JJJ

Spider-man was behind it… helping Doctor Octopus, wasn’t he?? Even if you didn’t see him… he could have been here, couldn’t he??“
[…]
„For all we know, Ock is really Spider-man in disguise!“
[…]
„Okay! Okay! So I forgot!“

J. Jonah Jameson ist ein Psychopath.
(Definition: „Person mit gestörtem Gefühls- und Gemütsleben und/oder einem Verhalten, das dem Bild einer selbstverantwortlichen Persönlichkeit nicht entspricht.“)

Ursprünglich ist diese Figur als interessantes Vehikel für ein Spannungsverhältnis der Hauptfigur zu ihrer Umwelt erfunden worden: Peter Parker ist seit dem Tod seines Onkels genötigt, ein Zubrot zum Haushalt bestehend aus ihm selbst und seiner fragilen hochaltrigen Tante May zu leisten. Da Peter schon vor Onkel Bens Tod Kapital aus seinen Superkräften geschlagen hat, geht er auch nach seiner Läuterung und Transformation zum Helden diesen Weg: Er fotografiert seine Abenteuer als Spider-man und verkauft die entstandenen Bilder an eine Tageszeitung. Das erwähnte Spannungsverhältnis ergibt sich aus der Tatsachen, dass der dazugehörige Verleger, namentlich J. Jonah Jameson eine brodelnde Verachtung gegen Spider-man hegt und die von Peter Parker gelieferten Bilder für eine fortlaufende Schmutzkampagne gegen den Netzkopf verwendet. Fertig ist die Seifenoper-Misere: Peter Parker ist jung und braucht das Geld, also verkauft er weiterhin Bilder an JJJ und füttert somit ihn und dessen Hasskampagne.

Ich lese derzeit die frühen Jahre Spider-mans und dort verbleibt die Figur JJJ sehr oft ein einem konkreten Schema: Spider-man ist in eine Art Abenteuer verstrickt und zeitgleich oder nachträglich verdreht JJJ die eigentlichen Geschehnisse hin zu einer zurechtgebogenen Narrative, in welcher Spider-man der Bösewicht, der Urheber der Gefahr, der Grund hinter der Zerstörung etc. ist. Prägend hierbei ist, dass JJJ die Ereignisse uminterpretiert, also eine existente Situation mit einer eigenen Bedeutung befüllt. Er erfindet „wahre“ Intentionen Spider-mans und sehr gern auch Absprachen zwischen Spider-man und den Schurken. Wichtig hierbei: Er nimmt, was er sieht/hört und klebt seine Erklärung (ergo: Interpretation) drauf.

Das ganze Konzept ist halbwegs originell und ich erduldete es beim fortlaufenden Lesen als eine Gegebenheit der Erzählwelt – bis zu jenem Zeitpunkt als er eine Grenze überschreitet. Nachdem Doctor Octopus einen Militärkonvoi überfallen und den Prototypen einer Waffe gestohlen hat, konstruiert ein nachträglich eingetroffener JJJ eine frei erfundene Version der Geschehnisse unter der Maßgabe, dass Spider-man an dieser Stelle ein Verbrechen verübt haben muss. Selbiger war zum Zeitpunkt des Überfalls nichtmal im selben Stadtteil und niemand der Augenzeugen erwähnt Spider-man auch nur.
JJJs Ansatz Nr. 1 ist: Spider-man war zwar nicht zu sehen, aber er hätte Doc Ocks Komplize sein können. Hier interpretiert er nicht mehr, er konstruiert. Sein eigener Sohn sagt ihm ins Gesicht, dass der Vorfall nichts mit Spider-man zu tun hatte – zum Glück, denn jedes „Keine Ahnung.“ oder „Weiß ich nicht.“ hätte JJJ wahrscheinlich gereicht.

JJJs Ansatz Nr. 2 ist: Da keine Spur von Spider-man zu finden ist, muss Spider-man eine andere Identität angenommen haben, natürlich die der Gefahr, also Doc Ock. Zu allem Überfluss formuliert JJJ seine Behauptung auch noch als allgemeine Maßgabe und angeblichen Konsens: „For all we know…“ Er zieht seine Gesellschaft hinein in sein Konstrukt, distanziert sich davon, Verfasser seiner Lüge zu sein. Als Journalist muss er sich ja schließlich auch zum Berichterstatter stilisieren, nicht als Autor.
Dieses Mal ist es an Robbie, JJJ an die Welt der Fakten zu erinnern: Spider-man und Doc Ock wurden schon oft zusammen gesehen, sie können nicht dieselbe Person sein. Diese Wahrheit passt nicht in JJJs Konstrukt, also tut er so als würde er zugeben, dass er vergessen hätte, dass die beiden oft zusammen gesehen wurden – er, der jeden Schritt von Spider-man verfolgt und ausschlachtet. Zum Glück verfolgt JJJ seine Hirngespinste in dieser Situation nicht weiter, sondern lenkt ab, indem er seine Souveränität wieder repariert und den Chef markiert, der nach seinem unnützen Fotografen Peter Parker verlangt. Gut und gerne hätte JJJ auch noch eine und noch eine Version der Ereignisse entwerfen können, immer und immer wieder mit Spider-man als Kern allen Übels.

Wir sehen hier einen Mann, der in der welt um ihn herum nach Ansatzpunkten sucht, seine Ideologie anzubringen. Seine Weltanschauung muss angewendet werden. Was passiert ist oder wie die Dinge sich darlegen, ist dabei unwichtig. Er braucht nur Trägermaterial, dem er seine Erzählung überstülpen kann. So albern und schrullig JJJ bis zu dieser Szene war. Hier ist die Figur für mich gekippt. Er deutet nicht nur in seine Richtung, er definiert die Erzählung, egal was sich in Wirklichkeit ereignet hat. Die Hauptsache ist, das Feindbild zu propagieren, auch wenn der Feind weit und breit zu sehen ist.

Und dieser Psychopath bestimmt, was eine Tageszeitung auf dem Titel trägt.

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