Entscheidungen, Entschlüsse

Wann beginnen wir, eigene, bewusste Entscheidungen über unser Leben zu treffen? Wie lange sind diese Entscheidungen wirklich frei?

Ich erinnere mich, in der Schule Wahlpflicht- und Leistungskursfächer gewählt zu haben. Diese Entscheidungen haben meinen Weg durch die Sekundarstufe II zum Abitur hin geprägt. Als ich selbiges dann erlangt hatte, wurden meine vormals getroffenen Entscheidungen relativ egal, ich hatte halt Abitur. Diese Entscheidungen für einige besonders zu betonende Schulfächer waren Entscheidungen, keine Entschlüsse.

Ich unterscheide: eine Entscheidung trifft man aus einer Anzahl von Optionen. Vor eine Entscheidung wird man gestellt. Entschlüsse fässt man aus einer nicht bestehenden Notwendigkeit, eine Entscheidung zu treffen, heraus. Man wählt nicht aus Optionen, die auf einen eindrängen, sondern man schafft sich eine neue Option, die man auch automatisch wählt.

Entscheidungen versus Entschlüsse also.

Nach Erlangung des Abiturs musste ich mich zwischen Wehr- und Zivildienst und danach für eine Zivildienststelle entscheiden.
Was danach kam, war eigentlich auch nur eine Entscheidung, fühlte sich aber wie ein Entschluss für mich an, sogar wie ein sehr autonomer. Ich studierte Literaturwissenschaft und Soziologie. Brotlose Künste ohne automatisch-zwingende Berufsziele. Geistes- und Sozialwissenschaft, die ihrer selbst willen existieren. Bildung statt Ausbildung.
Nach dem Studium fühlte sich alles wieder an wie Entscheidungentreffen. Die Auswahl der Firmen denen ich eine Bewerbung zukommen ließ, war ein Prozess der Entwickelns eines Kompromisses zwischen dem, was ich kann und dem, was ich wollte. Glücklicherweise nahm mich eine Firma aus dem allerersten Schwung, als dieser Kompromiss noch sehr ausgewogen und nicht von schleichender Verzweiflung geprägt war.
Nach drei Jahren bei dieser ersten Firma entschied ich mich, den Arbeitgeber zu wechseln und bin nun dort seit 17 Monaten.

Abgesehen von meinem Studium sehe ich rückblickend nur Entscheidungen, keine Entschlüsse und empfinde, dass ein Entschluss etwas Riskantes, Waghalsiges gewesen wäre – also eine neu geschaffene Option ins Spiel zu bringen, so wie es Leute tun, die Geschäftsideen haben und für diese alle materiellen Güter liquide machen, um „ihr eigenes Ding zu machen“, um dann entweder zu scheitern oder zu obsiegen. Entschlüsse, wie das Land zu verlassen und sich anderswo „irgendwie durchzuschlagen“, um dann irgendwo in einer Neuseeländischen Kleinstadt Florist mit Frau und drei Kindern zu werden.
Um mich herum sehe ich fast nur Entscheider, wenige Entschließer und genau das ist der Normalzustand. Derjenige, der sich selbst eine neue, eigene Option schafft, ist der Abweicher, der auf Gedeih und Verderb mehr als eine Entscheidung will. Alle anderen wählen ein Mindestmaß an Grundsicherung und Selbsterhaltung und beschränken sich auf Entscheidungen und das ist normal so und es ist auch normal, dass das für immer so bleibt und nicht nur eine Phase abdeckt, in der man sich für das Wohl der Gesellschaft unterordnet und dann ab bspw. 30, 35 oder 40 Jahren seine Freiheit bekommt und nur noch Entschlüsse zu treffen hat.
Keine Entschlüsse fassen zu wollen fühlt sich wie das Richtige an – oder besser andersrum betrachtet: sich zu Entschlüssen aufzuschwingen und sich in etwas zu „stürzen“, das sich nicht per se angeboten hätte, hat etwas Riskantes, Unüberlegtes, den Hauch eines Glücksspiels. Typische Floskeln hierbei sind doch, das jemand „es versucht“ oder sein „Glück versucht“, „seinem Traum nachjagt“ oder was auch immer. Der Beigeschmack des Abenteuerlichen und nicht vollends Abgesicherten schwingt mit, förmlich greifbar ist der Subtext „wider besseres Wissen“. Wir werden vom gesellschaftlich vorherrschenden Meinungsbild und der Struktur unseres komplex organisierten Zusammenlebens in einer modernen arbeitsteiligen, kapitalistischen Gesellschaft nicht dazu ermuntert, Selbstverwirklichung anzustreben. Wir sollen punktuellen und kontrolliert dosierten Eskapismus, den die Tourismus- und Unterhaltungsindustrie für uns organisiert, betreiben, aber wir sollen nicht ausscheren.

Ich glaube, dass die Welt um mich herum zum massiven Großteil aus Menschen besteht, die etwas machen, damit sie etwas machen, weil man ja was machen muss.
Hier jetzt über Gegenentwürfe zu sprechen und Gegebenheiten wirklich ganz genau und hochdetailliert zu betrachten, würde den Rahmen sprengen.

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