Morrison

Der Comic-Autor Grant Morrison begeistert und beschäftigt mich schon seit Jahren. Aktuell lese ich seinen Lauf bei Doom Patrol, Ende der 80er erstmals erschienen. Zuvor hatte ich mich an The Filth und The Invisibles versucht, aber beide waren mir in ihren Motiven zu abstrakt, zu fern vom Fokus auf einem interessanten Plot und stattdessen zu sehr auf Konzepte, Motive und Symbolismen konzentriert. Ähnliches habe ich bei Doom Patrol befürchtet, aber es hat sich nicht ganz bewahrheitet. Morrison lässt zwar immer wieder völlig abstrakte und abstruse Denkwelten auf den Leser los, aber sie entfalten sich nicht so ausladend wie in Filth oder Invisibles. Fast kommt es mir so vor als hätte ein leitender Redakteur Morrison an der völligen Ausuferung gehindert. Innerhalb der Erzählwelt gibt es zudem die Figur Robotman, einen ganz normalen, bodenständigen Charakter, der dem Leser als ein wunderbarer Anker dient, um nicht gänzlich die Orientierung zu verlieren.
Was mir nun aber nach dem zweiten Sammelband Doom Patrol aufgefallen ist, ist folgendes Phänomen, das ich glaube auch in allen anderen Comics von Morrison gespürt zu haben – bis ich es heute konkret bemerkte: Morrison schreibt immer wieder Comics mit klassischen und mitunter sogar archetypischen Heldenfiguren (siehe New X-Men und natürlich vor allem anderen All-Star Superman und Batman). Was Morrison aber immer meidet ist das Heldentum als solches. Seine Protagonisten, seien sie sonst auch noch so strahlende Helden, handeln selten bis nie, weil sie sich als Helden, Vorbilder und Retter empfinden. Die bei Morrison entwickelten Konflikte sind meistens so nah an den Figuren selbst dran, dass es keinen Ansatzpunkt gibt, dass die Charaktere sich zwischen Bösewicht und Weltbevölkerung werfen könnten. Die Helden selbst werden bedroht oder wenigstens zu einem späteren Zeitpunkt so stark involviert, dass der klassische Held, der den Bösewicht stoppt, in dieser althergebrachten Form nicht auftritt.
Einzelne Geschichten, z.B. New World Order aus seinem Lauf bei JLA, scheren hier sicherlich aus, aber der typische Verlauf ist sonst nicht der des intervenierenden Helden. Es beginnt meist schon mit einer reinen Untersuchung der aufkeimenden Entwicklung und schon ist der Protagonist voll und ganz involviert und meist fundamental von der Angelegenheit bedroht.
Hinterher hat der Held überlebt und ist manchmal auch an dem Erlebnis gewachsen, aber er winkt nicht den jubelnden Massen zu und wird gepriesen. Er hat sich selbst nicht aufgegeben und sich nicht dem Konflikt ergeben.

Vielleicht ist Morrison deswegen so hoch als Autor angesehen: er geht mit seinen Geschichten nah an die Figuren heran und positioniert sie in krisenhafte Situationen, die ihre Leitmotive und tragenden Kräfte bedrohen oder in Frage stellen. Ist der Konflikt gelöst, geht der Held gestärkt daraus hervor. Für den Leser ist das natürlich ein ganz anderes Erfahren der bekannten Figur.