Anlauf

Was ist süßer? Die liebste Leckerei oder die liebste Leckerei nach vierzig Tagen des Verzichts?
Um mich herum fasten Menschen. Einige recht streng (Verzicht auf Fleisch, Alkohol, Süßigkeiten), andere eher locker-punktuell (Verzicht auf Süßigkeiten). Der Moment, in dem man weiß, dass man es geschafft hat und sich das lange Vermisste wieder gönnt hat mehrfache Wirkungsebenen. Zum einen die rein physiognomische Resensibilisierung durch das lange Ausbleiben bestimmter Reize, aber auch der Stolz und die egoistische Euphorie über das lange Aushalten. Die Pointe besteht also im Grunde aus der langen Nicht-Präsenz und ihrer Wiederkehr und hierbei ist es eigentlich im Grund egal, worum es geht. Demnach kann ich auch nahtlos zum eigentlichen Thema dieses Eintrags übergehen: Dumas‘ „Graf von Monte Christo“.

Ich habe ihn noch nicht ganz gelesen, kann aber jetzt schon Aussagen über einen sehr interessanten „Anlauf“-Effekt treffen, denn auch hier greift die Mechanik des Fastens. Edmond Dantès wird aufgrund einer Intrige, die auf Neid und Missgunst fußt, eingekerkert und erlangt erst nach vierzehn Jahren die Freiheit zurück. Dank der „Erbschaft“ seines Mitgefangenen ist Edmond schlagartig unermesslich reich und somit zu allem befähigt und selbstredend sinnt er auf Rache.
Die soeben zusammengefassten Entwicklungen umfassen lediglich die ersten 400 Seiten des Buches. Es folgen weitere 1.000.
Von diesen weiteren 1.000 Seiten habe ich heute ungefähr die 700. gelesen und bis zum aktuellen Zeitpunkt las ich einen nahezu lupenreinen Gesellschaftsroman über die angesehenen Personen Pariser Adels-, Verwaltungs- und Politkreise. In eben diese Sphären haben es Edmonds Intriganten nämlich inzwischen geschafft. Edmond selbst nennt sich inzwischen Graf von Monte Christo (auf dieser kleinen Insel lag der geerbte Schatz vergraben) und mischt sich munter unter eben jene vornehmen Kreise. 700 Seiten lang soziales Getummel, an dem Edmond in seiner neuen Identität als exzentrischer, exotischer und extrem gewinnender Graf teilnimmt und nur sachte höchst indirekte kleine Impulse gegen seine natürlich ahnungslosen Feinde abgibt, z.B. die Manipulation des Telegrafen-Wärters, sodass eine Falschmeldung aus Edmonds Feder zu einem erheblichen Kapitalverlust des Baron von Danglars führt.
So geht das also munter voran und teilweise entfernt sich die Erzählung völlig von Edmonds Person. Der ganze Handlungsstrang rund um die junge Valentine hat (bislang) rein gar nichts mit dem eigentlichen Protagonisten zu tun.

So ein sich fast nur noch dahinschleppendes Buch hätte ich eigentlich schon längst von mir gestoßen, aber das harmlose Geplätscher war auf eine angenehme und sehr harmlose Weise recht kurzweilig. Man muss schließlich auch nicht jeden Satz mit vollster Aufmerksamkeit aufsaugen, sondern darf sich auch mal einen lockeren Spaziergang durch die Zeilen erlauben.
Jedenfalls las ich just heute einmal mehr einfach so in der U-Bahn ein paar Seiten und musste noch bevor ich die Hälfte meines Heimweges zurückgelegt hatte, die Lektüre beenden und das Buch wegstecken. Dumas holt die Ernte ein.
Erst vor kurzem verstarb der erste der drei Hauptschuldigen, allerdings aus eigener Gier und Dreistigkeit, die ihn seither auszeichnete. Ihm offenbarte sich Edmond kurz vor seinem Tod als der wiedergekehrte Verbannte. Das war an sich eine nett zu lesende Begebenheit, weil nun doch mal endlich einer seine gerechte Strafe erhielt, allerdings lag der Auslöser zu dieser „Vollstreckung“ nicht in Edmonds Hand, er reagierte hier nur und bestimmte das Ende dieser Begebenheit, die der nun Tote selbst einleitete.
Anders aber bei der heutigen Episode. Hier leitete Edmond schon vor langer Zeit die aktuellen Ereignisse ein und gedenkt nun, es zu Ende zu führen. Die schon oft beschworenen 700 Seiten angenehmer Liegestuhllektüre lullten mich als Leser regelrecht ein. Anfangs wartete ich noch auf eine rasche Rache und gab mich dann damit zufrieden, erst einmal nichts davon zu bekommen. Das Motiv der Rache wurde am Anfang mehr als deutlich eröffnet und dann kalt gestellt. Man fastet.
Edmond schmorte vierzehn Jahre im Kerker und stürzte sich dann nicht gleich blind auf die Intrigenspinner. Ebenso wenig kommt der Leser in den Genuss einer unmittelbaren Rache. Wie einfach hätte Dumas abhandeln können, dass sich Edmond mit neuer Identität als Graf von Monte Christo in die Kreise der Pariser Höherstehenden gesellte und dort schlau und vorausschauend alles vorbereitete. Dann wäre das Buch um einiges schlanker ausgefallen, aber der Schwung der langen Harmlosigkeit, der Anlauf durch das widerstandslose Schönwetterschwadronieren macht doch das Ausführen der nun gesetzten Pointen erst so vollwertig, so machtvoll. Jeder Verdacht Autor und/oder Protagonist könnten unterwegs doch verweichlichen und die Lust auf Rache verlieren, wird dem Leser um die Ohren gehauen.
Die Wellen des „Doch!“ hallen durch einen 700 Seiten weiten Resonanzraum.