Deadpool kills the Marvel Universe

Völlig unerwartet bin ich soeben auf ein Meisterstück des Zynismus gestoßen: „Deadpool kills the Marvel Universe“

Augenscheinlich handelt es sich um ein typischen Was-wäre-wenn-Szenario, wie es häufig mal vorkommt.
In meiner Wahrnehmung handelt es sich um eine typisch amerikanische Denkweise, Dinge nicht einfach so zu belassen, wie sie sind, sondern sich Varianten, Abwandlungen und Neu-Kreuzungen auszudenken. Im selben Suppentopf schwimmen übrigens auch die „X vs. Y“-Spielereien, da man ja auch unbedingt wissen muss, wer einen Zweikampf gewinnen würde, Superman oder der Weihnachtsmann.

Vor gar nicht allzu langer Zeit las ich „Punisher kills the Marvel Universe“. Damals erfand man einen Virus, der alle Marvel-Helden befiel und sie evolutionär Rückschritte machen ließ, sodass alle zu aggressiven Barbaren wurden, die der Punisher einem nach dem anderen erlegen musste. Wahrscheinlich aufgrund anhaltender Bitten und Wünsche der Fans wurde der gleiche Grundgedanke dann mit Deadpool wiederholt – aber nicht mit derselben Prämisse eines Virus, das den Protagonisten zum letzten klar Denkenden macht. Nein, ganz im Gegenteil.
Die inhaltliche Prämisse der Handlung ist nur Mittel zum Zweck einer zynischen Botschaft, wie ich sie so seit einer „Gespenster Geschichten“-Erzählung in meiner frühen Jugend bis dato kein zweites Mal so gut umgesetzt erlebt habe. Rein inhaltlich geht es darum, dass Psycho Man eine Armee aus Schurken und Killern aufstellen will, um eine Invasion gegen unser Universum zu fahren. Kandidat Nr. 1 ist Deadpool, dem er gehörig im Kopf herumpfuscht und ziemlich einfach dessen beide Stimmen ausknippst, zugunsten einer gänzlich neuen. Diese neue Stimme ist die bisher immer unter Zwie-Selbstgesprächen, wirren Gedankenstrudeln und Konzentrations-Unfähigkeit verschüttet gelegene Klarheit und Fokussiertheit Deadpools. Psycho Mans Eingriff sorgt nun schlagartig für Ordnung und Gewissheit in Deadpools Geist. Die Folge ist eine Mission der Vernichtung. Alle müssen sterben, schnell und eindeutig.
An sich klingt das unglaublich lahm und sehr amateurhaft an den Haaren herbeigezogen. Das wäre es auch, wenn wir mit Herrn Deadpool nicht einen ganz besonderen Kandidaten vor uns hätten. Um es besonders mystisch klingen zu lassen: Er weiß es!

Gemeint ist, dass Deadpool zu den wenigen Figuren (wie Animal Man, Ambush Bug und irgendwie auch Lobo) gehören, die sich darüber im Klaren sind, dass sie fiktive Figuren in fiktiven Welten darstellen und nur ihre Rolle spielen. Deadpool kam damit immer gut klar und den Fans gefiel es natürlich auch, dass der so schon durchgeknallte Killer sich auch noch auf ganz anderer Ebene über die Superhelden und -schurken lustig machen konnte.
Aber warum sorgt Deadpools plötzlicher Fokus für die Gewissheit, dass alle sterben müssen? Deadpools Meta-Wissen, seine Selbstgewissheit als fiktive Figur lässt ihn wissen, dass alles nur Komödie ist und nichts von Dauer oder Bedeutung. Es kann passieren, was will und schon in der nächsten Ausgabe kracht der Retcon herein und alles ist wieder beim Status Quo oder sogar noch langweiliger als vorher.
Um der Sache noch einen draufzusetzen, weiß er außerdem, dass er in einer Alternativgeschichte steckt, die sich nur darum dreht, dass er alle anderen umbringt. Er weiß also, dass dies nur ein Theaterstück von vielen ist und er dieses Mal nicht verlieren kann, denn sonst wäre es nicht „Deadpool kills the Marvel Universe“, der Freifahrtsschein.

Im letzten Duell mit Taskmaster erklärt Deadpool exakt auf den Punkt gebracht den Sinn seiner Mission: Er erlöst die Spielbälle davon, dass mit ihren Schicksalen und Gefühlen jongliert wird: „I can save us all from this endless cycle of continuity!“ proklamiert er, denn er weiß, dass es in dieser Geschichte keine wundersame Wiederauferstehung geben wird. Dies ist seine eine Chance, etwas endgültig zu beenden, nämlich diese Farce von einer Existenz, die auf Gedeih und Verderb auf das Gutdünken anderer ausgeliefert ist und immer etwas Sehenswertes darstellen muss, um interessant und verkaufsfähig zu bleiben.
Er hat dermaßen viel Gewissheit über seine einmalig außergewöhnliche „Erlaubnis“, dass er direkt aufhört, wirren Unsinn zu reden und stattdessen kristallklare Wahrheiten serviert. Sein Schlusswort zu Wolverine lautet: „Your tendency to come back from the brink of death has nothing to do with your healing factor. Your mutant power isn’t regeneration. It’s popularity.“
Eine beliebte Figur verkauft sich gut und wer würde eine solche Figur wirklich sterben lassen? Ein bisschen Drama hier und da, gern auch mal ein „Tod“, aber niemals wird man so ein Material komplett aus dem Markt zurückziehen. In der Welt von DKTMU kann Wolverine aber sterben, denn in dieser Geschichte abseits des Kanons ist alles erlaubt, was der Grundidee, dem Fan-Fetisch, dient: Deadpool macht sie alle kalt! Im Grunde hätte er auch im einem abgebrochenen Zahnstocher losziehen können. Deadpool tötet nicht mit seinen Waffen, sondern mit der Maßgabe, die ihm gewährt wurde und das spürt man immer wieder in der Erzählung. Teilweise erfolgen die Morde ohne Anstrengung und erst recht ohne Passion, ohne Nervenkitzel, ohne Mordlust – denn so spektakulär es an sich klingen muss, dass Deadpool auf einen Feldzug gegen alle, gut wie böse, loszieht und wirklich einen nach dem anderen umbringt, ebenso lasch und fahl ist das alles, denn Macher, Leser und Protagonist wissen, dass es nur eine Was-wäre-wenn-Welt ist. Rollenspiel, Maskerade, Prostitution.

Die absolute Krönung ist der Tod von Charles Xavier. Er stirbt nicht durch eine Gewalttat, sondern durch das Lesen Deadpools neuer, von Erkenntnis und Meta-Klarheit beherrschter Gedanken. Xavier will Deadpools Gehirn stilllegen und „betritt“ es, doch er ist seinem Geist in dieser neuen Form nicht gewachsen; eine Art Rückkopplung entsteht und Xaviers eigenes Bewusstsein erlischt. Der Blick des hirntoten Professor X richtet sich auf den Leser und scheint zu fragen „Zufrieden? Mehr davon?“

Deadpool & Xavier

© Marvel

Am Ende versuchen die Macher, ihr Werk ins Humoristische zu retten, als sie sich selbst ins Comic einfügen und damit der Lächerlichkeit sowie dem entfesselten Deadpool preisgeben, doch der Stachel sitzt längst. Der Zeigefinger ist auf den Leser gerichtet, das Urteil gesprochen.
Wenn das Objekt, auf das der Voyeur schaut, auf welches der Fetischist seine Phantasie projiziert, sich plötzlich an ihn wendet und auf ihn zurück reflektiert, ist der Spaß entlarvt: Das hier ist alles nur Humbug, alles nur Mummenschanz zu Deiner Unterhaltung! Du willst ja keine Dokus schauen oder Sachbücher lesen! Du willst „Action“ und Gewalt, gern mit einer Prise sadistischer Kreativität. Das macht Dich an und dann sitzt auch die Brieftasche locker. Gern bediene ich Dich, ist ja leicht verdientes Geld.“

Autor Cullen Bunn hätte alles ganz harmlos und mit gewohntem Deadpool-Humor abfeiern können, aber er hat sich zur Maßgabe gemacht, nicht einfach nur Deadpool alle Helden und Schurken umbringen zu lassen, sondern auch das Alleinstellungsmerkmal der Figur zur Waffe zu machen. So bringt in der Figurenwelt nicht eine Figur alle anderen um, eine Idee entlarvt – und tötet damit – eine andere. Radikal zu Ende gedacht tötet Deadpool damit nicht nur das Marvel-Universum, sondern fiktionales Erzählen als solches.