Made in China

Chinesische Billigprodukte und Produktpiraterie sind ein Segen für den westlichen Kapitalismus und die großen Marken wie Nike und adidas wissen es und kalkulieren damit. Der eigene Hochglanzmist glänzt nur dann am schönsten, wenn man ranzigen dReck daneben stellt. Das Spannendste an Edelmetallen und -steinen ist die Entdeckung, dass es kein Imitat ist, sondern echt! Besitzt man echten Goldschmuck, echte Diamantohrringe oder eben echte limitierte Turnschuhe der Topmarke des Tages, geht man mit einer Art Unantastbarkeit auf die Straße und kann sich unendlich oft in eine gestellte Untersuchung begeben, aus der man immer siegreich hervorgehen wird. Untermauert werden die Wertigkeit und Echtheit des eigenes Besitztums (und aufgrund der unauflöslichen Verbunds zwischen Akteur und Eigentum auch die Wertigkeit und Echtheit der eigenen Person) durch eine Wahrnehmbare Skala des Geldwertes. Dankbarerweise verlängern Billigprodukte und Piraterie dieses Skala und ermöglichen die Rechtfertigung hoher Ausgaben für „echte Markenware“ und garnieren den überteuerten Kauf mit dem Orden, nicht auf ein Imitat hereingefallen zu sein.
Derweil klopfen sich all die Billigproduzenten und Markenpiraten auf die Schulter, weil es Millionen von Menschen gibt, die viel mehr Geld als irgendwie rational notwendig in die Hand nehmen, um sich Kleidung und „Accessoires“ zu kaufen, damit sie „Fashion Statements“ machen können. Billiger Ramsch funktioniert aus dem gleichen Prinzip wie Spam-Mails nach wie vor versendet werden: es kommt weiterhin genug Gewinn dabei raus, dass es sich lohnt weiter zu machen. Als ob ausgerechnet dieser Teil der Wirtschaftswelt blind für Kosten-Nutzen-Bilanzen wäre. Hier wird der Kapitalismus so unverfälscht und ehrlich gelebt, wie es die ganze legale Industrie sich niemals erlauben könnte: so wenig wie möglich Geld in Produktion und Vertreib stecken und so viel wie möglich wieder rausholen, egal mit welchen Mitteln.

Und noch was: Hier in unserer westlichen Denkwelt amüsiert man sich gern über offensichtliche Produktpiraterie: Sunbucks Coffee, HIKE Sports, adadis.
China kommuniziert über Schriftzeichen, grafische Elemente, die Konzepte vermitteln. Wir bilden Ketten aus Lauten ab. Für uns (außerhalb der Wissenschaftsdiskurse und Tafelwerke) steht ein E nur für eine sehr kleine Anzahl an Lauten, die wir von uns geben müssen, wenn wir dieses Zeichen vor uns sehen. „Besen“ beinhaltet zwei davon. Für jemanden, der aus einer Welt der Schriftzeichen stammt, ist ein hochheiliges Wort wie adidas eine Anordnung von Kringeln und Strichen, die irgendeine Legende von Sportlichkeit und Geldbesitz erzählt, aber der Erfinder dieser Kringel-Strich-Zeichnung erlaubt niemandem sonst, die exakte Version seiner Mini-Legende abzubilden, also ändert man einfach ein paar Striche und Kringel, aber das Erscheinungsbild erinnert nach wie vor an die „geschützte“ Form der Legende von Sportlichkeit und Geldbesitz: adadis, adibas, abadas usw.
Aktuell sickern Emojis immer stärker in unseren alltäglichen schriftlichen Sprachgebrauch. Apple, Google, Facebook Samsung & Co. verwenden unterschiedliche Zeichensätze für ihre „Emoji-Alphabete“, dennoch erkennen wir immer das Konzept „vor lauter Lachen Tränen in den Augen haben“, egal in welcher Stilrichtung wir es sehen. So stelle ich mir die Chinesische Sicht des westlichen Markenkults vor.