Lesen

Ein seit Ewigkeiten anhaltender Trend, an den sich anscheinend jeder früher oder später hängt, ist Buch-Propaganda. Lesen ist toll, lesen ist ruhig, harmonisch, kultiviert, magisch usw. Bilder von Bibliotheken, Buchhandlungen, persönlichen Lese-Nestern – das alle gern auch garniert mit sinnhaft gemeinten Sprüchen, dass Lesen eine unendliche Welt phantastischer Geschichten und wertvollster Nahrung für Herz und Hirn sei, den Horizont erweitere und so weiter.

So. Ein. Scheiß.

Bücher sind ein Medium. Medien transportieren (in diesem Fall) Inhalte. Inhalte können schlecht sein, gradeweg beschissen oder sogar gefährlich, was charakterliche, psychologische, soziale oder humanistische Bildung angeht. „Mein Kampf“ ist auch ein Buch. Es sollte klar sein, worauf ich hinaus will. Die Buch-Propagandisten ignorieren, dass es Bücher gibt, die man meiden sollte. Wahrscheinlich gehen sie davon aus, dass Faschisten keine gemütlichen Menschen sind, die sich auch gern mal mit einem arischen Tee in ihre Kuschelhakenkreuzdecke eingewickelt einer rassistischen Lektüre widmen.

Ich will mich aber nicht rein auf dieses übermäßig polemische Beispiel versteifen. Ganz unabhängig davon gibt es eine Masse an Büchern, die nicht gelesen werden sollte, aus verschiedenen Gründen. Ein Buch einfach als „schlecht“ zu bezeichnen, funktioniert nicht als Argument, denn ein solches Urteil ist rein subjektiv und ich will auf keinem Fall irgendwem verbieten, einer für sie/ihn erquicklichen Lektüre nachzugehen. Ich würde eher von schädlichen Büchern reden, von Büchern, die ungesunde Weltbilder oder Konzepte, vielleicht sogar Ideologien, vermitteln. Das können ganz kleine Verfehlungen sein, z.B. falsche Vorstellungen von Liebe, Freundschaft, Romantik usw. (also abstrakten Ideen) oder gesellschaftlichen Konstrukten wie der Rolle der Frau, dem Zusammenleben verschiedener Kulturen oder der Haltung Staatsorganen gegenüber.

Die Palette ließe sich durch reine Aufzählung schier ewiglich erweitern. Wichtiger als eine imposante Liste ist mir folgender Grundgedanke: Ich meine hierbei keine offen an den Leser adressierte Propaganda, sondern jede Form von Literatur. Auch eine zu Tränen rührende Romanreihe über eine junge Dame und ihren Vampirliebhaber kann ungutes Gedankengut pflanzen, wenn sie ein übermäßig devot-passives Frauenbild zeichnet. Hier wird indirekt geschildert, wie etwas zu sein hat, erst recht, wenn dadurch ein „Happy End“ herbeigeführt (also herbeigeschrieben) wird. Nicht jeder reflektiert kritisch über die präsentierten Konzepte der aktuellen Lektüre, aus Mangel an Reflektionsvemögen oder einfach aus Mangel an Lust. Unterhaltung soll ja schließlich unterhalten.

Ich weiß, dass mein Grundgedanke eigentlich eine längere Diskussion darüber nach sich ziehen muss, was unter „gut“, „schlecht“, „schädlich“, „nützlich“ etc. zu verstehen ist, denn so richtig gelandet ist der Adler andernfalls nicht wirklich, aber noch weiter will ich mich nicht vom Ursprung der Sache entfernen.

Wir fassen daher zusammen: Die Glorifizierung vom Lesen an sich ist in meinen Augen zu pauschal gedacht und gesprochen, denn ein Medium ist nicht mit seinen Inhalten gleichzusetzen. Verkehrt man die pauschale Glorifizierung in eine pauschale Verteufelung landet man übrigens bei Computerspielen. Hier würden wir doch auch nicht jedes Spiel als verdummend und verrohend abstempeln – wenn wir uns nur halbwegs reflektiert mit den Inhalten dieses Mediums befassen.

Propagiert nicht einfach das Lesen! Propagiert großartige Bücher!

Systemakteure

Kassandra steht also beispielhaft für ungünstige Vohersagen, die immer wieder tatsächlich eintreffen; gemessen an den Fakten schien es, als wären die linksliberalen Journalisten von der gleichen Blindheit befallen wie die Trojaner – was in der Geschichte auch nichts Neues wäre: Dasselbe könnte man über die Intellektuellen, Politiker und Journalisten der 1930er Jahre sagen, die einhellig davon überzeugt waren, dass Hitler »schon zur Vernunft käme«. Wahrscheinlich ist es für Menschen, die in einem bestimmten sozialen System gelebt und es zu etwas gebracht haben, unmöglich, sich in die Perspektive solcher zu versetzen, die von diesem System nie etwas zu erwarten hatten und einigermaßen unerschrocken auf seine Zerstörung hinarbeiten.

– Michel Houellebecq, Unterwerfung

Feeds

Wenn ich mich durch Massen alberner Posts scrollen möchte, betrete ich hierfür einen separaten Raum – wie ein Raucher, der sich auf die Terrasse verzieht, weil es sich inzwischen einfach so gehört. Dort ist er unter anderen Rauchern, kann sich eine schnorren, anderen Feuer geben und im dedizierten Bereich fürs Rauchen genau dies tun und alle Anwesenden stimmen dem getroffenen Kodex zu, dass hier geraucht wird.

Meine Albernheitsdosen hole ich mir auf 9GAG und Tumblr ab. Erstgenanntes Netzwerk besteht zu über 95% aus spaßrelevantem Inhalt und gibt sich dabei nicht zu viel Mühe, eine Art von Niveaugrenze einzuhalten, was einen ganz besonderen Reiz darstellt. Auf Tumblr hat der Humor, zumindest in meinem Feed, gern mal etwas Hintergründiges an sich. Beide bieten mir also ganz eigene Vorteile und Geschmacksrichtungen. Beide Plattformen haben auch eigene Bewertungssysteme. 9GAG arbeitet sehr puristisch mit Up- und Downvotes und auf Makroebene mit den drei Streams „Hot“, „Trending“ und „Fresh“, Tumblr bietet Herzchen und Reblogs für Wertschätzungssignale und Streueffekte an.

Beide Plattformen haben also Logiken des Weiterreichens: auf 9GAG wird ein „Fresh“-Beitrag durch Upvotes „Trending“ (wo ich mich aufhalte) und durch weitere Upvotes dann „Hot“.

Auf Tumblr vertraue ich meinem von mir selbst zusammengestellten Feed, dass er mir Inhalte zeigt, die mich interessieren dürften. Das ist eine über Jahre organisch gewachsene Konfiguration.

Der krasse Untereschied zu Facebook ist nun also, dass ich auf beiden genannten Kanälen eine Art qualifizierter Vorauswahl der Inhalte erfahre. Diese Qualifiziertheit geht auf Facebook völlig verloren. Dort lässt der Newsfeed-Algorithmus in seine Betrachtungen einfließen, dass die reine „Freundschaft“ mit anderen Personen deren Likes als Faktor qualifiziert, mir die gelikten Inhalte in meinen Feed zu hieven.

Dem ist nicht so.

Es gibt eine Unzahl an oberflächlichen, schlechte gemacht und dem Trend viraler Gags hinterher laufenden Seiten und diese Seiten mit ihren dummen, uninteressanten, unlustigen oder längst durchgenudelten Inhalten werden mir von Einzelpersonen-Langeweile-Likes in den Feed gespült, was niemand wollen kann. Also blende ich mehr aus als dass ich selbst irgendwas like.

Notwehr.