Ganz kurz was über die AfD und unser Wahlensystem

Die AfD hat bei den vergangenen Wahlen Achtungserfolge eingefahren und wie immer wird sich hinterher über soetwas echauffiert. Natürlich hat ihnen die Flüchtlingskrise eine Steilvorlage geliefert. Reaktionäre Parteien wie die AfD werden immer wieder mal von einer Welle der Wogen des Weltgeschehens nach oben getragen. Was die Aufreger in meinen Augen aber nie stark genug in den Fokus ihrer Aufregerei stellen, ist der Mechanismus der Wahl dieser Parteien. Zu verurteilen waren die Inhalte der AfD schon vor der ersten Stimmabgabe. Dass es eine Vielzahl an Mitbürgern gibt, die ihr Recht auf politische Mitbestimmung nicht gegen die AfD gebraucht haben, ist das Problem.

Der demokratische Mechanismus gibt (auf dem Papier) allen Ideen die gleiche Chance. Demokratie bedeutet, dass von unten entschieden wird, wer oben an den Hebeln sitzt. Ich würde daher tendenziell nicht auf jene feuern, die gewählt werden wollen sondern auf deren Wähler und die Nicht-Wähler. Auf dem Papier erscheint das Konzept nämlich idiotensicher:

Ich vertrete einen radikalen Silentismus. Stille ist das höchste Gebot. Kein Mensch und keine Maschine darf eine feste Dezibel-Grenze übersteigen. Alles muss auf die physikalisch leiseste Variante umgebaut und umgeformt werden. Meine Nation soll absolut Zen sein. Eine 81-Millionen-Einwohner-Bibliothek.

Dass diese Haltung Wahnwitz darstellt, sollte außer Frage stehen, dennoch erlaubt mir die Demokratie, für mich und meine Ideen zu werben und andere Menschen dazu aufzurufen, mich zu wählen. Ich darf mich aufstellen lassen und aus meiner Ein-Mann-Kampagne eine Partei schaffen, Mitglieder rekrutieren und in den politischen Betrieb einsteigen. Ich darf gewählt werden und nun kommt der mathematische Kniff, den keiner wirklich ernst nehmen will: Die halbe Nation hat keine Lust aufs Wählen und somit verschiebt sich das relative Verhältnis der absoluten Stimmabgaben drastisch zu meinen Gunsten. Ich mit meiner radikalen Irrsinns-Idee habe gleichsam radikal denkende – oder zumindest empfindende – Wähler angelockt, die berauscht von der Chance auf einen extremen Umbruch zugunsten ihrer sonst belächelten, beschimpften, belachten Meinung auf jeden Fall wählen gehen. Hinzu kommen einige, die wählen wollen, aber unzufrieden mit dem typischen Angebot sind und keinen Nerv für eine ausführliche Sichtung von Parteiprogrammen haben. Ihnen reicht entweder der Überdruss als Push-Faktor oder eine ganz schnaffte klingende Parole aus meinem Lager als Pull-Faktor und der Käse ist geschnitten.

Während dieses gesamten Prozesses, von meiner ersten Eingebung für den radikalen Silentismus bis hin zum Wahlerfolg, ist eigentlich allen klar, dass man sowas nicht als Grundlage für eine Gesetzgebung heranziehen sollte. Dennoch setze ich mich durch und werde neuer Gottkaiser der Stille, denn das Volk hat es nicht verhindert. Ganz recht, „nicht verhindert“ statt „so gewollt“. Mehr als offensichtlich gab es viel mehr Bürger, die mich nicht gewählt haben (sondern andere Parteien oder eben gar nicht) als jene, die mich wirklich gewählt haben. Das System hat mich dennoch gewinnen lassen. Es waren nicht genug Wähler aktiv gegen mich und gezählt werden nur abgegebene Stimmen. Wie stark man gegen mein Gedankengut schon viel eher, viel stärker oder viel besser hätte vorgehen müssen, ist eine andere, viel schwerwiegendere Frage der moralischen Kulturlandschaft. Aktiv vermeiden, dass mich überhaupt jemand hätte wählen wollen? Das klingt nicht nur anstrengend, das ist es auch. Während einer langwierigen Kultivierung einer entsprechend aufgeklärten Sicht- und Denkweise muss dann eben einfach von Wahlgang zu Wahlgang sichergestellt werden, dass meine Stimmen kein Gewicht haben. Man muss nichtmal Interesse an oder Lust auf Politik haben. Es reicht völlig aus, nicht zu wollen, dass einer wie ich dem Land den Mund verbietet. Zu spät.

Und jetzt Ruhe im Staat! Der Gottkaiser hat gesprochen.