Lesemedium

In seinem Video „Paper or Kindle?“ geht Kanal-Inhaber Clifford einleitend auf die technischen Entwicklungen der Unterhaltungsmedien Film, Musik und Literatur ein. Kurz zusammengefasst weist er darauf hin, dass Musik und Film im Bereich ihrer jeweiligen Medien enorme und erstaunliche Fortschritte gemacht haben, allein im letzten Jahrhundert. Heutzutage sind beide Kunstformen leicht zugänglich verfügbar, multipel abspielbar und im Idealfall von hervorragender optischer und akustischer Qualität. Die „neuen Arten“, beide Kunstformen zu konsumieren, haben ihre Vorgänger abgelöst, wenn man die breite Masse bzw. die zeitgemäß typische Art des Konsums betrachtet. Im Feld der Musik gelten Schallplatte, Musikkassette und CDs als vergangene Methoden oder Liebhaber-Medien. Für Filme gelten Videokassetten und irgendwie auch schon DVDs als überholt. Zudem rein digital auf Musik und Filme ganz ohne Datenträger zuzugreifen, ist keine exotisch-experimentelle Variante (mehr).

Beiden Feldern haftet die Empfindung einer logischen Entwicklung an – als sei hier eine Evolution zugange, die einfach stattfinden musste. Klang und Bild wurden stetig verbessert, Trägermedien wurden langlebiger, leichter, praktischer und die Verfügbarkeit wurde allumfassender und beinahe zu einer Art Beliebigkeit.

Auch wenn ich selbst kein Methusalem bin, kann ich mich noch an gänzlich andere Zustände in meiner Jugend erinnern: In der ganzen Kleinstadt gab es nur zwei Videotheken und wenn ein Film ausgeliehen war, war er eben woanders und nicht für mich verfügbar. Verrauschte Bilder in den ersten fünf Minuten waren normal, da Videokassetten alles andere als langlebig waren. Der kleine Fernseher im Zimmer, das mein Bruder und ich uns teilten, musste nach dem Einschalten erst noch auf Temperatur kommen, um das Bild nicht zu dunkel darzustellen. Er funktionierte noch mit einer Röhre.

Was ich sagen will: Zwei Jahrzehnte reichten schon aus, um jene Kunstformen, die stark an ihre technologische Manifestationen gebunden sind, weit vorwärts zu bringen, was Qualität, Vielseitigkeit und Verfügbarkeit angeht.

Anders hingegen Literatur. Hier gab es keine spürbare logische Evolution, die konsequent vorwärts führte. Das geschriebene Wort ist so puristisch in sich selbst, dass es technisch nicht weiterentwickelt werden muss, um deutlich zu gewinnen.

Vor allen weiteren Ausführungen muss ich kurz spezifizieren: Ich fokussiere mich auf das „Buch“, wie wir es als Begriff für literarische Werke – fiktional sowie nonfiktional – verwenden. Dass ich hier Worte in die unendliche Internetweltöffentlichkeit schreibe, hat zwar auch mit einer Menge geschriebener Worte zu tun, betrifft für mich hier und jetzt aber ein anderes kulturelles Gut.

„Bücher“ sind nach wie vor physische Bücher aus bedrucktem Papier. Parallel zu ihnen existiert das digitale Lesen auf entsprechenden Endgeräten, die in einer mir unbekannten Anzahl verschiedener Hersteller vor sich hin existieren und konkurrieren. Gern rechne ich außerdem auch das Hörbuch als Alternative zum klassischen Buch.

Nicht zufällig schreibe ich „Alternative“ – „Spielart“ oder „Variante“ wären auch passende Begriffe – denn das Buch wird immer noch vorrangig als Buch konsumiert: physisch einen bedruckten Stapel Papier festhaltend. Digitaler Konsum macht einen Bruchteil des Markts aus.

Auf http://www.boersenverein.de/de/182716 heißt es:

2015 haben E-Books 4,5 Prozent zum Buchumsatz beigetragen (2014: 4,3 Prozent; 2013: 3,9 Prozent; privater Bedarf ohne Schulbuch), damit ist der Absatz um 4,7 Prozent gestiegen (2014: plus 7,6 Prozent; 2013: 60,5).

Laut statista.com lagen Hörbücher 2015 bei 3,7%.

Ergibt sich logisch die Schlussfolgerung, dass der Eintritt der Literatur in die digitale Welt nicht unweigerlich auch die nächste Evolutionsstufe ist? Was wäre denn dann die nächste Stufe der Entwicklung hin zu besserer Qualität, Vielfalt und Verfügbarkeit?

Ich selbst bin keinesfalls der Meinung, dass gedruckte Bücher die Perfektion darstellen. Mich stören so einige Aspekte:

  • Ich muss immer mit beiden Händen zugreifen, da das Buch andernfalls zuklappt.
  • Ab einem gewissen Gewicht werden Bücher anstrengend in der Handhabung, erst recht für mich, der ich nur im Liegen wirklich entspannt lesen kann.
  • Externe Lichtquellen sind unumgänglich.
  • Jemand anderes als ich entscheidet über Papier, Schriftart und -größe und die Abstände zwischen Zeilen und Zeichen.

Gleicht man diese Liste mit digitalen Büchern ab, scheint die Lösung längst gefunden zu sein. Ich glaube nur leider nicht, dass die aktuellen Lesegeräte genau meine Lösung sind. Der Konsum von fiktionaler Literatur, die mir eine Erzählwelt unterbreitet usw., fühlt sich an einem elektronischen Gerät konsumiert nur wie eine Simulation an. Ich habe Lovecrafts „The Rat in the Walls“ am Smartphone gelesen. Die Erzählung bliebt mir als großartig im Gedächtnis, die Art der Einnahme nicht, obwohl ich durchaus zu schätzen weiß, dass ich nur eine Hand brauche, das Buch sein eigenes Licht in sich trägt und ich bestimmen kann, wie der Text vor mir gestaltet ist. Irgendetwas am digitalen Lesen lässt mich schneller als gewohnt lesen, treibt mich vorwärts, versetzt mich in eine geheime Eile.

Ich lesen viele digitale Comics, denn hier hat der Faktor der Verfügbarkeit dank comiXology einen hohen Stellenwert. Ich kann sehr viel schneller und leichter Comics erstehen als über den Weg, eine physische Ausgabe zu kaufen. Zudem haut comiXology in letzter Zeit eine Verkaufsaktion nach der andern raus, sodass ich teilweise nur ein Drittel des eigentlichen Preises zahlen, womit sich gedruckte Ausgaben nicht messen können. Auch bei digitalen Comics bemerke ich, dass ich zügiger lese, weniger lange verweile und wegen der „Guided View“-Lesart (mir wird Panel für Panel nacheinander gezeigt, gelegentlich wird auf Sprechblasen gezoomt) nicht mehr die ganze Seite als Komposition aus Panels betrachte.

Was heißt das? Es ist fast so als gelte „Papier ist geduldig“ auch als Außenwirkung auf mich. Papier macht mich geduldig, lässt mich gemütlicher, ruhiger lesen, auch mal verweilen.

Zurück zur Fragestellung: Wie sieht der nächste evolutionäre Schritt für das Buch aus? Seit ein paar Tagen verfolgt mich eine Werbeanzeige für ein Tablet, das sich wie Papier anfühlen soll, hinterher. Die digitalen Vorteile im teilweisen Gewand des klassischen Mediums? Auch beim Papier-Tablet hält man einen Bilderrahmen aus Kunststoff in der Hand. Klassische Bücher sind biegsam – verglichen mit Flachbildschirmen, Tablets und Smartphones fast schon geschmeidig und sanft.

Warte ich also unbewusst auf das digitale Papier, das sich rundum anfühlt wie ein klassisches Buch, aber so flexibel und modern ist wie die digitale Welt? Ich weiß es nicht, ich habe nicht das Gefühl, auf das bessere, weiterentwickelte Buch zu warten und mein Gespür sagt mir, dass es einem Großteil der übrigen Bevölkerung ähnlich geht. Digitales Lesen ist eine interessante Sphäre der Experimente und voller Potential, Neues zu probieren. Es mag aber einfach der Fall sein, dass hier eben nicht der nächste evolutionäre Schritt des Lesen liegt und sich durchaus aus die frage gestellt werden darf, ob eine Weiterentwicklung des Buches erwünscht ist. Wenn wir auf die drei Aspekte Qualität, Vielfalt und Verfügbarkeit schauen, ist als erstes zu hinterfragen, wie sich objektive Qualität bemisst und ob diese noch verbessert werden kann.

Was ist ein objektiv gutes Buch? Es fühlt sich gut an, lässt sich gut handhaben, erschwert das Lesen nicht unnötig, was Papierfarbe und alles rund um Schrift und Schriftsatz angeht. Kann man diese Faktoren objektiv bemessen, so wie man die Qualität eines hochauflösenden Bildes oder den Klang unkomprimierter Musik messen und mit schlechteren Varianten vergleichen kann?

Man findet Listen und Empfehlungen für besonders geeignete Schriftarten, aber nicht die Industrienorm für höchste Qualität.

Betrachten wir die anderen beiden Faktoren, lassen sich objektive Kriterien spielend einfach anwenden. Klassische Bücher stehen kaum für Vielfalt oder Verfügbarkeit, wie sie von den Entwicklungen des Films und der Musik definiert worden sind. Natürlich gibt es mehr als eine Version eines Buches, aber dies ist nicht garantiert und nicht von jeder weiß man oder nicht jede kann man auch einfach heranbekommen. Als Student hatte ich mal eine Ausgabe vom „Ulysses“ gesehen, welche angeblich für ihre Gestaltung ausgezeichnet wurde, sie mir damals aber nicht leisten wollen. Immer wieder habe ich an sie gedacht, aber nicht gewusst, wonach ich genau suchen musste. Vergangenes Jahr habe ich sie einfach im Regal vom Osiander gesehen und sofort gekauft. Das spielt auch schon auf den Aspekt der Verfügbarkeit an. Ich tippe diese Zeilen an einem Sonntag. Den nächsten Bücherladen werde ich erst morgen ab schätzungsweise 9 Uhr aufsuchen können. Meine Alternativen, um an ein physisches Buch zu kommen, das ich nicht besitze, wären Bekannte in derselben Stadt oder einer der hiesigen Bücherschränke. Die Frankfurter Zentralbibliothek hat heute geschlossen.

Die Evolution des Buches ist eine gänzlich andere Entwicklung als die anderer Formen breit konsumierter Kunst (oder eher Unterhaltungskunst). Vielleicht halten sich die Bücher, in denen ich lese, länger als die Bücher, in denen meine Eltern und deren Eltern lasen, als sie in meinem Alter waren. Vielleicht sind die Bücher, in denen ich lese, ökologisch bewusster hergestellt. Es nach wie vor Bücher. Das Medium hat sich nicht grundlegend gewandelt – obwohl die Menschheit spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in eine Phase der enormen Weiterentwicklung von Massenmedien eingetreten ist. Das Unweigerliche ist scheinbar am Buch vorübergegangen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.