Demonstration

„Fuck off, Greta!“ hab ich mal auf dem Heck eines Kombis auf dem Parkplatz des Lidl im Frankfurter Ostend lesen dürfen. Mein damaliger Kollege und ich hielten uns extra lange im Eingangsbereich des Markts auf, um rauszubekommen, wer zu diesem Fahrzeug gehören möge. Ein Mann wuchtigen Umfangs, mit Jogginghose und Kapuzenpullover im Design einer Biker-Kutte stapfte aus dem Laden und zum PKW.

So ein Bild von einem Mann fühlt sich sicherlich nicht von einer jungen Klimaaktivistin derart ernsthaft bedroht, dass er sich einen Bannspruch auf die Karre klebt, um nachts wieder schlafen zu können. Eine offensichtliche Begründung mag sein, dass ein gestandener Kerl sich nicht reinreden lässt (offensichtlich auch nicht von seinem BMI aber das gehört hier nicht her), aber ich glaube auch, dass in dieser aggressiven Reaktion auf die öffentliche Meinung auch ein demonstratives Dagegensein gespielt werden sollte – eine als „mutig“ empfundene Verneinung nicht nur der stärker werdenden Doxa in Sachen Nachhaltigkeit und Ökologie, sondern der des Hinterfragens all dessen, was aus Gewohnheit so ist und nicht weil es schlau, gerecht, inklusiv etc. ist. Der große, öffentliche Diskurs spielt sich mehr und mehr darauf ein, Nachhaltigkeit, Gleichberechtigung und andere Strömungen eines, wie ich es nennen mag, modernen, aufgeklärten, nicht primär kapitalistischen Denkens zu stärken und es zeigen sich schon erste, sehr formelle und oberflächliche Anpassungen: die offizielle Aufnahme von „divers“ in die bundesdeutschen Klassifikationen von Geschlechtern oder die kleinen Zusatzkosten für Einkaufstüten aus Plastik etc.

Das alles hat derzeit einen gewissen Platz in der öffentlichen Meinung und all das unangenehm, fremd, verwirrend, umbequem, uncool, lästig, lächerlich, zu exotisch, zu anders, zu kompliziert, zu fremdbestimmt empfindend kann man sich ein perfektes Konstrukt zurecht zimmern: „Wenn ich das alles verneine, bin ich nicht rückständig, sondern mutig. Ich traue mich, anders zu denken!“ So kommen dann Texttafeln auf Facebook zustande, die immer damit enden, dass sich bestimmt keiner trauen wird, das zu teilen.

Es geht nicht mehr um Gegenargumente zu neuen Thesen und Bewegungen, sondern zu einem gewissen Grad zur demonstrativen Ablehnung als Befreiungsschlag gegen das erwartete Einstimmen in den Zeitgeist.

In gänzlich anderer, viel lächerlicher Art und Weise als eben geschildert beschäftigt mich die demonstrative Dekonstruktion von Erwartetem immer dann, wenn ich im Kulturbetrieb unterwegs bin, meistens in Museen, so gut wie immer im Theater. Kulturmenschen-Klischees von Frisuren, Brillen, Ohrringen, Rollkrakenpullovern, Jacketts, avantgardistischem Schuhwerk und kultiviertem Ausdruck laufen vor mir Schau – genauso wie die Gegenteile, die Verkehrungen, denen ich aber anzusehen glaube, dass sie mit Berechnung eingesetzt werden, nicht aus natürlichem, organisch gewachsenem Verhalten im Theater, sondern um der eigenen Figur im Spiel „Theaterbesuch“ eine Komponente der Spannung zwischen Norm und eigenem Auftreten zu verleihen. Das bestätigt wiederum nur die Norm und es beginnt der Kreislauf der Frage, welches Auftreten das weniger prätentiöse ist: das Auftreten als Kulturmensch oder die gemachte Anti-Garderobe. Als erstes erscheint mir die Anti-Garderobe immer als das größere Übel, aber sieht man den Kulturbetrieb innerhalb der Gesellschaft, ist das Kulturgehabe auch wieder eine Anti-These zum Normalmenschen, der sich nicht extra ausstaffiert, um möglichst viel Geist und Kultur auszuströmen.

Ich persönlich behelfe mir bisweilen damit, möglichst ohne Aussage oder Betonung aufzutreten, was sich jetzt, da ich die Berechnung dahinter expliziere, auch nur ein Gegenentwurf ist.