Berührungen

Berührungen sind für mich Gesten mit Bedeutung, bewusste Gesten mit deutlicher Bedeutung. Mindestens immer mit der Bedeutung, dass der heilige Raum der körperlichen Trennung durchschnitten wurde und ein direkter Kontakt hergestellt wurde. Das signalisiert etwas, immer, auch trivialste Kleinstberührungen wie eine flüchtige Hand auf einer Schulter. Wenn es meine Schulter ist, signalisiert das in den meisten Fällen mir persönlich, dass ich schon wieder „angetatscht“ wurde und das nicht will. Selten bis nie. Eben weil Berührungen für mich immer eine Bedeutung haben (und ich außerdem ein Freund der Herausforderung bin, mit Worten so pointiert Bedeutungen zu transportieren, dass physische Berührungen unnötig werden), spare ich mir die konkrete Berührung gern als ein finales Stilmittel der Kommunikation auf. Andere sehen das anders. Zu meinem Leidwesen.
Einer meiner Kollegen hat meine Aversion gegen sinnleere Berührungen bemerkt und sich selbst und den anderen Mitarbeitern den Spaß der gezielten Störberührung mir gegenüber eröffnet. Schön für ihn, für sie alle.
Meinetwegen mag ich ihm, ihnen und vielen anderen als prüde oder verklemmt erscheinen, ich selbst empfinde mich nicht so. Ich berühre gern andere und werde extrem gern berührt – wenn es etwas bedeutet. Mit Wohlbehagen denke ich daran zurück, wie meine Mutter – damals war das eine Routineaufgabe in jeder Familie – auf meinem Kopf nach Läusen suchte. Dieses fürsorgliche, sanfte Streichen durch meine Haare.
An einem meiner letzten Abende in München tanzte ich mit einer jungen Frau, die ich nie zuvor getroffen hatte und seither nie wieder sah. Irgendwann schmiegt sie sich an mich und griff beherzt eine ganze Hand voll Haare an meinem Hinterkopf. Diesen Moment werde ich immer als wahnsinnig schön in Erinnerung behalten.
Wann immer ich einer Frau näher kommen durfte, liebte ich es, mit meinen Fingern sanft mit ihren zu spielen, so zart es mir in meiner nervösheitsbedingten Grobmotorik möglich war. Kleine Blitze der dahingehauchten Berührungen meiner Fingerspitzen an ihren Fingern, ihren Handrücken, ihren Handinnenflächen auslösen und ganz auskosten.
Dass wir in einer (angeblich) distanzierten, (angeblich) entfremdeten, (angeblich) unzarten Gesellschaft leben, kommt mir entgegen. So kann ich sorglos wirklich gemeinte Berührungen aufsparen und dem Moment sein Besonderssein ganz und gar zugestehen und gönnen.

Reign

Spider-man: Reign wirkt auf den ersten Blick wie ein auf den Wandkrabbler gemünztes The Dark Knight Returns. Das mag hinsichtlich des Grundmotivs, dass ein Held sich wieder reaktiviert, stimmen, aber die Parallelen hören sehr früh auf. TDKR ist für mich das wesentlich bessere Superhelden-Comic, denn Batman ist viel planvoller, mündiger und proaktiver. Reign funktioniert als Superhelden-Comic für mich eher mittelmäßig. Es hat nämlich ganz andere Vorzüge, das es für mich zu einem intensiveren Comic als TDKR machen: es hat Motive tiefster emotionaler Verwurzelung.
Das überhaupt Grandiose an Reign ist, dass Peters Schuld Onkel Ben gegenüber nicht im Vordergrund steht. Seine Verantwortung aufgrund seiner Kraft ist nicht das Motiv, das ihm dauernd im Kopf umher bimmelt. Peter hat einen viel größeren Verlust erfahren und sich eine viel größere Schuld aufgeladen: Mary-Jane.
Die extreme Wichtigkeit von Mary-Jane in Peters Leben kam für mich nie so gut raus wie hier in Reign. Auch wenn ich jahrelang MJ bedingungslos Peter MJ wirklich liebt. Selbst in One More Day hatte ich nicht eine so deutliche Vorstellung von Peters Liebe MJ gegenüber vermittelt bekommen wie in Reign – das kann daran liegen, dass in OMD Mays Leben (und somit auch Peters Liebe zu May) über die Liebe zu MJ gestellt wurde.
Nicht so in Reign, hier wird richtig deutlich und ohne Kompromisse, bis zur völligen eigenhändigen Erniedrigung des Protagonisten die Liebe zu MJ zur persönlichen Psychose stilisiert. Und das gefällt mir, denn diese Liebe zu MJ wird in Reign so herrlich selbstsüchtig dargestellt. Sie macht Peter so menschlich, denn er will gar nicht wieder der Held sein, andere retten und den Bösen eins auf die Mütze geben. Ich glaube bis zuletzt setzt er sich nicht wirklich mit den Vorgängen in New York und dem Web auseinander. Am Anfang will er ja sogar einfach nur die Stadt verlassen, aber eins hält ihn zurück: die Vision seiner toten Ehefrau als schweigender Quälgeist und die dauerhafte Erinnerung an das einzig Wichtige in Peters Leben. Als er sie verlor, fehlte ihm jeder Grund, die Maske wieder aufzusetzen. Er konnte nie wieder ihr „Go get ‚em, Tiger!“ hören und ohne die Möglichkeit, sie zu beeindrucken, d.h. für sie heldenhaft zu sein, war das Heldentum nichts mehr wert für Peter. Er begrub das Kostüm mit ihr und hörte einfach auf.
Der Ansatz, dass das immerwährende Motiv der Verantwortung bzw. Schuld nicht mehr ausreicht, weil der Verlust von MJ Peter derart vernichtet, ist eine herrlich frische Idee und einfach auch viel menschlicher als die Idee der Verantwortung durch Kraft – um ein solches Ideal aufrecht zu erhalten, muss man ein starkes Über-Ich haben. Die „Go get ‚em, Tiger!“-Motivation ist menschlich nachvollziehbar(er) und passt sehr gut zu einer bestimmten Lesarten von Peter Parker: jener Lesart des noch immer verunsicherten Knaben, der seine Eltern verloren hat, jahrelang der zerbrechliche Bücherwurm und das Mauerblümchen par excellence war und kaum, dass er eine übermenschliche Kraft erlangt hatte, diese selbstsüchtig einsetzt und sich in den Tod seines Onkels verstrickt. Was ihn in zu diesem Zeitpunkt ins Erwachsensein katapultiert hatte, waren die neuen Kräfte, das gänzlich neue Körperbewusstsein und natürlich die dank der Schurkengalerie gänzlich anderen Konflikte in Peters Leben. Hierzu merkt der Superior Spider-man so wunderbar an, dass Peter immer nur reagiert hat und sich nie wirklich als mehr als nur ein herbeieilender Retter aufstellte. Diese Aspekte und natürlich der Verlust von Gwen und ihrem Vater sowie die permanente Angst um May spielen in diese Lesart eines nach wie vor unsicheren und verletzlichen Peters. Eben diese Lesart korrespondiert einfach sehr schön mit der „Go get them Tiger!“-Motivation.
Peter treiben in Reign keine Ideale an, sondern die Manie, MJ stolz zu machen. Am Ende wird es besonders deutlich, dass er nur auf ihr Geheiß hin den Kampf mit der Symbionten-Armee durchzieht und in den eigentlich sicheren Tod zieht.
Selbstredend kann man MJ als reine Projektion der Verantwortung dem Heldentum gegenüber deuten. Schließlich ist sie ja längst verstorben und Peter lässt sie nur einfach nicht los. Aber genau das ist der Knackpunkt seiner einfach unerträglich großen Liebe zu ihr und somit seiner Abhängigkeit von ihr.
Ich muss sagen, dass für mich in Reign endlich mal MJ als wirklich extrem starker Faktor in Peters Leben dargestellt wird und es auch zur Figur passt. Die einzige Andeutung, die ich im 616er Universum dazu gefunden habe, ist kaum eine richtige Andeutung, sondern eher die Ahnung einer bedinungslosen und nie hinterfragten Liebe Peters zu MJ – siehe HIER.
Peters Liebe zu MJ in Reign ist für mich selbstsüchtig, menschlich, ehrlich, manisch und dadurch einfach wirklich authentisch.