Fishing Paradiso

Am Ende kackt die Ente.

Mich interessiert ja dauerhaft die Frage, wie Schöpfer ihre Werke beenden. In einem Paralleluniversum habe ich dazu auch eine Doktorarbeit geschrieben, im hiesigennur einen Artikel über das Ende von ABBAs „Chiquitita“ auf Medium.

Jetzt kam mir ein neuer Knaller unter, den ich nacherzählen möchte und daher eindringlich warne, dass ich im Folgenden jede Überraschung des Spiels „Fishing Paradiso“ ruinieren werde.

Der Anfang:
Das Spiel beginnt damit, dass sich die Spielfigur im Himmel wiederfindet und nicht an sein vergangenens Leben auf der Erde erinnern kann. Schnell wird man von einem sprechenden Vogel instruiert, sich als Angler im Himmel zu verdingen, um Geld zu verdienen, das in eine besser Behausung als das aktuell sehr schlichte Zelt, gesteckt werden soll. Also beginnt man zu angeln.

Der lange Mittelteil:
Da das Angeln der Kern des Spiels ist, kommen von allen möglichen Seiten immer wieder Wünsche und Aufträge auf den Spieler zu. Die Bewohner des Himmels bitten um bestimmte Fische in bestimmten Menge und bestimmter Güteklasse und der Spieler liefert fließig. Ab und an wird man mit einem Dialog belohnt und noch etwas seltener auch mit einem neuen Einrichtungselement für die eigene Behausung.
Die Dialoge sind ganz putzig gestaltet. Alle Himmelsbewohner haben den finalen Übergang von ihrem vorherigen zu ihrem neuen Leben noch nicht ganz abgeschlossen und als Spieler erlebt man mit, wie sich von Altem lösen, Neues wagen und mit sich etwas mehr im Reinen sind. So lernt ein dauergestresster Bürohengst mit Aktenkoffer nach und nach, wie er sich auch mal entspannt und sorgenfreie Momente kultiviert. Jeder neue Kontakt hat eine Art Freundschaftsstufe, die man durch Aufträge erhöht und auch auf eine maximale Stufe birngen kann, dann hat man quasi alles für diesen Mitmenschen getan, was es für ihn/sie zu tun gibt. Die Beziehung ist zur Perfektion ausgebaut.
Zu guter letzt werden sehr selten Bruchstücke des früheren Lebens der Spielfigur in Form von schlichten Dialogen aus weißem Text auf schwarzem Hintergrund eingestreut: Ausschnitte lapidarer Gespräche, die nach abwertendem Geläster am Wasserspender klingen. Man kann nur vermutet, dass die Spielfigur gemeint ist.

Die Pointe:
Ewig kann man den Spieler nicht hinhalten, also kommt es irgendwann doch zum Finale. Innerhalb der paradisischen Welt des Himmels schaltet man über kurz oder lang die Sterne zum Angeln frei und erfüllt dort nach bekanntem Schema Fang-Aufträge, bis man auf einmal keine Bitten mehr zu erfüllen hat. Keiner der Freunde bestellt etwas, obwohl nicht alle Freundschaften auf höchster Stufe sind.
In einem der Seen in den Sternen schwimmt dann nur noch ein einziger, farblich als besonders markierter Fisch. Fängt man diesen, gibt es einen Rückblick auf die im Spiel erlebte Geschichte: die Ankunft im Himmel, wichtige Freundschaften und Errungenschaften etc. Hand man die Erinnerungsfische alle gefangen, kommt der große, dicke „God Fish“ an den Haken. Auf ihn ist die Spielfigur die ganze Zeit scharf, da der große Gottesfisch Wünsche erfüllen kann.
Hat man den Gottesfisch eingeholt, erscheint ein fast bildschirmfüllendes Wesen aus Sternen vor einem und spricht zur Spielfigur: Man wurde vom Gottesfisch erwartet und bekommt nun sein Geschenk! Es besteht darin, dass man hier im Himmel so viele verschiedene liebe Gefährten gewonnen hat, denen man Neues zeigen konnte, von denen man selbst Neues gelernt hat und für die man da war und die jetzt auch für einen da sind. Klingt lahm und nach Hippie-Gedöns, aber jetzt kommt der Paukenschlag. Der Gottfisch hat dem Spieler dieses Geschenk des vielfältigen Freundesnetzwerk gemacht, weil es vorher ganz anders war. Die nicht mehr vorhandenen Erinnerungen der Spielfigur an das Leben auf der Erde werden vom Gottfisch enthüllt: sozial isoliert, ohne enge Beziehungen zu anderen hat man sein Leben einsam beendet. Die Formulierung über das einsam beendete Leben impliziert sogar Selbstmord.
Nach all dem Larifari-Gespiele in putziger Pixeloptik bekommt man einfach so serviert, dass man das dringend nötig hatte, da man im vorherigen Leben verschuldet(?) unglücklich war und glücklos und vereinsamt aus der Welt getreten ist. Es ging nie ums Angeln, es ging um Freundschaften und deren therapeutische Wirkung und der Gottesfisch merkt an, dass er dem Spieler beweisen wollte, dass es auch anders geht als im „vertanen“ Erdenleben.

Ich hatte das Spiel nur als netten Zeitvertreib eingestuft und nicht mit einer so pointiert servierten Aussage gerechnet. Kompliment.

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