Bob Ross und die Negation des Mangeldenkens

Jedes Wochenende von freitags 21 Uhr bis montags 21 Uhr feiert twitch.tv/bobross einen lückenlosen Marathon der „The Joy of Painting“-Fernsehserie und natürlich lasse ich das immer wieder laufen, inzwischen aber nicht mehr nur aus Ironie, sondern als wichtigen Kontrast zu einer mir immer wieder begegnenden Denk- und Kommunikationsweise der Fokussierung auf Mängel.

Bob Ross zeichnet sich durch sein mittlerweile fast schon berüchtigtes positives Auftreten aus. Er wirkt auf manche Zuschauer unangenehm optimistisch, verspielt, aufgesetzt freundlich, weltfremd und dadurch wie ein benebelter Hippie, der in sich ewig drehenden Rhetorik-Schleifen von allgegenwärtiger Liebe und Fröhlichkeit fabuliert. Alle Elemente seiner Bilder sind „happy little“ – egal ob Baum, Berg, Bach. Nichts in seiner Welt ist, steht, liegt. Alles lebt. Der Baum lebt auf der Wiese. Der Stein lebt im Teich und sogar kleine Rollen aus Farbe leben auf seinem Malermesser, bevor er sie auf die Leinwand streicht.

Was Bob Ross nicht als Witzfigur scheitern ließ und für mich nach wie vor nicht scheitern lässt, ist die Tatsache, dass er didaktisch agiert. Er malt nicht, weil er sich vor der Welt profilieren will. Er unterrichtet seine Technik und wirbt für seine Seminare und Produkte. Das macht er aber verhältnismäßig indirekt, denn er spricht nur sehr sporadisch davon, dass es Kurse gibt, die man besuchen kann oder dass seine Zuschauer den Sender wissen lassen sollen, wenn sie bspw. alte Folge erneut sehen möchten etc. (also ein Aufruf, dem Sender verstehen zu geben, dass es nach wie vor ein Interesse an ihm gibt).

Ross‘ hauptsächliche Kommunikation rund um sich und sein Malen besteht aus der Betonung dessen, was grade passiert und dem, was alles passieren kann. Er motiviert und inspiriert seine potentiellen Nachahmer. Das, was ist, erfreut ihn und das, was sein kann, fasziniert ihn. Beides kommuniziert er immer wieder, in jeder Form und Spielart, die seine doch sehr überschaubare Studio-Situation hergibt.

Bei ihm gibt es keine Sackgassen der unlösbaren Frustration. Er betont immer wieder, dass es in seiner Welt des Malens keine Fehler gibt, sondern „happy accidents“ – Unfälle ohne böse Intention, die man in das werdende Bild integriert und Teil der Erfahrung werden lässt. Ross denkt nicht in Mängeln. Er bleibt nicht stehen und verharrt in Unzufriedenheit.

Genau das Gegenteil fällt mir aber immer wieder v.a. im Berufsleben auf. Es wird sich darauf versteift, was nicht vorhanden/geschafft/erreicht ist, ohne fortführend einen Ansatz zu entwickeln, wie man das (noch) nicht erreichte Ziel doch noch herstellen kann.

Ich bin der Meinung, dass derjenige, der einen Mängelzustand meint zu erkennen und ihn artikuliert, auch im nächsten Schritt zumindest in eine Richtung für ein behebenden Vorgehen überführen muss. Rein wertend einen Zustand als Mangel zu definieren kann nur der erste Schritt sein. Die Identifikation eines Problem ist nicht gleichzusetzen mit seiner Lösung.

Während Ross gar nicht erst in Problem-Lösung-Ketten denkt, sondern das Mögliche und das Vorhandene zelebriert, stehen andere still in der Identifikationsphase ohne fortzuschreiten und nähren dadurch nur Frustration bei sich und anderen.

Kein anderes Stück Kulturgut hat mir das besser vor Augen führen können als der glorreiche Bob Ross.

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