Musikdienstleister

Erst wenige Nächte liegt es zurück, dass mich mein Weg in ein hiesiges Musiklokal namens „The Cave“ führte und ich schwanger von Bier nach lauter Musik und gleichgesinnter Gesellschaft strebte. Einige Lieder und ein weiteres Bier später entspann sich eine sehr oberflächliche Interaktion mit einer Dame, deren Anwesenheit gleichsam motiviert war wie meine. Nur schien sie nicht bedingungslos begeistert von der Musikauswahl der DJane und auch ein paar meiner spontan abgesetzten Musikwünsche schienen da nichts zu helfen. Zu meinem Glück ließ sich mit einem Wort eine mögliche Lösung explizieren: „Rammstein!“

Das war dann also der Dame sehnlicher Musikwunsch, den ich flugs zur Meisterin an den Plattentellern trug, freudig gleich der Problemlöser zu sein und dieser noch nicht wirklichen Bekanntschaft vom Start weg eine positive Richtung zu geben. Ich bat also um Rammstein und erhielt prompt die sehr resolute Antwort, dass die DJane Rammstein hasse und auf keinen Fall auflegen werde. In diesem Moment, den ich vorletzte Nacht zum Glück zu betrunken und zu sehr auf etwas anderes fokussiert war, um ihn ausführlich zu durchdenken, wurde in meiner Wahrnehmung eine  meiner Grundannahme über DJs verneint. Brutal überspitzt gesagt kann man einen DJ als den zuständigen Dienstleister für die allgemeine musikalische Bespaßung sehen. Aus diesem Grund gehen Gäste ans Pult und setzen Wünsche ab, so wie ein Restaurant-Besucher dem Kellner seine kulinarischen Wünsche mitteilt. Ein Kunde-Dienstleister-Verhältnis.

Ist nun aber ein DJ wirklich der Kellner im Club? Auch Restaurants überlassen die Wahl des Gastes keiner absoluten Willkür. In einem italienischen Restaurant kann man nicht einfach Sushi bestellen und eine reibungslose Erfüllung verlangen. Serviert wird nur, was auf der Karte steht (oder mit ausreichend Vorlauf vereinbart wurde). Ist der DJ der Küchenchef, der die Karte zusammenstellt und Gerichte aufnimmt oder streicht?

Das Produkt, das ein DJ anbietet, ist Unterhaltung, also eine Form der Stimulanz in den Rezipienten. Gleichsam tun dies Komponisten, Maler, Regisseure etc. – also Künstler. Der künstlerische Schaffensakt gilt für viele als intimer Vorgang und regelrecht heilig. Kein freier Künstler lässt sich diktieren, wie sein Werk zu sein hat. Kein Musiker lässt sich vom Endverbraucher sagen, welche Reime er zu texten hat, welche Instrumente am lautesten sein sollen oder welche Tonart zu spielen ist. Ist ein DJ also ein Künstler, dessen Freiheiten zu achten und zu respektieren sind, auch wenn es bedeutet, dass ein bestimmter Interpret als Tabu gilt?

Ich beziehe mich hierbei nur auf die lieben Leute, die in kleinen bis mittelgroßen Lokalitäten die Themenabende beschallen und nicht etwa auf große Namen, die auf Festivals ganze Hallen versorgen und v.a. für einen eigene Sound und Stil bekannt sind. Mir geht es um die Discotheken, Clubs und Musiklokale mit ihren wiederkehrenden Themen-Abenden und stadtbekannter Konfiguration an Publikum und Stilrichtungen. Sind diese DJs dazu berechtigt, eine persönliche Präferenz oder Abneigung bedingungslos in ihre Tätigkeit einfließen zu lassen? Zur Erinnerung: Ich habe mir in einem Rockmusik-Keller die Band Rammstein gewünscht, also keine bizarre, völlig gegen das Ambiente gehende Musik. Hätte die Antwort gelautet, dass die DJane Rammstein nicht dabei hat, wäre dieser Text niemals entstanden, aber ich glaube, dass „nicht dabei“ auch eine aussterbende Ausrede ist aus der Zeit, in der man Plattenkoffer mit sich schleppte, wenn man aufzulegen hatte.

Was ist nun meine Meinung zu dem Thema? Ich finde es legitim, dass DJs Grundsätze haben und auch persönliche Geschmäcker in ihr Wirken einfließen lassen. Immerhin ist das auch ein Grund, weshalb ein wirklicher Mensch am Pult steht und ich mag es, wenn ich im Laufe des Abends merke, was der DJ im Moment oder einer bestimmten Phase des Abends vorhat. Öffnet man sich aber für Wünsche und lässt sie generell zu, dann muss man auch damit rechnen, dass nicht jede Anfrage den eigenen Vorstellungen entspricht. Was hätte die DJane getan, wenn sich nach mir noch zwanzig andere ebenfalls Rammstein gewünscht hätten? Sind unsere Gesuche an den DJ überhaupt berechtigte Forderungen an jemanden, der sich daran zu orientieren hat oder sind sie schon immer nur Bitten gewesen, die ein jeder Musikverwalter frei nach eigener Willkür annehmen oder abschmettern darf?

Ich verlange von keinem DJ, dass er jeden Wunsch bringt, aber er sollte sie in Betracht ziehen und mit seinem Plan für den Moment oder den Abend abgleichen. Etwas rigoros abzuschmettern wirkt unprofessionell, wenn man es mit einer rein subjektiven Abneigung begründet. DJs sind keine Marionetten, aber sie sind immer trotzdem auch situative Dienstleister und sollten daher immer ansprechbar bleiben und eine Aura der Aufgeschlossenheit ausstrahlen. Zur Jukebox werden sie dadurch noch lange nicht.

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