Transparenzoffensive 2017

Dank (empfunden) schlauer Technologien haben wir einen oft beschworenen Grad enormer Vernetzung erreicht. Im Falle reflektierterer Besprechungen dieses Themas wird passenderweise auch angemerkt, dass die Vernetzung rein technisch gesehen stark entwickelt ist, dennoch aber nicht in gleichem Maße für ein starkes zwischenmenschliches Verständnis von einander steht. Anders gesagt: wir erreichen einander leichter als jemals zuvor und können direkter und umfassender kommunizieren, haben mit diesen Mitteln aber keine offenere, intimere, ehrlichere Umgangsweise oder Verwebung untereinander geschaffen. Ich zumindest empfinde kein Vorhandensein einer durch die digitale Vernetzung neu entstandene engere Verbundenheit um mich herum oder zwischen mir und anderen.

Unterschieden werden muss hierbei zwischen zwei Ebenen neu geschaffener Vernetzung: die öffentliche Vernetzung durch Portale wie Facebook, Twitter, Instagram usw. und die direkte Vernetzung durch alle Formen der Direktnachrichten wie über WhatsApp oder die Module innerhalb der bekannten Portale.

Was die direkte Vernetzung angeht, muss an und für sich jeder selbst eine Diagnose für seine eigene Situation stellen. Für mich persönlich sind Direktnachrichten aus reinem Text zu unpersönlich und Videoanrufe kommen nur vereinzelt und mit vorheriger Terminabsprache vor. Das Ergebnis entspricht dann einem Kaffeekränzchen erweitert um die permanente Frage, ob ich auf den Bildschirm oder in die Webcam gucken soll.

Was die öffentliche Vernetzung angeht, ist eigentlich nur logisch, dass allein die Anwesenheit eines neuen Mediums keine neue Art der intersubjektiven Kommunikation schaffen würde. Öffentlichkeit bedeutet auch Erwünschtheit bestimmter Verhaltensweisen, Erscheinungen, Handlungen, Meinungen usw.

Es gilt, möglichst viele positive Merkmale auf sich zu vereinen: interessante Entdeckungen machen, traumhaften Urlaub erleben, spannende Gedanken denken, unvergessliche Feste feiern. Das alles ist aber nur das ganz oben sorgfältig abgeschöpfte Sahnehäubchen unserer Mitmenschen und Content-Lieferanten. Nur das beste Foto wird veröffentlicht, nur der exotische Urlaub. Während der Silvesterfeier in der Unionhalle Frankfurt wurde ich Zeuge, wie eine gemischte Gruppe auf der Tanzfläche minutenlang Fotos von sich machte, mit wechselndem „Fotografen“, damit jeder mal mit drauf ist – immer schön in Pose, immer schön gestellt. Hauptsache gutes Vermarktungsmaterial. Nichts anderes wird nämlich in der digitalen Öffentlichkeit betrieben: Vermarktung der Figur, die wir nach außen und vor allem ans digitale Publikum präsentieren. Das sind nicht wir, das ist ein gemachtes, immaterielles Konstrukt, das Substrat diverser Anstrengungen, bestmöglich anzukommen.

So war es eigentlich schon immer, nur jetzt haben wir die Mittel, viel leichter diese Vermarktungsinhalte zu erstellen und vor allem zu verbreiten.

Das erzeugt den Druck, am Ball zu bleiben, das eigene „Niveau“ zu halten. Es geht nicht um Kommunikation, es geht um Präsentation. Ende 2015 sorgte genau dieser Druck bei einer bis dahin nach geltenden Maßstäben erfolgreichen Instagram-Nutzerin für einen öffentlichen Eklat: http://www.stern.de/lifestyle/leute/instagram-model-essena-o-neill–die-traurige-wahrheit-hinter-den-bildern-6535156.html

Aber auch bei Rezipienten hat die Marktplatzdynamik negative Effekte: „Jedes Mal, wenn ich Facebook oder Instagram gecheckt habe, kamen mir Erfolgsmeldungen aus meinem Umfeld entgegen. Ich hatte das Gefühl, das Leben geht ohne mich weiter, alle sind glücklich außer mir.“ – Kati Krause, Quelle: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/depression-und-social-media-facebook-war-gift-fuer-mich-a-1089834.html

Was macht man nun aber aus all dem? Seit Tagen überlege ich auf dem Begriff „Transparenzoffensive“ hin und her. Mir geht es auf keinen Fall darum, auf einmal alles noch so Profane, Urmenschliche mitzuteilen, um möglichst gegen den Strom zu posten. Vielleicht stelle ich mir auch etwa ganz anderes darunter vor – ganz unabhängig von digitaler Kommunikation. Vielleicht will ich einfach mehr Verständnis durch mehr Transparenz schaffen, denn ich spüre sehr deutlich, dass in unserer modernen Kommunikationskultur sehr viel weggelassen wird. Vieles wird in Form kleiner, reduzierter Portionen ohne Kontext präsentiert – eben wie in der Vermarktung üblich ohne eine Ablenkung von der Kernaussage. Kontext ist zwischenmenschlich gesehen aber sehr wichtig und muss stärker transportiert werden, wie gesagt nicht nur in Netzwerken oder Kurznachrichten, einfach ganzheitlicher, indem man dem Gegenüber einen sinnvoll erweiterten Einblick in die eigene aktuelle Situation gibt. In meiner Vorstellung wird Kommunikation dadurch plastischer, nachhaltiger und wertiger.

Eine überzogene Variante hiervon ist mir schon mindestens zweimal hier in Frankfurt aufgefallen, beide Male war es jeweils ein Herr, dessen Wurzeln man in Richtung Orient vermuten würde. Beide Male brauchte der jeweilige Herr die Hilfe eines anderen und beide Male wurde der komplette Hergang der aktuellen Situation schnell aber ausführlich geschildert, mit scheinbar unbewusstem Augenmerk darauf, dass der jeweilige Herr nichts für seine Lage konnte und der vorliegende Fall auf keinen Fall eine Lapalie sei, die er hätte einfach so und ganz allein lösen können. Beide Male war der Kontext eher unwichtig für die Lösung des Problemchens, wurde aber dennoch komplett ausgerollt. Wahrscheinlich eine kulturelle Angewohnheit – darum mein Hinweis auf die möglichen Wurzeln der Herren. Für mich und meine Prägung war der Kontext beide male völlig überflüssiger Ballast, auch wenn ich gestehen muss, dass das Problem jeweils doch irgendwie wahrhaftiger und plastischer dadurch wurde.

Ein wenig mehr Kontext, ein wenig weniger Vermarktung. Klingt alles sehr schön, sehr kommunikativ, sehr menschenfreundlich. Was davon machbar ist, ist nun die Frage, ebenso ob ich selbst einfach mal eine solche Linie fahren will oder kann.

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