gegenstand zurücklässt und irgendein fremder, neuer Mensch ohne Vorwissen diesen Gegenstand vorfindet. Der sinnhafte Zweck des Gegenstands ist nicht eindeutig im Objekt gespeichert. Ein Hammer wird immer ein Gegenstand sein, der sich besonders gut dafür eignet, auf anderes zu schlagen. Man kann mit einem Hammer aber auch einen Suppenkessel umrühren, wenn man denn so will, nie einen Hammer gesehen oder benutzt hat und keinerlei Verwendung für einen Gegenstand zum harten Zuschlagen hat. Der physische Gegenstand ist materiell und objektiv; seine Intention ist nicht immer inhärent. Jeder hat schonmal einen kleinen oder großen Gegenstand oder vielleicht auch nur ein Bauteil vor sich gehabt und gerätselt, „wozu das gut sein soll“, also die Suche nach der Intention und dem Zweck angestrengt. Sobald man eine Erklärung hatte, war dieses eine Ding auf diesen einen Zweck festgelegt und somit sinnhaft erklärt und eingeordnet.

Wenn nun aber die physische Form fehlt, bleibt nur noch die Intention, ein rein immaterieller Sinn und Zweck, der durch Dokumentation und Kommunikation aufrecht erhalten werden muss:

Jubiläen wie Geburtstage, Termine, Verabredungen, Deadlines – also alle Konzepte von Zeit. Namen, Wörter, Sprachen – alle Form von Kommunikation. Moral, Gesetz, Recht und Unrecht – alles, was wir als geistige menschliche Errungenschaften ansehen. Und wer weiß was noch alles. Mir geht es hier nur um die zeitlichen Dinge. Fristen, Termine, Planungen im ganz kleinen Rahmen; es ginge auch größer: die gesamte Systematik der Zeiterfassung, Kalender, Sommer- und Winterzeit – alles gemachte Dinge und nicht wirklich perfekt zu Ende geführt, sodass ich wohl nie den real gelebten Internationalen Ewigen Kalender erleben werde.

Aber zurück zu Fristen, Terminen und Planungen: diese gemachten Dinge betreffen nicht immer die ganze Menschheit, manchmal nur wenige Menschen. Die Gemachtheit eines Termins wird nie bewusst reflektiert. Warum auch, das ist anstrengend und führt zu nichts, aber es ist die Gemachtheit, in der die Groteske eines jedes Deadline-Stresses liegt, besonders dann, wenn an den Termin kein physikalisches Ereignis gebunden ist. Soll heißen: Wenn mein Zug um 10 Uhr abfährt, fährt er um 10 Uhr ab und wenn ich später am Gleis bin, kann ich mir in Ruhe das leere Gleis anschauen, das mein Zug mir hinterlassen haben wird. Der Zug ist Teil eines größeren Systems und daher einem Gefüge verpflichtet, das auf viele funktionierenden Teile baut. Darum ja auch dauernd die immer wieder geilen Verspätungen: Kleinigkeiten wachsen sich stetig aus und auf einmal kommt der Zug Mitternacht statt acht Uhr abends.

Je kleiner aber das System wird, umso größer die Groteske der Gemachtheit. Frei gewählte, mitunter sogar selbst auferlegte Fristen werden zu einem stechenden Gewissensbiss im Hinterkopf. Greift man nicht vorausschauend während der Herstellung des Termins ein, ist dieser in Stein gemeißelt und kann nur durch stichhaltige Rechtfertigungen wieder gelockert und gegebenenfalls verändert werden – und das obwohl manchmal nur drei Knallköpfe betroffen sind, die selbst entschieden haben, dass es dieser Zeitpunkt sein soll und kein anderer. Souveränität über die eigene Zeit und das eigene Gewissen wird unterschlagen. Der Generalverdacht, dass man ohne Fertigstellungsfrist keinen Finger rühren würde, wird akzeptiert. Die Gemachtheit bleibt unbeachtet, wird nicht bewusst gemacht. Hinweise irritieren, stören.