Digitaler Überdruss

Ich bin online, nahezu immer – oder zumindest immer in der Nähe einer digitalen Schnittstelle in die unendlichen Sphären der Online-Welt. Ich arbeite online, ich lebe und erlebe privat online und bin mit vielen Dingen regelrecht organisch verwachsen. Gern sage ich scherzhaft zu Kollegen, dass man immer „in Posts denken muss“. Immerhin bin ich Social Media Manager.
Beruflich hantiere ich mit Programmen wie Mail, Chrome, Safari, Kalender, dem ganzen verdammten Office-Paket uvm. Hinzu kommen Online-Dienste wie Facebook, Twitter, Instagram, YouTube, LinkedIn, Trello, Google Drive. Mein Diensthandy ist ein iPhone 6 mit aktuell 84 installierten Apps. Privat nutze ich ein Nexus 5 mit aktuell 61 Apps. Außerdem besitze ich einen privaten Laptop und eine PS4 mit wiederum eigene Apps, von denen ich aber eher nur den Store benutze.
Dass ich in einer Masse aus Geräten, Programmen, Apps (als geläufiger Begriff für konkret mobile Anwendungen), Websites und Netzwerken existiere, sollte per se keine übermäßige Schwierigkeit darstellen. Mein Denken und Leben ist ja genau hierher gewachsen und von mir gelenkt worden. Meine prinzipielle Einstellung zu all dem ist auch nach wie vor eine optimistisch-konstruktive. Ich stelle nur nach und nach stärker fest, wie im Speziellen und Allgemeinen mein Überdruss wächst. Es sind jeweils ganz eigene Phänomene, die mich stören und an dieser Stelle einfach mal artikuliert werden müssen, denn ich denke, dass sie alle eines gemeinsam haben: Unsere Werkzeuge und Mittel haben sich nicht so stark und schnell entwickelt wie unser (und mein) immer stärker professionalisierter Einsatz dieser Werkzeuge und Mittel.

Los geht’s.

Facebook
Ich bin extrem oft und viel auf Facebook, mittlerweile fast nur noch beruflich, um meine Nerven zu schonen. Beruflich starre ich als Admin mehrerer Seiten fortwährend auf schlecht oder gar nicht ladende Facebook-Seiten und deren Moderations-Oberflächen, auf defekte Werbenanzeigen-Manager und stockende Power Editoren. Meine eigenen Direktnachrichten werden mir als ungelesen gemeldet. Reagiere ich auf eine Meldung, dass mein Post kommentiert wurde, werde ich zum Post gleitet – nicht zum Kommentar. Scrolle ich alle Kommentare manuell ab und lese sie, werden die Meldungen zu neuen Kommentaren nicht als gelesen markiert.
Privat sehe ich auf Facebook eine steigende Masse an in mein Feed gelikten Artikeln und Nonsens von Fan-Seiten. Der Anteil echter privater Entdeckungen und Hinweise auf etwas möglicherweise Relevantes schwindet. Als erste Gegenwehr habe ich gestern meine eigenen Likes für Seiten entschlackt. Wenn ich zwischendurch mal Zeit und Nerven habe, gebe ich „weniger von … anzeigen“-Feedback.

Twitter
Am Android darf ich mir immer den Daumen ausrenken, wenn ich auf mein Haupt-Feed wechseln oder dieses aktualisieren will, denn der Button dafür ist ganz links oben. Außerdem wird nicht jeder Link als Vorschau angezeigt, manche aber schon. Auf halbgare Funktionalitäten kann ich verzichten. Twitter als Unternehmen drückt böse auf das Thema Monetarisierung und fährt seine Bemühungen, Werbekunden zu befriedigen hoch. Ich merke das durch immer öfter auftretende gesponserte Tweets, jetzt auch auf Tweet-Detailseiten. Thematisch haben diese gesponserten Tweets selten bis nie etwas mit meinen Interessen zu tun. Das Targeting stinkt.
Inhaltlich stelle ich mehr und mehr ein Ungleichgewicht zwischen interessanten Menschen und hoffentlich interessanten Institutionen fest. Die Institutionen (Redaktionen, Ämter, Verkehrsbetriebe u.ä.) fegen ihre Neuigkeiten nur so raus, da kein Algorithmus bei Twitter eine zu hohe Frequenz bestraft und ganz ehrlich Twitter ja auch genau von der hohen Frequenz, der leichten Bedienbarkeit und der Unmittelbarkeit lebt. Nur zeigt sich in meinem persönlichen Feed ein fehlendes Gegengewicht meiner sozialen Followings. Die Menschen, denen ich folge, weil ich sie kenne und/oder mag, haben bei weitem keinen so hohen Output wie all die unpersönlichen Accounts, von denen Meldungen und Mitteilungen ausgehen. Viele meiner Personen-Followings sind reine Karteileichen und ich folge ihnen nur noch deshalb, weil sie vielleicht doch mal (wieder) twittern könnten.

Instagram
Mir fällt mehr und mehr auf, wie ähnlich wie auf Twitter jene Account, die eine konkrete Agenda verfolgen, Überhand nehmen. Natürlich ist es für einen Themen-Instagramer viel einfacher, Content zu produzieren als für eine sich frei umtuenden Privatperson. Instagramer zum Thema Essen lichten eben immerzu ihre Speisen ab und kommen unweigerlich zu neuen Posts. Cosplayer zeigen sich in Kostüm, Models posieren, Mode-Experten präsentieren Outfits usw. Dabei kocht jeder immer im eigenen Saft und ich kann den aktuellen Post kaum noch von seinen zweihundert Vorgängern unterscheiden.

Dies sind die drei Netzwerke, in denen ich mich am häufigsten bewege. Gemeinsames Symptom ist offensichtlich, dass die persönlichen Inhalte abgenommen haben und Mitteilungen („Hier der neueste Post zu den typischen Themen auf die ich mich / wir uns festgelegt habe/n.“) eher oder deutlicher redaktioneller Art vorherrschen. Der soziale Faktor fehlt, das Unberechenbare, die kleine charmante Neuigkeit eines bekannten Mitmenschen oder einfach nur eine Meinung zu einem Film, ein Wortwitz, eine Beobachtung.
Am besten bekomme ich das Private, Raue, Unvorhersehbare noch bei Tumblr geboten, leider von völlig Fremden, aber immerhin weiß ich auf Tumblr nie, was mich als nächster Post erwartet. Es kann politisch, künstlerisch, anzüglich, strunzdumm, philosophisch und alles und nichts auf einmal sein.

Ganz allgemein sprechend kommt immer auch noch hinzu, dass nichts wirklich reibungslos abläuft. Immer ruckt und ruckelt es irgendwo, weil sich die Website nicht mit dem Browser verträgt oder die App erst den GPS-Sensor aktivieren muss oder das WLAN-Signal von der Kaffeebar drei Straßen weiter mein Signal stört oder PowerPoint einfach ein saudummes Programm ist, das mir einen Wasserball wirft, weil ich ein einziges gelöschtes Wort mit CMD+Z wiederherstellen möchte.
Alles ist defekt, nicht ist perfekt. Dennoch lastet hierauf mein berufliches und privates Leben. Ich will und muss mich extrem zielsicher in allen Programmen auf allen Geräten bewegen können – und kann das nicht immer. Ich will immer den bestmöglichen und vor allem interessantesten Output für mich persönlich erfahren und tue das nicht.
Ich gehe oft schon mit negativen Erwartungen in ein Netzwerk oder öffne ein Programm: „Jetzt wird wieder die Geduld strapaziert“ und 20s später: „War ja klar.“

Die Werkzeuge bieten keine Wertigkeit und die Netzwerke keine persönliche Relevanz.

Da ich der beruflichen Verpflichtung nicht entgehen kann und im Dienste meiner Sache weiterhin mit Dingen, Netzwerken und Accounts arbeiten muss, sollte ich vielleicht das Privatleben zu entdigitalisieren lernen. Das wird nicht einfach.

Glücksspiel

Es mag eine Weile gedauert haben, bis die Erkenntnis mich ereilte, aber heute habe ich endlich ganz bewusst verstanden, welche Art von Spielen ich mag und nachfrage. Dadurch weiß ich jetzt auch, weshalb ich bspw. Quizduell so unglaublich ungern spiele. Es ist der Faktor Training. Ich will merken, wie mein eigenes Können größer wird und ich mich als Spieler verbessere. Das macht die FromSoft-Spiele aus und darum hänge ich wohl so hart auf ihnen fest. Und eben aus diesem Grund gibt mir Quizduell rein gar nichts, denn entweder habe ich das Wissen oder ich habe es nicht. Das Können wird nur abgefragt, aber nicht entwickelt.
Der Faktor der Unberechenbarkeit stört mich. Dann könnte ich genauso am Einarmigen Banditen stehen, denn dort habe ich auch keine Kontrolle über das Ergebnis. Mein Bruder steht auf Glücksspiele, warum auch immer. Er mag wohl den Kitzel, dass man keine Kontrolle hat und immer wieder überrascht wird. Oder er will keine Verantwortung für das Ergebnis übernehmen müssen.
Ich kann Glücksspiele nicht leiden. Es hat keine Vergleichbarkeit in sich, eignet sich nicht für eine sportliche Auseinandersetzung. Ich hab noch von keinem Olympia-Sieger im Würfeln gehört.
Wenn ich gewinne, war ich das dann oder der Zufall? Wenn ich einen Boss in einem FromSoft-Spiel lege, habe ich mir das erarbeitet, auch wenn manchmal RNGsus mir hold war.