Ausgedacht

Wir leben in einer gemachten Welt. Fährt man raus in die Natur und entfernt sich weit genug von menschgemachten Dingen, sieht man die Welt, wie sie eigentlich ist. Aus dieser ursprünglichen Weltumgebung haben wir Menschen unsere Zivilisations-Umgebung geschaffen, indem wir die Natur umgeformt haben. Jeder Rohstoff, jedes Material ist entweder der Natur direkt entnommen oder wurde aus Stoffen der Natur durch Arbeitsaufwand erstellt, um dann verwendet zu werden. Formt man einen Baum um, erhält man Bretter – falls man die richtigen Werkzeuge hat. Um diese zu erhalten, muss man wiederum andere Teile der Natur entnehmen und/oder umformen. Das Konzept versteht man am besten, wenn man einfach mal eine Weile Minecraft spielt.

Ein Brett, ein Werkzeug, eine Hütte, ein Haus – dies sind hergestellte Gegenstände, die eine physische Form besitzen und diese auch erhalten, wenn man den Gegenstand zurücklässt und irgendein fremder, neuer Mensch ohne Vorwissen diesen Gegenstand vorfindet. Der sinnhafte Zweck des Gegenstands ist nicht eindeutig im Objekt gespeichert. Ein Hammer wird immer ein Gegenstand sein, der sich besonders gut dafür eignet, auf anderes zu schlagen. Man kann mit einem Hammer aber auch einen Suppenkessel umrühren, wenn man denn so will, nie einen Hammer gesehen oder benutzt hat und keinerlei Verwendung für einen Gegenstand zum harten Zuschlagen hat. Der physische Gegenstand ist materiell und objektiv; seine Intention ist nicht immer inhärent. Jeder hat schonmal einen kleinen oder großen Gegenstand oder vielleicht auch nur ein Bauteil vor sich gehabt und gerätselt, „wozu das gut sein soll“, also die Suche nach der Intention und dem Zweck angestrengt. Sobald man eine Erklärung hatte, war dieses eine Ding auf diesen einen Zweck festgelegt und somit sinnhaft erklärt und eingeordnet.

Wenn nun aber die physische Form fehlt, bleibt nur noch die Intention, ein rein immaterieller Sinn und Zweck, der durch Dokumentation und Kommunikation aufrecht erhalten werden muss:

Jubiläen wie Geburtstage, Termine, Verabredungen, Deadlines – also alle Konzepte von Zeit. Namen, Wörter, Sprachen – alle Form von Kommunikation. Moral, Gesetz, Recht und Unrecht – alles, was wir als geistige menschliche Errungenschaften ansehen. Und wer weiß was noch alles. Mir geht es hier nur um die zeitlichen Dinge. Fristen, Termine, Planungen im ganz kleinen Rahmen; es ginge auch größer: die gesamte Systematik der Zeiterfassung, Kalender, Sommer- und Winterzeit – alles gemachte Dinge und nicht wirklich perfekt zu Ende geführt, sodass ich wohl nie den real gelebten Internationalen Ewigen Kalender erleben werde.

Aber zurück zu Fristen, Terminen und Planungen: diese gemachten Dinge betreffen nicht immer die ganze Menschheit, manchmal nur wenige Menschen. Die Gemachtheit eines Termins wird nie bewusst reflektiert. Warum auch, das ist anstrengend und führt zu nichts, aber es ist die Gemachtheit, in der die Groteske eines jedes Deadline-Stresses liegt, besonders dann, wenn an den Termin kein physikalisches Ereignis gebunden ist. Soll heißen: Wenn mein Zug um 10 Uhr abfährt, fährt er um 10 Uhr ab und wenn ich später am Gleis bin, kann ich mir in Ruhe das leere Gleis anschauen, das mein Zug mir hinterlassen haben wird. Der Zug ist Teil eines größeren Systems und daher einem Gefüge verpflichtet, das auf viele funktionierenden Teile baut. Darum ja auch dauernd die immer wieder geilen Verspätungen: Kleinigkeiten wachsen sich stetig aus und auf einmal kommt der Zug Mitternacht statt acht Uhr abends.

Je kleiner aber das System wird, umso größer die Groteske der Gemachtheit. Frei gewählte, mitunter sogar selbst auferlegte Fristen werden zu einem stechenden Gewissensbiss im Hinterkopf. Greift man nicht vorausschauend während der Herstellung des Termins ein, ist dieser in Stein gemeißelt und kann nur durch stichhaltige Rechtfertigungen wieder gelockert und gegebenenfalls verändert werden – und das obwohl manchmal nur drei Knallköpfe betroffen sind, die selbst entschieden haben, dass es dieser Zeitpunkt sein soll und kein anderer. Souveränität über die eigene Zeit und das eigene Gewissen wird unterschlagen. Der Generalverdacht, dass man ohne Fertigstellungsfrist keinen Finger rühren würde, wird akzeptiert. Die Gemachtheit bleibt unbeachtet, wird nicht bewusst gemacht. Hinweise irritieren, stören.