Was hält mich hier?

„Heimat“ oder „Zuhause“ (im Sinne des Zuhauses, aus dem man entstammt) definieren sich größtenteils über den Standort des Elternhauses, zumindest zu Beginn der Biographie. Über kurz oder lang gründet fast jeder junge Erwachsene einen eigenen Haushalt, nicht selten auch in einer anderen Stadt, sodass beim Umzug ein gewisser Schritt aus der regulären lokalen Konfiguration des Wohnens gegangen wird, besonders wenn man weit genug weg zieht, dass man sich neue Wohnort-Gewohnheiten anschaffen muss. Meine erste Wohnung nach dem Verlassen des elterlichen Nestes befand sich 250km entfernt vom alten Zuhause. Ich musste also eine neue lokale Konfiguration erstellen, neue Gewohnheiten schaffen und für mich kultivieren. Ohne dass es für mich eine gleißend helle Erkenntnis darstellte, lernte ich dadurch dennoch anhand gelebter Praxis, dass es ein absolut machbares und in Teilen sogar spannendes Projekt ist, umzuziehen und ein neues lokalspezifisches Leben zu entwerfen.

Seit diesem ersten Umzug habe ich noch zwei weitere Male die Stadt gewechselt und bin dabei innerhalb jeder von diesen beiden Städten nochmal umgezogen. Die „internen“ Wechsel waren weniger spannend, sondern nur dem Bedürfnis nach besserer Wohnqualität geschuldet. Was zählt ist, dass ich bislang dreimal neu in einer Stadt angekommen bin und damit auch automatisch dreimal ein vorangegangenes lokales Leben hinter mir gelassen habe. Solche Vorgängen können das Bewusstsein dafür schärfen, dass einen die Dinge, an denen man sich in seinem lokalen Leben festmacht, nicht so stark binden, wie man meinen mag.

Die Frage „Was hält mich hier?“ klingt immer sehr vernichtend. Was sind die persönlichen Vorteile des Bleibens? Was kommt unterm Strich für einen selbst dabei heraus? Dies kann zu einer harten Aufrechnung werden und manchmal lautet die Antwort nur, dass einen einfach nichts verlockt, woanders zu sein. Wenn es nach mir geht, sollte sich jeder ruhig ab und zu dieser Frage stellen und wenn die offensichtlichste Antwort (im Falle einer möglichst objektiven Diagnose) „Bequemlichkeit“ lautet, auch gern die Option erwägen, einen Umzug zu wagen. Mobilität ist einfacher durchzuführen und erfrischender als manche einer denkt.

RNG

Heute ist Montag. Am vergangenen Wochenende habe ich mich von gleich zwei Spielen nacheinander frustrieren lassen, weil ich den zerstörerischen Einfluss des Zufallsprinzips auf Spielspaß unterschätzt und mich außerdem von einer hochgradig ansprechenden Präsentation hab blenden lassen.

„Darkest Dungeon“ und „Enter the Gungeon“ waren die beiden Übeltäter, welche Raubbau an meiner Laune betrieben. Besonders das erstgenannte Spiel bedient sich sehr stark des Zufallsprinzips, ist es doch ein rundenbasierter Dungeon Crawler, bei dem ausgewürfelt wird, ob der Angriff überhaupt trifft, wie viel Schaden er macht, eventuell kritisch ist und ob er – falls Teil der Fähigkeit – seinen Effekt (Gift, Blutung u.a.) entfaltet. Die Architektur der Verließe, die Durchmischung der Gegnergruppen und wer weiß was noch sind ebenso zufällig generiert.

„Enter the Gungeon“ entwirft ebenso bei jeder Partie eine neue Anordnung des Verlieses und – was mich noch mehr stört(e) – den Inhalt der Schatzkisten. Während meiner Spielzeit gestern hatte ich keine Waffe zweimal vorgefunden. Manche Funde waren mäßig nützlich, einige eher sinnlos und einmal hatte ich eine gottgleiche Waffe vorgefunden, die mich das erste und einzige Mal einem Sieg gegen den Bossgegner nahe kommen ließ.

Wenn ich mich an ein Spiel setze, gehe ich gern wie ein vorurteilsbehafteter Wissenschaftler vor: Wiederholung des Experiments, bis eine Vorgehensweise den erwünschten Effekt erzielt. So bin ich aufgewachsen, mit Mario und Mega Man am NES. Kommt ein Zufallsgenerator ins Spiel, lässt sich das Experiment nicht unter gleichbleibenden Bedingungen wiederholen. Oder konkret aufs Spiel bezogen: Ich kann das Spiel nicht trainieren, wenn ich ständig von Zufällen bombardiert werde. Ein Hürdenläufer behält ja auch Schuhe, Untergrund, Höhe der Hürden und deren Anzahl und Abstand bei. Das nennt man Training.

Wie so oft macht auch beim Zufall die Dosis das Gift und zu viel Zufall ist in meinen Augen Beliebigkeit, Willkür. Meine Leistung wird irrelevant – im positiven wie im negativen Sinne. Niederlagen sind Pech, Erfolge sind Glück.

Wie eine so große Relevanz des reinen Zufalls in den beiden angesprochenen Spiel und gleichsam und vielen anderen Spielen, auch abseits des digitalen Raums, in Casinos und Kneipen, eine solche Akzeptanz und sogar Popularität erlangen konnte, ist ein faszinierendes Rätsel. Ich muss aber schon unterscheiden zwischen Roulette und „Darkest Dungeon“, denn letzteres präsentiert sich nicht offensiv als Glücksspiel. „Darkest Dungeon“ nennt sich leider nicht „RNG based dungeon crawler“, was in meinen Augen verdient und notwendig wäre. Denn dann hätte ich es nie angefasst. „Enter the Gungeon“ bekommt eine zweite Chance, denn wenn ich meine Vorgehensweise von dem Inhalt der Schatzkisten löse, kann ich mich auf die Grundausstattung konzentrieren und diese ist zur Abwechslung dann doch tatsächlich in jeder Partie dieselbe!