Kundera

Ich weiß, dass es fast schon töricht ist, Zitate aus ihrem Kontext gerissen zu präsentieren, aber eine kurze Passage aus Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ gefiel mir dann doch zu gut, um sie und ihr Gefallen nicht mitzuteilen. Gesagt sei vorab, dass sie (in meiner Ausgabe) erst auf Seite 114 erscheint und wir also bereits einiges an Zeit mit den Protagonisten verbracht und sie sehr gut kennengelernt haben. Niemand steht für absolute Böswilligkeit und jeder ist auf seine Art aufrichtig. Die folgende Passage schildert den Moment nach Franz‘ Geständnis seiner Affäre mit Sabina seiner Frau gegenüber. Seine Frau reagiert „kalt und beharrlich“ und Franz realisiert:
„Sein Leben lang hatte er gefürchtet, sie zu verletzen; nur aus diesem Grunde hatte er sich die freiwillige Disziplin einer verdummenden Monogamie auferlegt. Und nun mußte er nach zwanzig Jahren feststellen, daß seine Rücksicht völlig fehl am Platze gewesen war und er aufgrund dieses Mißverständnisses andere Frauen verloren hatte.“
Disziplin, Rücksicht, Missverständnis: so fasst Kundera eine zwanzigjährige Ehe zusammen und erklärt uns schnell und einfach, wieviel wir doch aufgrund sozialer Verträge tun oder nicht tun. Wo enden Konsens und Kompromiss und wo beginnt Verzicht und Zwang? Wo geht die Selbstverwirklichung in Egoismus über? Ist eine schonungslos ehrliche Kommunikation die Lösung – und wenn: ist sie möglich?
Ich mag Kundera sehr. Von ihm habe ich bislang zwar nur „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ (aktuell anderthalb mal) sowie „Die Kunst des Romans“ und „Der Vorhang“ gelesen, fühle mich aber schon allein dadurch wesentlich erfüllter als durch das gesamte Œvre von manch anderem. Bei ihm und Houellebecq fand ich bislang auf literarischem Terrain die interessantesten Ansichten über den Menschen und sein Wesen.
Von Kundera stammen auch die in „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ eingelassenen sehr lesenswerten Ausführungen über den Kitsch und der unendlich liebenswerte Satz:
„Kitsch ist die absolute Verneinung der Scheiße.“