Online-Bahnfahrt


Hier sehen wir ein wunderschönes Beispiel, wie man das Internet und seine Dynamiken missverstehen und sich ungerechtfertigt auf ein moralisches Ross hieven kann. Natürlich setze ich mich in der Bahn nicht neben fremde Leute und kritisiere deren Leben, DENN in der Bahn ist man, weil man reisen muss/will und nicht, um sich zu zeigen. Dass Menschen sich und die Gestaltung ihrer selbst online zeigen, ist hingegen kein Nebeneffekt eines anderes Vorhabens, sondern Selbstzweck.

Die Logik des Tweets oben unterschlägt, dass das Internet das größte Fegefeuer der Eitelkeit überhaupt ist. Selbstdarstellung ist so eng mit dem Internet verwachsen, dass niemand mehr in der Lage ist, die unterstellte Aufforderung zur Reaktion wegzulassen. Ich bekomme von niemandem, der nicht in meinem Haushalt wohnt, Kommentare dazu, wie ich morgens mein Müsli esse, weil ich nicht im Schaufenster wohne. Ich präsentiere mich nicht, also kassiere ich keine Meinungen.

Meinetwegen ist nicht jede Veröffentlichung im Netz eine selbstverliebte Präsentation. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Menschheit erwachsen genug ist, sich sachlich aufs Thema zu fokussieren. Online sind wir so ungehemmt subjektiv wie sonst nirgends. Früher wurde man im Flurfunk, in der Nachbarschaft, in der Clique genauso verrissen und diskutiert. Jetzt haben wir mit dem Internet nur den perfekten Katalysator dazu bekommen: anonym und unmittelbar. Besser kann man Senf nicht abgeben.

Der Tweet tut so als wäre die Online-Welt eine gesellige Runde, bei der wir einander in die Augen schauen und uns sozailbewusst verhalten. In Wirklichkeit ist das Internet kein erweiterter Freundeskreis. Stattdessen ist eine Form der Öffentlichkeit, die hemmungslos regiert wird von Launen, Vorlieben, Abneigungen und Geltungsdrang. Es ist das Gegenteil von Bahnfahren, wo man den stummen „Ich lass Dich in Ruhe, Du lässt mich in Ruhe“-Kodex noch finden kann.

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