Telenovelas auf LSD

Comics sind der Wahnsinn. Sie erzählen mitunter die schlechtesten Geschichten, die man sich irgendwie aus den Fingern saugen könnte, tun es aber mit einem Selbstbewusstsein, das Titanic und Hindenburg verblassen lässt. Selbstverständlich meine ich amerikanische Comics.

Sie drehen sich immer und immer wieder um sich selbst! Jeder Serienfreund kennt das Phänomen, dass ab einer gewissen Länge der Serie, so ab der dritten oder vierten Staffel, auf einmal Konstellationen entstehen, die man niemals als naheliegend oder gar logisch bezeichnen würde. Da wird der knuffige Serien-Opa auf einmal der Assistent des fiesen Chefs der Hauptdarstellerin oder der brummelige Tüftler fängt was mit der oberflächlichen Fitnessfanatikerin an usw.
Sowas passiert, weil Serien nicht beliebig ihr Ensemble erweitern können (oder wollen, denn jede neue Figur muss erst „ankommen“), also wird mit den vorhandenen Figuren gearbeitet und es kommt zu unrealistischen Verknüpfungen.

(Amerikanische) Comics sind genauso, nur noch schlimmer. Grade mit den Bösewichten wird der übelste Zirkus betrieben, weil sie ja die Impulsgeber sind, damit die Helden was zu tun haben. Also passiert vor allem immer das eigentlich Allerdümmste: die Schurken versuchen es immer und immer wieder, gern in derselben Stadt, gern mit gar nicht oder wenig geändertem modus operandi. Gestorben wird auch alle Nase lang und alle kommen sie wieder und für immer und ewig hauen sich dieselben Soziopathen gegenseitig auf die Mütze. Um irgendwie zu rechtfertigen, was da abgeht, werden Geschehnisse herbei konstruiert, die manchmal himmelschreiend lächerlich faul konzipiert sind, aber alles wird mit einer Attitüde der Unschlagbarkeit erzählt, mit dick und fett aufgetragenem Pathos und schwungvoll gezogener Linie gezeichnet. Comics sind Telenovelas auf LSD, v.a. regelmäßig erscheinende Serien.

(Am Rande: Congrats, Bats, zu 1.000 Ausgaben „Detective Comics“!)

Ich bin mir des Kitsches, Klamauks und Konstruktionskrampfes sehr bewusst und liebe diesen Quatsch. Erwachsene Männer verdienen damit ihr Geld und Armeen anderer erwachsener Männer kaufen den Kram und konsumieren ein Leben lang Heft um Heft.

Urlaub ist Pizza

Urlaub nehmen, um Behördengänge zu erledigen und/oder „die Wohnung mal so richtig auf Vordermann zu bringen“? Erledigungen? Arbeit?

So fühlt sich das in meinen Augen an: Stell Dir vor Du hast ein Guthaben über zehn Pizzen. Pizza ist lecker, Pizza ist beliebt. Jede Pizza wird von Meisterhand auf Deinen Gaumen und jeden Deiner Wünsche abgestimmt. Aber: Du hast nur zehn Pizzen fürs gesamte Jahr und abseits dieser zehn Pizzen gibt es nur mäßige Kost: nüchterne Salate, zerkochte Nudeln mit Ketchup, lauwarme Linsensuppe.

Du hast also zehn Freifahrtscheine für grandiose Pizzen – so aufwändig oder brachial einfach und direkt wie Du magst. Zehn Pizza-Wünsche Deines persönlichen Pizza-Flaschengeistes. Diese zehn Pizzen sind Deine ganz besonderes, wohlverdiente Abwechslung, kleine, schmackhafte Insel im Meer der mediokren Mahlzeiten.

Und jetzt stell Dir vor jemand schlägt vor, doch auf eine dieser zehn Pizzen einfach mal etwas nüchternen Salat, eine Handvoll zerkochter Nudeln und lauwarme Linsensuppe zu packen – weil’s weg muss und praktisch wäre, das zu verbinden und Du denkst Dir: „Geh sterben, aber zügig! Jede Pizza ist eine heilige Auszeit von dem Mist, den ich sonst habe, da mache ich alles andere, nur nicht irgendwas, das annähernd eine Ähnlichkeit zu dem Normalfrass haben könnte!!“

Falls jemand überhaupt nicht mit dieser sehr anschaulichen Metaphorik mitziehen kann oder will, hier eine alternative Version:
Du läufst einen Marathon, bei dem Du nur dreimal was trinken darfst und jemand schlägt vor: „Trink doch die Bratensoße von gestern, die ist noch übrig und kann weg.“

Großraumbüro

Der 1. März 2019 war einer der bislang anstrengendsten Arbeitstage, seit wir im Oktober 2018 in ein Großraumbüro umgesiedelt wurden. Der Knackpunkt ist wie so oft das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Weltwahrnehmungen und Intentionen gewesen.
Zu meinen Aufgaben gehört es, nach Ende eines Kalendermonats eben diesen in Form von Reportings für unsere Kunden zusammenzufassen, d.h. eine Ladung Kennzahlen zu erfassen, abzubilden und zu kommentieren, um dadurch unsere Arbeit als Agentur zu beweisen und die Kosten für uns als Dienstleister zu rechtfertigen. Durch die naheliegende Taktung anhand von Kalendermonaten ist der jeweils erste Werktag eines Monats für mich immer der Startschuss für einen kleinen Marathon an Reportings, die alle idealerweise zügig erstellt und verschickt werden.

Dass nun der 1. März 2019 ein Freitag war, erfüllte mich vorab mit Erleichterung und einer Art zweckmäßigen Vorfreude: an Freitagen ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kunden Anliegen an mich herantragen geringer. wie so viele Arbeiter wollen auch unsere Kunden einen Freitag meistens einfach nur sauber durchbringen und pünktlich „ins Wochenende starten“. Also keimte in mir die Aussicht auf einen Arbeitstag ohne viele zusätzliche Anliegen und somit viel freier Zeit für meinen kleinen Reporting-Marathon: in die krude Welt der Kennzahlen-Exporte aus Social Media-Plattformen, Excel-Tabellen und windschiefen aber dennoch funktionalen Formeln und immer wieder neu und abermals neu zurecht aktualisierten Power Point-Präsentationen einsteigen und dort den sprichtwörtlichen Schuh runterfahren – halb Automatismus, halb Tunnelblick und zack wären mal eben alle Reportings an einem einzigen Tag erledigt.
Man wird ja noch träumen dürfen.

Leider war der 1. März 2019 wie erwähnt ein Freitag, sodass nicht nur die Kundschaft die erwähnte Mentalität der Zielgraden an den Tag legte, sondern auch das Kollegium im Großraumbüro um mich.
Der Fluch des Großraumbüros an sich besteht aus der ständigen Anwesenheit von Reizen, indirekt und direkt. Die indirekten Reize sind eben jene, die man ungeschützt abbekommt: Telefonate, Gespräche, Kaffeemühle, Kaffeemaschine, Wasserkocher, Heißwasserhahn, Mikrowelle, Schritte auf der Treppe, Türklingeln, Türen, automatische Handtuchspender auf den WCs. Dies sind nur die wichtigsten akustischen indirekten Reize, da ich mich halbwegs gut vor optischen indirekten Reizen schützen kann, indem in in den Monitor krieche.
Direkte Reize entstehen durch die ständige Sichtbarkeit für andere und die damit automatisch unterstellte Verfügbarkeit und Ansprechbarkeit.

Diese kurz zusammengefasste Liste der möglichen Irritationen ist absolut harmlos und rein gar nichts, vor dem man kapitulieren müsste, wenn man sich wirklich in einer Arbeit verlieren würde, aber wie erwähnt ist der Monatsanfang die Zeit der Routineerledigungen. Leider kann ich mich in sowas nicht vor lauter Faszination verlieren und die Außenwelt vergessen, viel mehr muss ich mich konzentrieren und möglichst lange im Roboter-Modus gewissenhafter Erledigungen bleiben.

Für den Rest des Büros war es Freitag, der letzte Tag der Woche, der Tag mit den meisten Ruhe vor den Kunden, der Tag, an dem man mehr Zeit füreinander hat, für Späße, für Ulk, für Klatsch und Tratsch, für Zoten, Witze, Unsinn – der Tag, an dem man noch im Büro anfängt, sich dafür zu belohnen, dass man wieder eine Woche geschafft hat.
Menschen in Agenturen halten sich für kreativ, bringen gewisse Egos mit und sind sehr empfänglich für Dynamiken wie Freitage. Ich schließe mich nicht aus. Ich mach immer gern mit und freue mich, ab und zu die Bestätigung zu bekommen, dass wir als Gruppe keine Miesepeter sind, die Dienst als Dienst sehen usw.

Letzten Freitag hatte ich aber anderes auf dem Tisch und mich gefreut, keine Exkurse wegen spontaner Anliegen fahren zu müssen.
Natürlich kollidierte mein Vorhaben auf schlimmstmögliche Weise mit dem Freitag im Rest vom Großraumbüro. Alles oben Genannte kam zusammen, alle direkten und indirekten Ablenkungen – was an einem Freitag ganz normal, ganz natürlich und völlig gesund ist! Nur hat es mir kein bisschen in den Kram gepasst und meinen Plan für den Tag absolut ruiniert, sodass ich am Ende des Tages, der sich so lang wie drei angefühlt hatte, gereizt und frustriert ins Wochenende ging. Geschafft hatte ich ein komplettes Reporting, ein zweites musste ich unvollendet zurücklassen, weil ich meinen Brutto-netto-Berechnungen nicht weit genug vertraute, um die Ergebnisse zu verschicken. Konzentration und Vertrauen in die eigene Arbeit waren dahin.
Eine Kollegin hatte mich am späten Nachmittag darauf angesprochen, dass sie noch gar nichts so richtig von mir mitbekommen hatte. Ich meinte dann, dass ich eben meine Reportings machen wollte, aber es sehr unruhig sei. Der wichtigste Satz aus meinem Mund war: „Für mich ist 1. März, für euch ist Freitag.“

Ich stelle niemanden an den Pranger, vielleicht ärgere ich mich noch am meisten über mich und meine Naivität einem Freitag im Großraumbüro gegenüber. Dass ich das nicht kommen sah, ist auch ein kleines tragikomisches Wunder in sich.

Wie ich mich den Gegebenheiten in Zukunft stellen kann oder muss, finde ich erst noch heraus. Man will ja intelligent und flexibel sein und schlaue Lösungen für Probleme finden. Andererseits hatte ich neulich den Gedanken: Wenn neben meiner Mietwohnung auf einmal ein Flughafen gebaut wird und Tag und Nacht Lärm herrscht, ziehe ich halt weg, statt meine Wände, Fenster und Türen zu isolieren und mir nachts die Ohren zu verstopfen.

Aber man muss nicht immer gleich drastisch werden.