Home Office

Einer Meldung zufolge, die mir Sara ins Feed getwittert hat, beendet IBM die Heimarbeit vieler Mitarbeiter. Für 2.600 angestellte wird sich das Arbeitsleben und -empfinden demnach grundsätzlich verändern. Der Meldung zufolge gehörten laut IBM „wirklich kreative und inspirierende Standorte“ zum Erfolgsrezept des Unternehmens. Betroffen sind zunächst nämlich ausschließlich Angestellte aus dem Marketing, also einer Abteilung, die durch kreativen Anspruch geprägt sein dürfte.

Sind nun Kreativprozesse aber nicht viel fruchtbarer, wenn man frei und in einem wohltuenden Umfeld ist, also daheim, wo man sich beim Nachdenken auch mal im Pyjama auf dem Sofa wälzen kann? Wo bleibt dabei aber die Zusammenarbeit als Team und die Nähe zu den Kernwerten des Unternehmens bzw. der Marke, die nach außen kommuniziert werden soll?

Ich habe zum konkreten Fall von IBM und Heimarbeit (oder „Home Office“) eine aktuell und eine ideelle Meinung. Zunächst die ideelle: Unsere Technologie erlaubt es uns längst, Bürotätigkeiten von nahezu überall aus zu erledigen. Computer sind tragbar, Telefone mobil und Daten in der „Wolke“. Nach und nach geben uns unsere eigenen Arbeitsgeräte mehr und mehr zu verstehen, dass wir nicht lokal gebunden sind – wir brauchen lediglich Empfang und (ab und zu) Strom, schon können wir arbeiten und uns mit dem Rest des Kollegiums und quasi auch der ganzen Welt vernetzen. Streng genommen ist der Ort egal geworden. Wenn etwas wirklich egal ist, erübrigt das die Frage nach dem Zwang, daher haben – in meiner ideellen Meinung sprechend – die technologischen Tatsachen dafür gesorgt, den erzwungenen Aufenthalt in einem Büro obsolet werden zu lassen. Ob jetzt davon jede Bürokraft betroffen ist oder sein kann, ist wiederum eine hier nicht zu klärende Frage. Ich selbst bin Agenturmensch und denke und lebe wie einer, weshalb ich mich an und ab durchaus frage, weshalb ich ein und dasselbe MacBook morgens ins Büro bewege und abends zurück zu mir nach hause. Besonders an Tagen, an denen in Daten gewühlt werden muss und ich lange Tabellen jongliere, Präsentationen „schrubbe“ oder Anzeigenbuchungen abarbeite, drängt sich mir die Frage auf, warum ich aus meiner lokalen Isolation meiner Wohnung in die mentale Isolation der Konzentration am Rest des Büros vorbei gewechselt bin. Verloren habe ich scheinbar nur die Zeit, die ich unterwegs verbracht habe.
Ganz voll all dem abgesehen ist jeder Berufspendler weniger auf den Straßen eine aus vielerlei Hinsicht willkommene Einsparung.

Meine aktuelle Meinung ist für das regelmäßige Verlassen des Privatraumes zugunsten eines offiziellen, wenn nicht sogar öffentlichen Ortes der Arbeit. Dort, wo man Privatmensch ist, sollte keine Arbeit stattfinden. Man sollte rituell das Privatleben verlassen und in das Arbeitsleben eintreten, ebenso zum Feierabend: die Arbeit bleibt zurück, das Privatleben beginnt wieder. Ob hierfür ein Arbeitszimmer ausreicht, kann ich nicht beurteilen, würde es für mich selbst aber nicht garantieren wollen. Mein Gefühl sagt eher: besser wäre das Verlassen der ganzen Wohnung zugunsten eines anderen Hauses, das rundum der Arbeit gewidmet ist, damit auch in den anderen Etagen Arbeit stattfindet. Jetzt weicht das Argument etwas auf: Dieses Haus muss aber nicht die eine weltweite Zentrale sein, zu der die gesamte Belegschaft pendelt. Es kann einfach nur eine Sammlung von Büros sein, in denen Menschen allein arbeiten oder kleine Gruppen zusammenkommen. Das muss nichtmal eine vollwertige Zweigstelle sein, sondern was man landläufig als Coworking Space bezeichnet: Blanko-Büros, in die sich jeder spontan oder langfristig begeben kann, um dort zu arbeiten. Das Konzept begegnete mir erstmals während des Studiums in Form der Carrels der ThULB (Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek): „Einzelarbeitsräume“ innerhalb der Bibliothek, die man vorab reservieren oder bei vorhandenem Vorrat spontan ergattern kann.
Ich finde eine solche Einkehr in einen Arbeitsraum, der nicht der eigenen privaten Wohnung direkt angeschlossen ist und sich nicht innerhalb eines primär für das Wohnen angelegten Hauses befindet, ist fürs berufliche Denken und Fühlen wichtig. Kurz gesprochen kann man es auch auf zwei Punkte konzentrieren: 1. Man muss die Wohnung verlassen. 2. Um einen rum muss auch gearbeitet werden.
Wer das als erzieherische Maßnahme für den potentiell faulen Mitarbeiter sieht, hat nicht völlig unrecht, aber ich sehe es auch als wichtige Hygienemaßnahme dem Privatmenschen gegenüber: zum Feierabend wird der Ort des Arbeitens verlassen und damit der Anspruch, unmittelbar im Dienst zu sein. Dieses „Recht“ lebt jeder Fabrikarbeiter, jeder Zugführer, jeder Kellner.

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