Hindernisse

„Rolltreppe, 1,5 Meter breit: rechts stehen, links gehen. Klappt. Steintreppe, 6 Meter: Stehblockade durch spontane Schlafmützenkette. Immer.“ (Quelle)

Mir ist auch schon oft unangenehm aufgefallen, dass sich Fußgänger nahezu anarchisch und vor allem sehr selbstbezogen bewegen. Man läuft einen langen Gang in einer U-Bahn-Station entlang und wird fünf Meter vor einer Gabelung von jemandem geschnitten, dem anscheinend erst kurz vor knapp eingefallen ist, dass er ja nach rechts müsse. Ich denke dann immer an den motorisierten Straßenverkehr, bei dem man schon rechtzeitig (wenn auch „rechtzeitig“ein dehnbarer Begriff ist) in die richtige Spur einfädelt, sobald man abbiegen möchte.
Die beiden Vorteile beim Straßenverkehr: man wird auf ihn angelernt und hat technische Hilfsmittel, die einen an die Hand nehmen und einem den Rest der Welt bewusst(er) machen.
Punkt eins ist klar: die Fahrschule. Hier lernt man, wie man voran kommt, ohne die Regeln (auch ein wichtiger Punkt: die Existenz expliziter Regeln) zu verletzen, jemanden zu gefährden oder das totale Hindernis darzustellen – idealerweise.
Punkt zwei: im Straßenverkehr gibt es einerseits aufgezeichnete Spuren, Verkehrsschilder, Ampeln und auf der anderen Seite Rückspiegel. Rückspiegel! Jeder, der schonmal hinter einer den gesamten per se schon zu engen Gehweg versperrenden Dreiergruppe festhing, hat sich bestimmt einen Rückspiegel für die Vorderleute gewünscht – eher noch eine laute Hupe für sich selbst, aber das ist schon wieder ein Ausdruck der fußgängerischen Selbstbezogenheit, denn jeder, der nun bereits laut und böswillig die vor ihm Laufenden anzuhupen ansetzt, bedenke: sie können es ja nicht wissen. Keine Augen am Hinterkopf und 360°-Hypersinne hat nur Triumph. Schützt Unwissenheit wirklich nicht vor Strafe?

Ich glaube nicht, dass es rein sicherheitshalber Regeln im Straßenverkehr gibt, sondern weil sie bitter notwendig sind. Greifen keine Regularien ein, sind wir Egoisten vor dem Herrn und kenne keine Rücksicht. Besonders schlimm finde ich dahingehend Bahnhöfe, vor allem die großen. Egal wie kurz die Strecke ist, die ich gehen muss, ich weiche immerzu aus, bremse ab und lasse mich schneiden. Vielleicht sind die Leute völlig fremd in der Stadt, unter Zeitdruck und durch persönliche Missgeschicke abgelenkt und stehen daher neben sich, aber ich glaube andererseits auch nicht daran, dass 80% der Anwesenden an Bahnhöfen psychisch grade viel zu schwer belastet sind, um mal kurz auf die anderen Menschen zu achten. Ich glaube einfach an das Gesetz der Masse. Je mehr Menschen umso heilloser das Chaos und umso näher man gezwungenermaßen zueinander gepfercht ist (Stichwort „Weihnachtsmärkte“) umso stärker schottet man instinktiv ab und will sich mit der fremden Masse der anderen nicht mehr auseinandersetzen. Es sind nicht mehr andere Leute, die auch Sorgen haben, auch mal spät dran sind, auch mal einen unnötig späten Feierabend hatten und darum im Stress sind – es sind einfach nur andere Leute, eine Ansammlung anderer, die jeden überfordern würde, wollte er nur Individuen sehen und jedem freundlich in die Augen schauen.
Was die Stehenbleiber angeht, die auf der Steintreppe – oder in einem meiner Fälle mal auf dem Absatz einer U-Bahn-Treppe – einfach so herumstehen und den eigentlich fließenden Verkehr zum Stocken bringen: sie sind jene, die einfach nicht das Ganze drumherum sehen. Sie sind jene, die Rückspiegel bräuchten, um zu verstehen, dass sie Teil eines Stroms, eines Systems sind und nicht einfach stehenbleiben können, nicht auf Fußwegen, nicht auf Treppenabsätzen, nicht in den Türen öffentlicher Verkehrsmittel. Ich frage mich nur (immer wieder), wie man ihnen es schonend beibringen kann, wie man einen nach dem anderen darüber aufklären kann, dass es manchmal auch ein klein wenig rücksichtsvoller zugehen kann. An einer derartigen Erziehungsanstrengung sind schon andere gescheitert.